Lokalgespräch mit Tristan Meister: „Mein grösstes Hobby ist mein Beruf“

Tristan Meister gehört mit seinen 26 Jahren mit zu den jüngsten Dirigenten in der Region. Mit sieben Jahren begann er seine musikalische Ausbildung bei den Limburger Domsingknaben, bei denen er bis zum Abitur blieb. Diese Zeit prägte ihn. Er gründete aus ehemaligen Limburger Domsingknaben das jüngste Männerkammerchorensemble Vocapella Limburg, ist Vorsitzender des Musikausschusses des Sängerkreises Limburg und ist weit über die Region als Dirigent auch von anderen Chören bekannt.

Im letzten Jahr traf ich diesen jungen Mann das erste Mal beim Kritiksingen des MGV Concordia in Ellar, wo er 1989 geboren wurde und bis heute eine enge Verbundenheit hat. Mir imponierte, wie er den teilnehmenden Chören Schwächen aufzeigte, ohne sie negativ zu kritisieren. Bei mehreren Folgeterminen liefen wir uns immer wieder über den Weg. So dirigierte er den Männerprojektchor des Sängerkreises Limburg und ich durfte ihn direkt bei seiner Arbeit erleben. Tristan Meister gehört zu den Menschen, die immer ein Lächeln im Gesicht haben, wenn man mit ihnen spricht. Bei der einen oder anderen Gelegenheit blitzt der Schalk aus den Augen. Doch kaum auf der Bühne ist er hochkonzentriert und lässt sich durch nichts ablenken. Es freut mich sehr, dass er mir Rede und Antwort stand.

Wie bist Du zum Dirigieren gekommen?
Tristan Meister: Ich hatte beim Singen oft eine sehr klare Vorstellung von der Gestaltung eines Stücks. Diese Vorstellung wollte ich gerne gemeinsam mit interessierten Sängern umsetzen. Das hat mich letztendlich zum Dirigieren gebracht. Mein erster Dirigierlehrer in Köln, Prof. Eberhard Metternich, hat in mir sehr früh das Interesse am Dirigieren und vor allem am Gestalten von Musik geweckt. Dank ihm habe ich damals 2011 die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Mannheim bestanden.

Hast Du ein Vorbild?
Tristan Meister: Meine Lehrer (an der Musikhochschule Mannheim, Anmerk.) haben mich seitdem sehr beeinflusst. Ein konkretes Vorbild habe ich nicht, aber Georg Grün und vor allem die Arbeit von Frieder Bernius haben mich unglaublich beeindruckt. Bernius hat mir gezeigt, wie enorm wichtig es ist, dass man als Dirigent vor der ersten Probe jede Note eines Stücks perfekt kennen muss. Nur so kann man seine Klangvorstellung auf den Chor übertragen. Auch seine vollkommen klare Idee vom letztendlichen Klang eines Stücks und das zielstrebige daraufhin arbeiten faszinieren mich bis heute. Also kann ich Prof. Frieder Bernius am ehesten als ein Vorbild bezeichnen.

Neben Singen und Dirigieren – kannst Du auch ein Instrument spielen?
Tristan Meister: Ich spiele Klavier, das ist für meine Arbeit extrem wichtig, und habe einige Jahre Orgel gespielt. Aber ein Orchesterinstrument habe ich (leider) nie gelernt.

Mit welcher Musik bist Du aufgewachsen? Was hörst Du heute in Deiner Freizeit?
Tristan Meister: Seit meiner Kindheit begleitet mich Chormusik aller Epochen. Für die aktuellen Charts blieb da nur bedingt Zeit. Auch heute höre ich berufsbedingt hauptsächlich klassische Musik. Der große Dirigent Paavo Järvi hat mal zu mir gesagt, dass er auf seinem iPod jeden Tag 2 Stunden klassische Musik hört, die er noch nicht kennt. Das habe ich mir zu Herzen genommen und versuche auch immer wieder neue, unbekanntere Werke kennenzulernen. Aber jeden Tag zwei Stunde neue Musik schaffe ich noch nicht 😉

Wie ist es, als jüngster Dirigent unter den erfahrenen Dirigenten zu sein?
Tristan Meister: Es ist nicht schwer, um ehrlich zu sein sogar sehr einfach. Die Kollegen hier in Limburg sind sehr herzlich und hilfsbereit. Wenn ich mal Hilfe bei der Auswahl neuer Stücke für meine Chöre brauche, sind Jürgen Faßbender und Jan Schumacher immer sofort zur Stelle und beraten mich professionell. Das ist eine unglaublich tolle und luxuriöse Situation.

Kannst Du Dich an Deinen ersten Auftritt als Dirigent erinnern? Tristan Meister: An meinen ersten Auftritt erinnere ich mich nicht mehr. Aber an meinen ersten Chorwettbewerb erinnere ich mich noch sehr gut. Wir waren mit dem MGV Großholbach, meinem ersten Chor, den ich bis heute dirigiere, 2008 beim Cantemus-Festival der Cäcilia Lindenholzhausen. Ich war unglaublich nervös und habe bei einem Stück die völlig falschen Töne angegeben. Der Chor hat trotzdem bis zum Ende durchgesungen. Bis heute ein großes Rätsel wie das möglich war. Wir wurden dann 5. von sechs Chören und ich habe geflucht, dass ich nie mehr auf einen Wettbewerb gehen würde.

Wie sieht es heute mit der Nervosität aus?
Tristan Meister: Die Nervosität hält sich in Grenzen. Man ist natürlich immer angespannt, aber ich habe gelernt damit umzugehen.

Dass sein Vorsatz, nie wieder auf einen Chorwettbewerb zu gehen, nicht funktioniert hat, zeigt u.a. die erfolgreiche Teilnahme vom Ensemble Vocapella an verschiedenen Wettbewerben. Im März 2013 war dieses Ensemble der 1. Preisträger beim internationalen Chorwettbewerb in Budapest sowie beim Deutschen Chorwettbewerb in 2014 in Weimar mit Höchstpunktzahl und zwei Sonderpreisen. Dieser letzte Auftritt gehört mit zu denen, an die er sich erinnert, da sie etwas Besonderes darstellen, obwohl der Dirigent mit allen seinen Chören schon schöne Auftritte hatte. Doch für diesen Wettbewerb habe das Ensemble lange geprobt und war am Tag extrem angespannt, erzählt Meister. „Wir haben dort alles riskiert und unsere musikalische Idee der Stücke auf den Punkt gebracht. Die Anspannung, die nach dem letzten Stück von mir und vom ganzen Chor abfiel war unbeschreiblich. Diesen Moment werde ich nie vergessen.“, so der Ellarer.

Welche Stücke würdest Du gerne mal dirigieren?
Tristan Meister: Zwei Stücke möchte ich irgendwann mal aufführen. Zum einen „Helgoland“ von Anton Bruckner für Männerchor und großes Orchester, ein tolles Stück, das wegen seiner aufwendigen Besetzung und dafür sehr kurzen Dauer sehr selten aufgeführt wird. Und zum anderen die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Dieses monumentale Werk der Musikgeschichte hab ich als Sänger schon immer unglaublich gern gesungen. Es wäre eine große Ehre und Freude, dieses Stück dirigieren zu dürfen.

Was zeichnet Dich als Dirigent aus?
Tristan Meister: Ich habe immer eine sehr genaue Klangvorstellung von den Stücken, an denen ich mit meinen Ensembles arbeite. Dieser Vorstellung möglichst nahe zu kommen, ist das Ziel meiner Probenarbeit. Dabei versuche ich das Potenzial eines jeden Sängers voll abzurufen. Wichtig dabei ist für mich, die Musik so zu vermitteln, dass die Sänger Spaß daran haben die gewünschte Klangvorstellung zu erreichen. Motivation und das Eingehen auf individuelle Gegebenheiten sind wichtig. Jeder Sänger kann durch Spaß und den Willen, gute Musik zu machen, unglaublich viel erreichen, teilweise sogar mehr als er selbst glaubt. Ich habe noch nie einen Sänger nach Hause geschickt, sondern freue mich über jeden, der Lust hat zu singen. Und ich glaube, dass Proben mit mir manchmal auch ganz lustig sein können 😉

Welche Hobbies hast Du in Deiner Freizeit?
Tristan Meister: Mein größtes Hobby ist mein Beruf, die Musik. Natürlich ist das extrem zeitintensiv, gerade auch an Wochenenden. Dazu mache ich ja gerade noch meinen Master im Fach Chor- und Orchesterdirigieren an der Musikhochschule Mannheim. Da bleibt (leider) nicht mehr allzu viel Zeit für weitere Hobbys. Als begeisterter Fußballfan versuche ich natürlich meine beiden Lieblingsmannschaften SV Ellar und den BVB so oft es geht zu am Spielfeldrand zu unterstützen. Und auch eine Weinwanderung durch den schönen Rheingau steht manchmal auf dem Programm (trockener Riesling, falls jemand ein Geschenk sucht! 😉

Suchst Du die Stücke aus, die gesungen werden oder macht Ihr dies zusammen im Chor?
Tristan Meister: Als musikalischer Leiter suche ich die Stücke in der Regel aus. Natürlich kann jeder Sänger immer Vorschläge einbringen, dafür bin ich sehr offen. Aber im Vordergrund steht eine durchdachte Programmkonzeption, die zum Chor passt und ihn letztendlich musikalisch weiterbringt. Das ist bei jedem Ensemble individuell verschieden. Ich versuche jedem Chor ein musikalisches Profil zu geben, das zu ihm passt. Das Ensemble Vocapella beispielsweise spezialisiert sich auf Musik der Spätromantik, gerade hauptsächlich Max Reger, aber auch Richard Strauss, Mathieu Neumann u.a. sowie auf die zeitgenössische Musik. Dieses Profil passt zu Vocapella und wurde durch langjährige Arbeit auch klanglich entwickelt. Das kann nicht einfach auf einen anderen Chor übertragen werden.

Seit dem 11. März ist die neue CD vom Ensemble Vocapella „Vom Werden und Vergehen“ käuflich zu erwerben. In diese CD durfte ich reinhören und sie hat mir sehr gut gefallen, was hier nachgelesen werden kann. Ich wollte auch von Tristan wissen, warum jemand die CD hören sollte.

Tristan Meister: Unsere neue CD vereint romantische Männerchormusik mit Werken aus der Moderne. Insgesamt sieben Weltersteinspielungen sind auf dieser CD zu hören. Wer also unbekannte, aber dennoch fantastisch gute Werke für Männerchor hören möchte, sollte sich diese CD zulegen. Wir haben versucht,  große Musik mit dem individuellen Klang des Ensemble Vocapella zu vereinen. Dabei kam eine abwechslungsreiche CD heraus, die unglaublich viele Farben der Männerchormusik zeigt. Ein Muss für jeden Chormusikliebhaber.

Cover

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Zum Ende möchte ich noch kurz auf sein neues Projekt mit dem Ensemble Vocapella aufmerksam machen. Anlässlich des 100. Todestages von Max Reger spielt das Ensemble erstmalig alle seine a-capella-Männerchorwerke einspielen. Zusammen mit dem Label Rondeau Production und dem Max-Reger-Institut soll an acht Aufnahmetagen 54 Werke auf CD verewigt werden. Die ersten Stücke wurden inzwischen in Dehrn eingespielt. Der zweite Teil soll im August folgen. Ich  bin schon sehr auf diese CD gespannt.

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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