Lokalgespräch Christiane Stahl – Am Ende bleibt die Liebe

Seit Ende 2014 gibt es das Hospiz Anavena im St.Anna Gesundheitszentrum in Hadamar. Mit der Hospizleitung Christiane Stahl habe ich über die Arbeit gesprochen, über die Ängste am Lebensende und über das, was am Ende bleibt.

Christiane Stahl übernahm 2015 die Leitung vom Hospiz. Es war ein sehr interessantes, aufschlussreiches Gespräch mit tiefen Einblicken. Es geht im Hospiz nicht ums Sterben, sondern ums Leben. Und im Hospiz versuchen alle, diesen Lebensabschnitt würdevoll zu gestalten.

Wie kamen Sie zur Hospizarbeit?

Christiane Stahl: Ich habe meine Mutter mit 7 ½ Jahren verloren und wie damals damit umgegangen wurde, hat mich sehr geprägt. Der Verlust hat den Alltag von heute auf morgen verändert, aber es wurde nicht darüber gesprochen. Bereits in meiner Krankenpflegeausbildung war mir klar, dass ich ins Hospiz gehen möchte. Ein Jahr war ich in Indien und Indonesien, wo ich erlebt habe, wie dort mit dem Tod umgegangen wird. Der Umgang mit dem Tod und die Würde des Menschen dabei haben mich immer sehr beschäftigt.
Im Laufe meines Lebens war ich oftmals schockiert, wie mit Verstorbenen und den Angehörigen umgegangen wird. Daher wollte ich an einem Ort mitwirken, wo alle, also Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter, sich aufgehoben fühlen.

Was finden Sie an der Arbeit so wichtig?

Christiane Stahl: Das letzte Stück des Lebens ist nochmal ganz wichtig. In dieser Zeit passiert sehr viel. Daher ist es eigentlich keine Sterbebegleitung, sondern Lebensbegleitung. Viele Gedanken kommen erst, wenn es an die Existenz geht. Hospize sind Orte, wo die Menschen nicht auf ihre Krankheit reduziert sind. Sie sind das, was sie im Moment sind mit all ihren Facetten. Und das ist nicht nur die Krankheit.

Wenn der Patient nur kurze Zeit bleibt, können Sie dann trotzdem etwas für ihn machen?

Christiane Stahl: Unsere Arbeit geht über den Tod hinaus, daher können wir auch etwas für Menschen machen, die nur wenige Stunden da waren. Wenn jemand verstirbt, kann er noch zwei Tage bei uns bleiben. Wir lassen ihm Pflegemaßnahmen zukommen, die er sich gewünscht hat, Angehörige können sich verabschieden. Und selbst, wenn wir den Menschen nur wenige Stunden kennen, versuchen wir ihm dennoch eine würdevolle Zeit bei uns ermöglichen.

Was ist so faszinierend an der Arbeit?

Christiane Stahl: Es sind die Menschen und ihre Geschichten. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen, als hier zu arbeiten. Die Arbeit macht mich glücklich. Ich lerne viel durch die Menschen, über das Leben, das Jetzt. Ich lerne, jetzt die Dinge anzugehen und sie nicht auf später zu schieben. Und es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis und wir erhalten Einblicke in das Leben der Menschen über die Krankheit hinaus.

Öffnen sich die Menschen so sehr?

Christiane Stahl: Die Menschen möchten nicht nur über ihre Krankheit reden. Sie brauchen auch mal eine Pause. Sie denken an ihr Leben zurück, ziehen Bilanz und fragen sich, ob ich Leben erfüllt war.  Dabei suchen sich aber die Bewohner ihre Vertrauensperson aus. Dies kann ein Mitarbeiter sein, aber auch jemand von den Ehrenamtlichen, welche zu Besuch kommen. Uns wird ein großes Vertrauen entgegengebracht.

Haben die Menschen Angst vor dem Sterben?

Christiane Stahl: Es gibt Menschen, die sind überzeugt davon, nochmal nach Hause zu gehen. Dann missionieren wir sie nicht und überzeugen sie vom Gegenteil. Manche Menschen brauchen ihre Zeit, um es zu akzeptieren. Sie verdrängen den Gedanken dann. Dann ist bei den Menschen eine Abwehrhaltung zu spüren. Eine Angst vor dem Sterben direkt haben die Bewohner weniger. Es sind andere Fragen, die ihnen Angst bereiten: Werde ich Schmerzen haben? Was ist, wenn ich keine Luft mehr bekomme? Kümmert sich noch jemand um mich? Muss ich noch was essen oder kann ich noch was essen? Wie wird es meinen Angehörigen ergehen? Es ist nicht immer nur der Tod, sondern der Weg dahin, der ihnen Angst bereitet.

Wie gehen Sie damit um?

Christiane Stahl: Wir haben eine Trauerbegleiterin und alle haben eine PalliativCare-Ausbildung. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst und bagatellisieren diese nicht. Von der evangelischen und katholischen Kirche kommen Pfarrer für die Seelsorge.
Es wäre vermessen zu sagen, wir können jedem die Angst nehmen, denn nach dem Tod können wir nicht mehr mit ihnen sprechen. Aber wir sind da und zeigen Präsenz. Und wir können die Menschen für diesen Weg stärken.

Trotz des Todes, können Sie positive Dinge für sich mitnehmen?

Christiane Stahl: Ich glaube, dass die Liebe bleibt. Auch die Trauer bleibt, aber sie verändert sich. Wie bieten eine Trauergruppe und ein Angehörigencafé an. Es ist schön zu sehen, wie die Angehörigen nach und nach zurück ins Leben finden. Für die Zurückgebliebenen bleibt das Leben stehen und um sie herum geht es einfach weiter. Dies ist eine untröstliche Situation und da sind wir da. Wir möchten den Menschen einen Raum bieten, wo ihre Trauer verstanden wird und man sich gemeinsam erinnern kann.
Für mich kann ich mitnehmen, dass das Leben intensiv ist. Ich selbst versuche bewusster und intensiver zu leben und Konflikte direkt anzugehen. Und am Ende des Lebens merkt man auch – es ist egal, ob man arm oder reich ist, am Ende des Lebens geht es nur noch um die wichtigen Dinge des Lebens, die Maske wird abgelegt.

Können Sie die Bewohnerschicksale im Hospiz lassen oder nehmen Sie diese auch mal mit nach Hause?

Christiane Stahl: Je nach entstandener Nähe ist dies sehr unterschiedlich. Wir können den einen loslassen und den nächsten wieder neu begegnen. Früher habe ich die Arbeit mit nach Hause genommen, habe überlegt, was ich noch alles hätte machen können. Und heute gehe ich nach Hause und weiß, dass für die Bewohner alles getan wird, was möglich ist.

Sie erzählen, dass Sie gerne mit Menschen arbeiten. Hier haben Sie die Leitung übernommen.

Christiane Stahl: Ich habe mich lange vor einer Beförderung gedrückt. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass ich was verändern kann und einen anderen Spielraum habe. 2009 übernahm ich die Leitung in einem Hospiz in Taunusstein und seit 2015 bin ich in Hadamar. Hier habe ich die Möglichkeit, einen Lebensort mitzugestalten.

Sie erwähnen immer wieder die Angehörigen. Benötigen diese auch eine Betreuung?

Christiane Stahl: Hospizarbeit ist zu 50 Prozent auch Angehörigenarbeit. Woanders gehen sie häufig vergessen. Wir erklären ihnen, was mit den Menschen passiert. Für uns sind viele Dinge logisch wie eine veränderte Atmung oder ein geringerer Durst, aber für die Angehörigen ist dies eine neue Situation und sie muss ihnen erklärt werden. Wir müssen die Situation immer wieder neu vermitteln. Dazu gehört auch, ihnen zu erklären, dass der Sterbende auch mal traurig sein darf. Während die Lebenden eine Person verlieren, muss sich diese häufig von mehreren verabschieden. Da darf man auch mal traurig sein. Und nach dem Tod ermutigen wir die Angehörigen, sich zu verabschieden und bieten ihnen einen Ort an, an den sie kommen können.

Den Sterbenden werde häufig Dinge erlaubt wie rauchen oder Alkohol, was es in einem Krankenhaus nicht gibt. Gibt es Dinge im Hospiz, die nicht erlaubt sind.

Christiane Stahl (lacht): Wir versuchen alles zu ermöglichen. Wir hatten z.B. einen Hobbyschäfer hier, der sehr unruhig war. Also kam das Schaf Heidi zu Besuch und wir legten seine Hand in das Fell. Sofort hatte sich die Atmung beruhigt. Doch manchmal geht es den Leuten leider so schlecht, dass wir keine Zeit mehr dafür haben.
Was wünschen Sie sich für das Hospiz?

Christiane Stahl: Ich wünsche mir eine größere Tür auf den Balkon, dass wir die Bewohner mit den Betten rausschieben können. Ich finde Sonne und Wind enorm wichtig. Momentan ist es eine große Anstrengung für die bettlägerigen Bewohner, ihnen dies für zehn Minuten zu ermöglichen. Und ich hätte gerne Tempur-Matratzen für die Betten. Diese orthopädischen Matratzen passen sich der Körperform an, reduzieren den Schmerz und verhindern wunde Stellen beim Liegen. Solche Anschaffungen können wir nur über Spenden finanzieren.

Was wünschen Sie sich persönlich?

Christiane Stahl: Ich habe den tiefen und innigsten Wunsch, dass die Akzeptanz zunimmt, wenn Angehörige ihre Lieben ins Hospiz bringen. Diese werden häufig mit Vorwürfen konfrontiert, die Bewohner abzuschieben. Es ist traurig, dass sie in einer solchen Entscheidung, die sie sich garantiert nicht leicht gemacht haben, angegriffen werden. Dies erzeugt einen enormen emotionalen Druck. Wir sind kein dunkler Ort und wir können den Menschen helfen.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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