„Ein Tag für die Musik“ – Auf musikalische Spurensuche entlang der Lahn

Am Sonntag, den 6. Mai findet zum ersten Mal „Ein Tag für die Musik“ im Musikland Hessen statt. Unter dem Motto „Spurensuche“ startet das Projekt unter Federführung von hr2-Kultur unterstützt vom Landesmusikrat Hessen und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

An diesem Tag soll die reichhaltige, musikalische Vergangenheit von Hessen sowie das vielseitige aktuelle Musikleben dargestellt werden. Über 40 Konzerte finden an diesem Tag statt  – vier in der Region Limburg. Reinhard Pabst und Dr. Bernold Feuerstein, die Veranstalter hier vor Ort, stellten das Programm vor.

Musik und NS-Mord – eine Spurensuche in Hadamar

Von 11 bis 13 Uhr gibt es einen Stadtrundgang in Hadamar. Die Teilnehmer begeben sich auf die Suche nach Komponisten, welche sich in ihren Werken mit den Euthanasie-Morden auseinandergesetzt haben. Hadamar ist ein Synonym für die Euthanasie-Verbrechen des Nazi-Regimes. Rund 15.000 Menschen wurden zwischen 1941 und 1945 hier umgebracht. Damit haben sich nicht nur namhafte Autoren auseinandergesetzt, sondern auch eine Reihe von Komponisten und Musikern. Beim Rundgang stellen Anna Theis und Reinhard Pabst diese vielfach vergessenen Künstler, ihre großteils unbekannt gebliebenen Werke sowie Neues zum historischen Hintergrund vor. Anna Theis war Schülerin am Landesmusikgymnasium Montabaur. 2015 beschäftigte sie sich intensiv mit der Biografie von Berta Ebeling. Berta Ebeling war mit eines der ersten namentlich erwähnten Opfer aus Hadamar, welche bereits 1953 erwähnt wurde und dann in der Unbekanntheit versank. Ihre Biografie stellt Theis ausführlich vor.

Treffpunkt ist vor dem Rathaus-Café, Untermarkt 7, Hadamar

Bronze, Blech und Blei

Den zweiten Teil des Tages mit drei unabhängigen Konzerten veranstaltet der Verein „Toccata Orgelkultur Limburg-Weilburg“. Unter dem Titel „Bronze, Blech und Blei“ gibt es Orgel-, Bläser- und Glockenklänge entlang der Lahn.

15 Uhr Glocken und Orgel-Carillons in der Basilika St. Lubentius Dietkirchen
16 Uhr Orgel und Glocken im Schatten der Burg, evangelische Kirche Runkel und Zehntscheune Runkel
19 Uhr Klangspuren und Singphonie in der Pfarrkirche St. Peter und Paul Villmar

Bereits 2015 organisierte Toccata eine erfolgreiche Orgelkarawane. An diesen Erfolg möchte der Verein nun anknüpfen. Dies ist auch sehr passend, wo die Orgel doch seit Dezember 2017 immaterielles Kulturerbe ist. Somit war recht schnell die Idee geboren, den heimischen Orgelbau sowie die Glocke als klangliches Motiv und Blechbläser miteinander zu verbinden und zu einer außergewöhnlichen Spurensuche einzuladen.

Spurensuche in Geschichte und Musik

Die Spurensuche findet auf verschiedenen Ebenen statt. Zum einen ganz klar die musikalische Ebene, doch auch geschichtliches wird es zu entdecken geben. In Dietkirchen erhalten die Teilnehmer einen akustischen Einblick in 5. Jahrhunderte Orgelliteratur, welches Glocken imitierte. An dem Tag werden die Teilnehmer insgesamt 20 Glocken kennenlernen und hören. Die Hälfte davon stammen aus hessischen Gießereien. Nur drei Glocken sind historisch. Zwei funktionieren noch, eine auf dem Turm in Dietkirchen und eine auf dem Turm in Runkel.  Eine weitere steht in der evangelischen Kirche in Runkel. Sie wurde 1634 bei der Brandschatzung beschädigt. Dann galt sie lange als verschollen und wurde später wiedergefunden. Sie dient als Mahnmal für die schreckliche Zeit, die Runkel damals erlebte. In dieser Kirche existiert auch noch eine Orgelpfeife aus dem Spätrenaissance, welche während der Brandschatzung nicht verschmolz. Untermalt werden diese historischen Spuren von alter und zeitgenössischer Musik. In der Zehntscheune gibt es dann ein musikalisches Intermezzo mit dem Gabrieli-Ensemble und Werken alter Meister. Gegen 17.30 Uhr ist ein Stadtgeläut mit allen Glocken der drei Kirchen in Runkel geplant.

Diese beschädigte Glocke steht als Mahnmal in Runkel.
Foto: Dr. Feuerstein

Singphonie als musikalischer Höhepunkt

Als musikalischen Höhepunkt bezeichnen Pabst und Feuerstein um 19 Uhr die „Klangspuren und Singphonie“ in der Pfarrkirche Villmar. Dieses Konzert wird von Markus Stockhausen, Florian Weber und Tara Boumann gestaltet. Das Konzert wird beschrieben als „großer Abend des gemeinsamen Musizierens“. Die drei Musiker stehen für intuitive Musik, die spontanen Eingebungen folgen auf der Suche nach einem gemeinsamen Klang und klingenden Harmonien. „Es wird ein intensiver, musikalischer Moment“, so Pabst. Im Vorfeld überlieferten Pabst und Feuerstein die Inschriften der Villmarer Glocken an Stockhausen, welcher diese als Grundlage für seine musikalische Meditation nutzen möchte. Dieses Konzert wird eine Uraufführung sein und etwas Einmaliges. „Was wir hören, ist im nächsten Moment verklungen und nur noch Erinnerung“, so Dr. Bernold Feuerstein, „und was an dem Abend passiert, ist unvorhersehbar.“

Es schließt sich der Kreis

Das letzte Konzert mit Markus Stockhausen ist ein besonderer Höhepunkt, aber rahmt den Tag auch ein. Denn auch in Hadamar spielt die Familie Stockhausen eine Rolle und ist etwas besonderes für Reinhard Pabst. Als 15-jähriger schrieb er eine Arbeit über den modernen Komponisten Karlheinz Stockhausen, Vater von Markus Stockhausen und hat daher eine enge Verbindung zu der Familie. Die Großmutter von Markus Stockhausen wurde in Hadamar umgebracht und sein Vater schrieb die Oper „Donnerstag“ darüber. Eine Schülerin vom Landesmusikgymnasium Montabaur recherchierte über das Leben und Sterben der Gertrud Stockhausen.  2016 wurde die Oper wieder in Basel aufgeführt und legte die Arbeit der Schülerin zugrunde. Bei dem Stadtrundgang durch Hadamar wird die Geschichte der Familie Stockhausen auch erzählt.  „Für mich schließt sich an dem Abend der Kreis zu meiner Arbeit als 15-jähriger“, so Pabst.

Reinhard Pabst (li) und Dr. Bernold Feuerstein stellen das Programm zum „Ein Tag für die Musik“ vor.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Um eine Spende wird gebeten.

Mehr zur Premiere von „Ein Tag für die Musik“ erfahrt ihr auf der Internetseite des hr2.

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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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