Lokalgespräch mit den Organisatoren Jugendforum Politik „Von jungen Menschen für junge Menschen“

Im vergangenen Jahr besuchte ich im Sophie-Hedwig-Gymnasium in Diez zweimal die Veranstaltung „Jugendforum Politik“. Drei Schüler der Oberstufe initiierten dieses Projekt, um Jugendliche für Politik zu interessieren und tagespolitische sowie sonstige politische Themen mit Vertretern der verschiedenen Jugendorganisationen zu diskutieren. Meistens gelingt es ihnen, Vertreter aller Jugendorganisationen auf die Bühne zu bekommen: die Linksjugend, die Grüne Jugend, die Jusos, die Jungen Liberalen, die Junge Union (JU) sowie die Junge Alternative (AfD).
Inzwischen haben die Schüler hinter dem Format ihr Abitur gemacht und dieses Projekt aus der Schule hinaus in die Region getragen. Da mich das Jugendforum von Anfang an sehr faszinierte, wollte ich die Organisatoren dahinter treffen. Es freut mich, dass sie mir meine Fragen beantwortet haben und mir einen Einblick in ihr Schaffen gaben. Ich habe die drei als sehr selbstbewusste Menschen kennengelernt, die wissen was sie wollen und ihre Ideen zielstrebig umsetzen. Mit ihrem Format erreichen sie vor Ort tausende von Schülern und geben Einblicke in die Demokratie, die Debattenkultur und leisten somit auch einen Beitrag gegen Politikverdrossenheit. Sie selbst sprechen davon „Debatten mit Sprengkraft“ liefern zu wollen.

Meinen Fragen stellten sich Julius Kessler, Anna Hendlinger und Kevin Schwed.

Die drei Organisatoren Julius Kessler (li), Kevin Schwed und Anna Hendlinger (von rechts) beim Workshop "Demokratisches Handeln"
Die drei Organisatoren Julius Kessler (li), Kevin Schwed und Anna Hendlinger (von rechts) beim Workshop „Demokratisches Handeln“

Das Jugendforum Politik ist als Schulprojekt gestartet. Kam diese Initiative von den Lehrern oder von den Schülern?

Anna: Die Initiative kam von uns Schülern. Wir waren drei Leute, die alle in Jugendorganisationen tätig sind und wollten es daher machen.

Julius: Das ist das charakteristische. Es kommt von unten. Es ist ein Projekt von Schülern für Schüler. Es ist inzwischen ein Projekt, was von jungen Menschen gemacht und von unten hochkommt.

Was war Eure Motivation, über die Schule hinaus das Projekt weiterzuführen?

Julius: Die Entwicklung war nicht mehr zu bremsen. Die Erfolgserlebnisse kamen hinzu. Wir hatten hohe und vor allem freiwillige Zuschauerzahlen. Das Interesse nach außen hin nahm zu und verschiedene Medien berichteten über uns. Irgendwann ist uns klar geworden, dass es nicht mehr nur eine einfache Podiumsdiskussion war. Wir haben politische Bildung mit Entertainment verknüpft. Uns kam die Erkenntnis, dass wir etwas Neues hatten, was es so auf dem Markt noch nicht gab.

Julius und Anna, Ihr seid beide politisch aktiv in verschiedenen Jugendorganisationen (Julius ist bei den Jusos und Anna bei der JU). Entsteht da auch schon mal ein Interessenkonflikt zwischen Euch beiden?

Julius: Am Anfang bei den ersten beiden Veranstaltungen gab es Interessenkonflikte, da wir unterschiedliche politische Meinungen hatten. Aber es ist nicht die Frage, was die beste Gesundheitspolitik oder Bildungspolitik ist, sondern wie wir unsere Veranstaltung am besten voran bringen.

Anna: Wir suchen die Themen nicht danach aus, ob die Jusos oder Julis damit punkten können, sondern danach, was die Jugendlichen, unsere Zielgruppe, anspricht. Diese Themen diskutieren wir dann.

Die Diskussionsrunden decken ein breites Spektrum ab – Bildungspolitik, Flüchtlingspolitik, Wirtschaft oder auch die Legalisierung von Cannabis. Besonders das letzte war für mich erstmal überraschend, als ich es las, aber die Organisatoren versicherten mir, dass dies ein Thema ist, welches die Jugendlichen interessiert.

Gab es auch schon Interessenkonflikte zwischen dem JUFO und Eurer Jungendorganisation?

Anna: Ich war Beisitzerin im Kreisvorstand der JU und da gab es auch Konflikte. Ich sollte dem Moderator seine Grenzen aufzeigen. Ich habe mich dann für das JUFO entschieden, wo ich mich einbringe.

Julius: Ich habe mich beim Wahlkampf für die Landtagswahl noch engagiert, aber die Energien reichen nicht für beides. Daher mache ich jetzt auch voll das JUFO weiter. Nicht nur die eigenen Jugendorganisationen zerren an uns, sondern auch die anderen. Die Linken wollen, dass die AfD nicht dabei ist, die Konservativen finden den Moderator zu linkslastig und die AfD fühlt sich vernachlässigt. Da entstehen viele Konflikte.

Anna: Aber wir haben inzwischen eine große Plattform und die möchten sie nutzen.

An der PPC (Peter-Paul-Cahensy-Schule) wollte die Schulleitung die Vertreter der AfD nicht mit auf dem Podium haben. Wie geht Ihr damit um?

Julius: Die Schule wollte die in ihren Augen demokratiefeindliche AfD nicht in der Schule haben. Es lief ein wenig schlecht, da ich die Diskutanten vorher schon eingeladen hatte und später wieder ausladen musste. Dies ging durch die Medien und erzeugte eine negative Resonanz. Aber in Zukunft dürfte es dieses Problem nicht mehr geben, da die Schulen diese negative Außenwirkung vermeiden möchten.
Trotz dieses Vorfalls besteht auch weiterhin Gesprächsinteresse von Seiten der Jungen Alternativen und ich habe die Diskutanten als zuverlässige Menschen kennengelernt.

Mit den Randgruppen (Linksjugend, Junge Alternative) geht Ihr locker um und die gehören für Euch mit zu den Diskussionen dazu?

Anna: Das ist das, was wir wollen. Die Debatten werden viel interessanter durch die Kontroverse der Randgruppen. Sie bringen spannende Elemente in die Diskussion.

Julius: Das kann ich nur unterstreichen. Das politisch Inkorrekte,  diese Offenheit für andere Positionen – das macht uns aus. Wir wollen Konfrontation und offene Diskussion, so lange dies im Gefüge eines ordentlichen Rahmens erhalten bleibt.

Ihr habt angefangen, während der Veranstaltung eine Publikumsumfrage zu machen. Nehmt Ihr aus den Ergebnissen was für Euch und die Veranstaltung mit? Gebt Ihr Input in die eigene Partei über die Meinungen der Jugendlichen?

Kevin: Wir geben dem Publikum die Möglichkeit der Partizipation, der Teilhabe. Dafür geben wir Zettel mit Fragen während der Veranstaltung an die Zuhörer raus und geben das Ergebnis noch während der Veranstaltung bekannt. Wir probierten auch die Umfrage über Facebook, doch dies lief nicht so gut, da nicht alle bei FB aktiv sind oder ihr Handy mit hatten. Also sind wir wieder auf die Zettel übergegangen. Daneben besteht die Möglichkeit einer Publikumsfragerunde, d.h. die Zuhörer dürfen ihre Fragen direkt an die Diskutanten stellen.

Julius: Wir fragen das Publikum auch, welcher Diskutant ihrer Meinung nach die besten Argumente hatte und somit die Debatte für sich gewonnen hat. Ich könnte mir vorstellen, daraus ein Ranking zu machen, welche Jugendorganisation am häufigsten die Debatte für sich gewonnen hat.
In die Partei nehmen wir die Antworten nicht mit, da die Ansichten einer Schule nicht übertragbar sind auf alle Schulen. Jede Schülerschaft äußert sich anders. Politikwissenschaftlich sind diese gewonnenen Fakten nicht generalisierbar.

Was sind die größten technischen Herausforderungen? Welche Wünsche hast Du, Kevin, diesbezüglich?

Kevin: Ich wünsche mir, dass mal eine Veranstaltung ohne technische Probleme läuft. Er lacht. Eigentlich gibt es für jeden Bereich (Licht, Ton, Film) eine eigene Person. Ich mache dies alles in Personalunion, habe aber dadurch auch schon viel gelernt.  Aber es ist eine Herausforderung. Dank Sponsoren haben wir ein besseres Equipment und können dadurch bessere Qualität liefern. Stück für Stück werden wir uns weiter verbessern.

Wo führt Euer Weg hin?

Julius: Im Mittelpunkt steht die territoriale und finanzielle Expansion. Wir möchten das Format über die Region hinaus ausweiten. Es ist mein Traum, irgendwann davon leben zu können. Bis dahin wollen wir es effektiver und effizienter gestalten. Mit dem Wintersemester fangen wir alle mit dem Studium an. Daher stehen zurzeit Strukturreformen an, damit sich trotz Studium diese Veranstaltungen organisieren lassen.

Anna: Wir können uns vorstellen, dass Format auch an die Unis zu bringen. Dort erwartet uns ein anderes Publikum und ein neues Forum.

Kevin wird Film und Motionpictures studieren, Anna Medizin und Julius studiert Lehramt für Politikwissenschaften und Deutsch.

Gibt es ähnliche Programme wie Euer Jugendforum noch woanders in Deutschland?

Julius: Ja, es gibt ein ähnliches Programm in Hamburg. Das heißt „It`s your choice“ und läuft professionell seit 10 Jahren. Hier wird politische Bildung vermittelt. Aber es kommt nicht von unten. Wir sprechen immer mit den Schülern oder der Schülervertretung. Die Veranstaltungen finden immer durch einen Schülerkontakt statt. Die Lehrer sind da eher scheu und trauen sich oftmals nicht an etwas Neues heran, laut meinen Erfahrungen.

Glaubt Ihr, dass Ihr den Kontakt zu den Schülern aufrechterhalten könnt, je weiter Ihr Euch von Ihnen entfernt?

Julius: Wir arbeiten erst seit einem Jahr an dem Format. Wir glauben schon, dass eine gute Chance besteht, es weiter zu machen, wenn wir damit erfolgreich sind. Mitglied in Jugendorganisationen kann man bis 35 Jahre sein. Da haben wir noch ein wenig vor uns.

Julius, vom Diskutanten hast Du Dich zum Moderator des Formates entwickelt. Kannst Du mit eigener politischer Meinung ein neutraler Moderator sein?

Julius: In der Behandlung der Diskutanten kann ich neutral sein, aber ich darf als Moderator auch eine eigene Meinung zu einem Thema besitzen und kritisch nachfragen. Insgesamt ist die Tätigkeit als Moderator ein schmaler Grat zwischen Konfrontation zu- und die Diskussion nicht ausufern zu lassen. Ich möchte den Moderator als Charakter entwickeln, der die Diskussion leitet, führt und auch lenkt.

Wie groß ist Euer Pool an Diskutanten, auf die Ihr zurückgreifen könnt?

Julius: Pro Jugendorganisation haben wir mindestens zwei und maximal fünf Diskutanten, die wir für eine Veranstaltung einladen können.

Kommen wir nochmal auf den technischen Aspekt zu sprechen: Wer gestaltet bei Euch den Internetauftritt und betreut die sozialen Netzwerke? Wie sind Eure Reichweiten?

Kevin: Das mache alles ich. Wir brauchen den Internetauftritt und die sozialen Medien. Wir binden Videoaufzeichnungen ein, stellen Fotos zur Verfügung und geben Einblicke in jede unserer Veranstaltung. Auf Facebook haben wir 374 „Gefällt mir“ Klicks und erreichen über 5000 Leute. Vor allem unsere Veranstaltungstrailer werden viel geklickt und geteilt.

Julius: Wir möchten gerne feste Multiplikatoren installieren, die uns beim Verbreiten der Inhalte unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer mehr über das Format erfahren möchte, kann sich auf der Internetseite des JUFO Politik informieren sowie auf der Facebook-Seite.

Jugendforum Politik aus Sicht der Diskutanten

Ich habe ebenfalls bei Diskutanten nachgefragt, wie sie das Jugendforum Politik bewerten. Einige Rückmeldungen fehlen mir noch. Diese werde ich ergänzen, sobald sie mir vorliegen.

Michael Egenolf, Junge Union
„Ich finde das Format und die Idee sehr gut. Es ist eine gute Möglichkeit für Jugendliche sich mit den Jugendorganisationen und den politischen Themen auseinander zu setzen. Ich würde mich freuen, wenn das Format weiter wächst und auch junge Leute anspricht, die nicht durch den Unterricht „gezwungen“ sind daran teilzunehmen. Ich werde auch in Zukunft, wie auch weitere Mitglieder der JU, daran teilnehmen.“

Phillip Krassnig, Grüne Jugend
„Das JUFO hat ein riesiges Potential die Politik für junge Menschen wieder erlebbar zu machen. Gerade die Experimente mit der digitalen Abstimmung oder Zuschauerfragen zeigen, dass Podiumsdiskussionen auch interaktiv sein können […] Die Organisatoren sind unglaublich engagiert, sehr angenehm und vielleicht schon einen Tick zu professionell.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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