Lokalgespräch Hedi Sehr – 24 Stunden für die Notfallseelsorge einsatzbereit

Die Nottfallseelsorge Limburg-Weilburg gründete sich 1996, um Ansprechpartner für die Einsatzkräfte nach traumatischen Erlebnissen zu sein. Doch nicht nur um diese kümmern sie sich. Sie begleiten auch Menschen in akuten Notfallsituationen zu begleiten. 

Hedi Sehr ist seit 2003 Vorsitzende der Notfallseelsorge Limburg-Weilburg. Seit der Gründung 1996 ist sie mit dabei. Im Interview gab sie mir Einblicke, wie sie zur Notfallseelsorge kam, welche Ausbildung die Mitglieder erhalten und welche ehrenamtlichen Aufgaben der Verein übernimmt.

Wie bist du zur Notfallseelsorge gekommen?

Hedi Sehr: Vor 44 Jahren habe ich in die Feuerwehr geheiratet, obwohl ich zu Beginn nicht so feuerwehrbegeistert war. Zunächst engagierte ich mich in der katholischen Frauengemeinschaft Obertiefenbach und gründete mit eine Gruppe für junge Frauen. Ich wurde Pressewart in der Feurwehr, weil ich gerne fotografiere.
Mit vier Jahren hatte meine Tochter einen schweren Verkehrsunfall. Es war damals für mich ein gutes Gefühl, dass sich Menschen in dieser Situation um uns gekümmert haben. Die Erinnerungen an solch ein Ereignis arbeitet man jedoch sein ganzes Leben auf. Im August 1993 wurde die Notfallseelsorge in Wiesbaden als Vorreiter gegründet, 1996 dann hier in der Region. Ich bin Gründungsmitglied und von Anfang an mit dabei.

Warum wurde die Notfallseelsorge gegründet?

Hedi Sehr: Es wurde ein Bedarf bei den DRK Einsatzkräften gespürt. Daher wurde die Notfallseelsorge ursprünglich für die Einsatzkräfte gegründet. Diese hatten keine Möglichkeiten, Ereignisse zu verarbeiten. Es war ein langer Weg, die Einsatzkräfte und Führungskräfte davon zu überzeugen, dass nicht Alkohol die Lösung ist sondern das Gespräch. Früher wurde nach einem belastenden Einsatz das Geschehnis gerne in Alkohol „ertränkt“.

Was war die größte Herausforderung beim Aufbau der Notfallseelsorge?

Hedi Sehr: Die Anerkennung bei den anderen Rettungsdiensten.

Welche Ausbildungsmöglichkeiten hattet ihr damals?

Hedi Sehr: Am Anfang war es nur learning by doing, da es noch keine Ausbildung gab. Ich habe für mich nach Möglichkeiten gesucht, mich weiterzubilden wie zum Beispiel an der Landesfeuerwehrschule in Koblenz.

Wie gestaltet sich die Ausbildung heute?

Hedi Sehr: Die Ausbildung machen wir heute über den Malteser-Hilfdienst mit einem Grund- und Aufbaukurs. Die Module sind aufeinander aufgebaut. Eine eigene Ausbildung haben wir nicht, da es auch immer wieder Neuerungen gibt.

Was sollte ich mitbringen, wenn ich mich in der Notfallseelsorge engagieren möchte?

Hedi Sehr: Lebenserfahrung, Offenheit für das Thema Trauer und Sterben, die Bereitschaft, in der Gruppe zu arbeiten.

Kann jeder einfach bei euch anfangen?

Hedi Sehr: Wir haben einmal im Monat einen Gesprächsabend. Wer bei uns mitmachen möchte, muss mindestens an drei Gesprächsabenden teilnehmen. Danach findet ein Gespräch statt und der Interessent muss einen Fragebogen ausfüllen. Wenn er dann noch immer mitmachen möchte, macht er den Grund- und danach den Aufbaukurs. Die Kosten von 400 Euro sowie 820 Euro für insgesamt sechs Wochenenden übernehmen wir. Nach dem Grundkurs nehmen wir die Leute bereits unter der Patenschaft erfahrener Mitarbeiter mit in den Einsatz.

Wie finanziert ihr euch?

Hedi Sehr: Wir haben einen Mitgliedsbeitrag von 20 Euro/ Jahr und finanzieren uns dazu hauptsächlich über Spenden.

Wie läuft die Alarmierung ab?

Hedi Sehr: Der Einsatzleiter vor Ort entscheidet, ob wir gerufen werden sollen oder nicht. Wir befinden uns 24 Stunden in Bereitschaft und bei einer Alarmierung fahren wir immer zu zweit raus. Wir brechen einen Einsatz auch ab, wenn sich zeigt, dass er nicht notwendig war. Aber lieber einmal mehr hinausfahren als einmal zu spät kommen.

Welche Aufgaben übernehmt ihr?

Hedi Sehr: Neben der Nachbetreuung der Einsatzkräfte betreuen wir Angehörige oder auch Zeugen an der Einsatzstelle. Wir sprechen mit der Polizei ab, ob Angehörige informiert werden müssen und wir überbringen auch Todesnachrichten zusammen mit der Polizei.

Gibt es Probleme im Bereich Notfallseelsorge?

Hedi Sehr: In Deutschland gibt es viele Notfallseelsorgen bzw. Teams, die sich zum Teil als Kriseninterventionsteams bezeichnen. Viele davon werden von der Kirche geführt. In Hessen gibt es nur drei Vereine. Wir haben keinen Verband und daher auch keine einheitlichen Standards.

Gab es Situationen, in denen du ans Aufhören gedacht hast?

Hedi Sehr: Nein. Auch nach 21 Jahren gibt es noch immer neue Herausforderungen. Aber ich komme auch an meine Grenzen, vor allem bei sehr schweren Unfällen oder wenn Kinder involviert sind.

Welche Aufgaben nehmt ihr im Zusammenhang mit den Einsatzkräften wahr?

Hedi Sehr: Die Arbeit mit den Einsatzkräften beruht auf zwei Säulen. Zum einen in der Prävention, welche in der Ausbildung integriert ist. Wir beschäftigen uns mit den Themen Stress und Stressbewältigung. Ganz wichtig ist dabei, den Einsatzkräften zu vermitteln, dass jeder ein Puzzleteil im Einsatz ist und hinterher mit dem Gesamtbild des Einsatzes nach Hause gehen sollte.
Die zweite Säule ist die Einsatznachbesprechung, die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV). Da gilt die Regel, dass diese Nachbesprechung nicht von einem Notfallseelsorger übernommen wird, der selbst mit im Einsatz war. In diesen Nachbesprechungen fragen wir die Einsatzkräfte auch „Was war gut für dich?“, um ihnen zu zeigen, was sie geleistet haben.
Auch hier ist eine stetige Weiterbildung notwendig, da der Umgang mit diesem Thema einem ständigen dynamischen Prozess in Form von neuen Erkenntnissen unterliegt.

Welche Bedeutung hat die Notfallseelsorge für dich persönlich?

Hedi Sehr: Ich weiß, dass ich Menschen in schwierigen Situationen begleiten kann. Im Einsatz bemerken die Betroffenen im Stress häufig nicht, wer wir wirklich sind und woher wir kommen. Doch im Nachhinein kommt häufig Dank für unsere Arbeit.

Nimmst du die Einsätze mit nach Hause?

Hedi Sehr: Manchmal ja. Auch nach 21 Jahren beschäftigen mich manche Einsätze bis nach Hause und ich denke über sie nach.

Was findest du schade im Bereich der Notfallseelsorge?

Hedi Sehr: Wir werden immer mit dem Thema Tod verbunden, aber dabei leisten wir einiges mehr darüber hinaus.

Hast du Wünsche für die Arbeit der Notfallseelsorge?

Hedi Sehr: Ich wünsche mir, dass sich Leute finden, die in unsere Fußstapfen treten und die Arbeit weiterführen. Im nächsten Jahr kandidiere ich nochmal für drei Jahre und hoffe, danach eine gute Nachfolge zu finden.

 

Mehr über die Notfallseelsorge findet ihr auf deren Internetpräsenz.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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