Lokalgespräch Silke Diefenbach „Mit Zentangle bin ich entspannter in meiner Lebenseinstellung“

Bei Silke Diefenbach dreht sich alles um Muster. Auf neun mal neun Zentimeter kleinen Papierkacheln legt sie mit ihrem Stift los, zieht Linien, malt Kreise und schraffiert diese unterschiedlich stark. Heraus kommen faszinierende Muster, die sehr kompliziert wirken, jedoch recht einfach und strukturiert aufgebaut sind. Diese Form des Zeichnens wird Zentangle® bezeichnet. Zentangle® steht für Zen = Meditation und Tangle = Gewirr. Silke Diefenbach ist in der Region die einzige zertifizierte Zentangle®-Lehrerin und möchte das strukturierte Zeichnen von Mustern gerne weitergeben.

Zentangle führt zur Entspannung

Sie sei schon immer kreativ gewesen, doch aus Unsicherheit studierte sie nicht Kunst, sondern ging zur Polizei. In den letzten Jahren war sie immer wieder krank, ihr Körper blockierte und sie baute körperlich ab. Lange hatte sie durch diese Blockaden auch keinen Zugang zur Kunst. 2012 wurde dann bei ihr ADHS diagnostiziert. Mit Zentangle® hat sie einen Weg gefunden, damit umzugehen und auch wieder entspannter zu Leben. Ebenfalls bekam sie wieder einen Zugang zur Kunst und hofft durch das meditative Zeichnen auch weniger Medikamente zu benötigen.

Wie war Deine erste Begegnung mit Zentangle®?

Silke Diefenbach: Meine Mutter wurde 70 im Oktober und ich wollte ihr eine Geburtstagskarte malen. Im Internet habe ich nach Ideen gesucht und bin auf die Muster gestoßen. Diese wollte ich auch ausprobieren. Ich habe dabei gemerkt, dass ich als mega Unruhegeist, auf einmal ganz ruhig wurde. Ich war völlig in diesen Mustern. Ich war beeindruckt, wie schnell das ging. Ruck-Zuck war ich in kürzester Zeit, von jetzt auf gleich, weg.

Die Elzerin wollte mehr darüber wissen und suchte sich weitere Informationen zusammen. Dabei fand sie heraus, dass es sich um Zentangle® handelt und dass sogar ADHSler therapeutisch damit behandelt werden. Was bei ihr durch Zufall erreicht wurde, ist gerade das, was es bewirken soll. Dies beeindruckte sie so sehr, da es bei ihr schon schwer ist, sie still zu halten, sie zu fesseln und sie so zu fokussieren, dass sie nichts mehr um sich herum mitbekommt. Aus diesem Grund ließ sie sich zum Zentangle® Teacher zertifizieren.

Was bewegte Dich dazu, Dich für Zentangle® zertifizieren zu lassen?

Silke Diefenbach: Ich war davon überzeugt, da es auch bei mir selbst so gut wirkt. Daher möchte ich dies weitergeben. Im November habe ich mich direkt für diesen Kurs angemeldet. Das Zertifikat gibt es auch nur, wenn man nach Amerika fliegt. Das Seminar ging vier Tage und fand bei den Begründern, der Kalligraphie-Künstlerin Maria Thomas und ihrem Ehemann Rick Roberts, ein ehemaliger buddhistischer Mönch, in den USA statt, die diese Art des meditativen Zeichnens in den letzten zwölf Jahren entwickelt haben. Es wurde vorausgesetzt, dass ein Vorwissen besteht und auch schon eigene Sachen mitgebracht werden. In Amerika und Asien ist Zentangle® sehr groß, in Deutschland gibt es diese Art des Zeichnens erst seit fünf, sechs Jahren, wobei es nur wenige zertifizierte Lehrer gibt. Ich glaube, wir sind 25 zertifizierte Lehrer in Deutschland und hier in der Region bin ich die einzigste. Mir war es wichtig, dass alles Hand und Fuß hat, wenn ich es weitergeben will.

Was bedeutet Zentangle® für Dich?

Silke Diefenbach: Je mehr ich die Muster gemalt habe, umso mehr kamen meine bunten Gedanken und der Zugang zur Kreativität wieder, den ich eigentlich komplett verschlossen hatte. Sobald ich mit diesen strukturierten Mustern anfange, weiß ich nicht, wie das enden wird. Mir kommt eine Idee, mit der ich anfange. Wenn dann eine andere Idee kommt, mache ich mit dieser weiter. Je öfters Du das machst, umso mehr Ideen kommen und so offener wirst Du. Es gibt kein richtig oder falsch, keinen Plan, wie es am Ende aussehen soll, kein unten oder oben, kein Wettbewerb, wer das schönste hat. Zentangle® dient der Entspannung, Kreativitätsfindung und Konzentrationsförderung. Es ist rein intuitiv.

Wie beginne ich mit Zentangle®?

Silke Diefenbach: Niemand muss malen können. Man nimmt eine Karte, macht vier Punkte. Das weiße Blatt, vor dem viele Angst haben, ist dadurch entweiht. Diese Punkte werden zu einem Viereck verbunden. Es muss nicht gerade sein. Dieser sogenannte Rahmen wird nochmal in verschiedene Bereiche unterteilt. Ein Bereich wird mit Mustern gefüllt. Ist ein Bereich ausgefüllt, wird der nächste Bereich mit einem neuen Muster gefüllt. Es gibt kein Muss, jeder kann sich frei bewegen. Als Anfänger halten wir uns noch an die Linien, aber man kann auch drüber malen. Dies sind selbst gesetzte Grenzen, an die sich niemand halten muss. Macht das, wonach Euch ist. Es gibt keine Fehler.

Wo ist der Unterschied zwischen Zentangle® und den Ausmalbüchern?

Diese Frage interessierte mich, weil in jeder Buchhandlung und in jedem Zeitungsladen die Angebote an Ausmalbüchern zunehmen.

Silke Diefenbach: Jede Art von Kunst, Sport oder fesselnde Beschäftigungen sind Tätigkeiten zum runterkommen. Zentangle® und Ausmalen kann jeder, auch wenn er nicht malen kann. Beim Ausmalbuch werden jedoch von vorne herein mehr Materialien benötigt, beim Zentangle® reicht ein Blatt Papier und ein Stift. Das Ausmalen fördert ebenfalls die Konzentration und ist meditativ, aber es fördert nicht so die Kreativität, da die Bilder vorgegeben sind. Vom Sinn her ist es ähnlich, aber beim Zentangle® hast Du was Eigenes erstellt. Dies ist förderlich für das Selbstbewusstsein. Beim Ausmalbuch neigt man eventuell dazu, sich kleiner zu machen, weil man ja nur ausgemalt hat. Mir persönlich war es zu langweilig. Und die Malerei hat enge Grenzen und ist kontrolliert. Durch das hochwertige Zentangle® Material bringt man dem Prozess Achtsamkeit entgegen. Es geht darum, dass Papier zu fühlen und zu schauen, wie die Tinte auf das Papier läuft. Man soll mit allen Sinnen dabei sein. Ich bringe dem Papier Wertschätzung entgegen und kritzel nicht einfach drauf. Ich gehe mit einer ganz anderen Sorgfalt dran und fahre in dem Moment runter.

Welche Veränderungen stellst Du an Dir selbst fest?

Silke Diefenbach: Ich habe früher nie Muster gemalt oder gekannt, aber ich traue mir inzwischen viel mehr zu. Es lässt Knoten bei mir platzen und ich lerne neue Dinge kennen. Durch die wiederholenden Striche beim Zeichnen der Muster gelange sie recht schnell in einen stark fokussierten, meditativen Zustand. Zentangle® wird auch von vielen Künstlern zum warmmalen benutzt. Es ist wie den Motor anschmeißen, bevor man an etwas Großes geht. Es löst. Ich habe momentan so viele Ideen, wobei immer Muster auftauchen. Ich male aber nicht mehr so strukturiert und kontrolliert wie früher, das habe ich verloren. Die Grundsätze, es gibt keine Fehler, haben sich auf meine Arbeiten übertragen. Bei mir verändert sich einiges im Denken, ich bin entspannter in der ganzen Lebenseinstellung.

Es gibt 150 offizielle Zentangle®-Muster, inoffiziell existieren mehrere tausend Muster. Größere Formate oder das vermischen der Muster mit anderen Malstilen werden als Zentangle® Inspired Art bezeichnet.
Zentangle® kann therapeutisch bei Schlafstörungen, Angststörungen, ADHS, Depressionen, Stresssymptomen, Suchterkrankungen oder auch Borderlinestörungen angewandt werden.

Ab September bietet Silke Einführungskurse bei der VHS an. Wer mehr über sie wissen möchte, kann sie auf ihrer Internetseite besuchen.

Ein kleiner Blick auf die Arbeiten von Silke Diefenbach.
Ein kleiner Blick auf die Arbeiten von Silke Diefenbach.

 

 

 

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

2 Gedanken zu „Lokalgespräch Silke Diefenbach „Mit Zentangle bin ich entspannter in meiner Lebenseinstellung“

  • 3. Juni 2016 um 5:41
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    Ein wunderbarer Artikel, der die „Magie“ von Zentangle wiedergibt.
    Großer Respekt an Silke und die Journalistin, die dies so auf den Punkt gebracht haben!

    Antwort
    • 3. Juni 2016 um 8:22
      Permalink

      Vielen Dank Frau Bendel. Für mich war der Einblick in diese Art des Zeichnens sehr interessant.

      Antwort

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