Hintergrund zum Gülleunfall am Donnerstag – Was macht die Gülle im Wasser?

Nach dem Unfall in der Biogasanlage in Laubus-Eschbach mit der auslaufenden Gülle und dem anschließenden Fischsterben hatte ich einige Fragen. Ich habe ein wenig recherchiert, welche biologischen Vorgänge nun im Wasser ablaufen.

Was ist passiert?

In Laubus-Eschbach (Weilmünster) lief am Donnerstagmorgen, den 5.Oktober, durch einen Defekt an der Biogasanlage, über 500.000 Liter Gülle aus und in den angrenzenden Bleidenbach sowie von dort in die Weil und in die Lahn. Dies führte zu einem sofortigen, massiven Fischsterben sowie Sterben anderer Lebewesen. Mehr zu den direkten Vorkommnissen könnt ihr im NNP-Artikel „Defekt an Biogasanlage vernichtet Fische in Flüssen“ (6.Oktober) sowie „Gefährlicher Unfall: Ausgelaufene Gülle“ (7.Oktober) nachlesen.
Am Wochenende stand bei Runkel Schaum auf der Lahn. Dies war ein Zeichen dafür, dass die Gülle auch die Lahn erreicht hat. Bis zum heutigen Tag reduzierte sich dieser Schaum, ist jedoch noch nicht vollständig verschwunden.

Woraus bestand die auslaufende Substanz?

Fälschlicherweise wurde die auslaufende Substanz als Gülle bezeichnet. Doch eigentlich handelt es sich um sogenanntes Gärsubstrat, welches in der Biogasanlage aus biologischem Material entsteht. Hier fand bereits ein Abbau der eingebrachten Gülle statt. Der bedeutendste Rohstoff zur Erzeugung von Biogas ist der Mais, aber auch Zuckerrüben und andere Pflanzen dienen als Rohstoff. Mikroorganismen verstoffwechseln diese anaerob (unter Sauerstoffausschluss). Dabei entsteht Methan, welches als Biogas zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt wird. Das übrige biologisch, nährstoffreiche Substrat ist geruchsfrei und wird zum Beispiel als Dünger verwendet.

Was passiert mit diesem Gärsubstrat im Wasser?

Gelangt dieses Gärsubstrat aus dem anaeroben Silo an die Luft, startet direkt ein weiterer aerober (unter Anwesenheit von Sauerstoff) Abbau des Substrates. Die Mikroorganismen entziehen dem Wasser Sauerstoff, so dass die Lebewesen in den Bächen keine Luft zum Atmen mehr haben und dadurch ersticken. Durch den mikrobiellen Abbau finden sich in dem Gärsubstrat zudem hohe Konzentrationen an giftigem Ammoniak, der ebenfalls ins Wasser gelangt. Diese Stickstoffverbindung greift die Leber und die Kiemen der Fische an, was auch zum Tode führt. Wie schlimm die Auswirkungen sind, liegt mit an der Konzentration der Substanzen, aber bei 300.000 Liter war dies keine Kleinigkeit. Durch den Unfall kam es zu einem plötzlichen Eintrag, der sich massiv auf das Ökosystem auswirkte. Nicht nur die Fische, sondern jegliche Lebewesen in den Bächen waren davon betroffen. Auch durch Besetzungsmaßnahmen  nach dem Unfall kann das Ökosystem nicht so schnell wieder hergestellt werden. Es genügt nicht alleine, Fische in das Gewässer einzubringen. Auch die Nährtiere müssen wieder angesiedelt werden.

Warum wird mit weiteren Folgen im kommenden Frühjahr in den Gewässern gerechnet?

Bis heute sind keine toten Fische in der Lahn gefunden worden. Dennoch kann dieser Unfall noch extreme Folgen im kommenden Frühjahr für das Gewässer haben. In verschiedenen Bereichen der Lahn existieren unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten. Vor allem zwischen den Wehren z.B. zwischen Runkel und Limburg ist die Fließgeschwindigkeit sehr niedrig, teilweise staut sich das Wasser zurück. Am Grund des Flusses existieren kaum Strömungen. Die Partikel in dem Gärsubstrat sind sehr schwer und lagern sich auf dem Boden ab. Sie werden nicht weggespült. Im Frühjahr, wenn die Sonne stärker scheint und die Temperaturen steigen, sorgen diese überschüssigen Nährstoffe für die Entstehung zahlreicher Mikroalgen. Diese produzieren mit ihrer Photosynthese Sauerstoff und der Sauerstoffgehalt nimmt extrem zu. Es findet eine Übersättigung an Sauerstoff statt, was die Kiemen der Fische verbrennt. Größere Fische ziehen sich zurück, doch es ist nicht bekannt, welche Auswirkungen diese Übersättigung auf Kleinstlebewesen hat.

Bereits in den vergangenen Jahren konnte im Frühjahr beobachtet werden, wie sich die glasklare Lahn im Frühjahr in eine braune Brühe verwandelte. Experten gehen davon aus, dass dies im kommenden Frühjahr noch extremer ausfallen wird. Ich danke Winfried Klein, Gewässerwart, für seine Einblicke in die biologischen Zusammenhänge. Ich danke ebenfalls der Interessengemeinschaft Lahn e.V. für die Bereitstellung des Bildes.

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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