Marie-Sabine Roger: „Der Poet der kleinen Dinge“

Das war der Moment, in dem Roswells Schicksal entschieden wurde. An einem unschuldigen Tag im April, um 20 Uhr 23.

Heute habe ich einen Buchtipp mit ganz viel Herz, in welches ich eingetaucht bin und mich habe mitnehmen lassen und was mich total berührt hat. „Der Poet der kleinen Dingen“ von Marie-Sabine Roger erschien bereits 2011, aber hat nichts von seiner Magie verloren. Manchmal ist es an der Zeit, nicht den normalen Trott stetig weiterzugehen, sondern aus diesem auszubrechen und etwas völlig Neues, ungewöhnliches zu wagen.

Zum Inhalt: Manchmal braucht es nicht viel, um ein ganzes Leben zu ändern.
Eine verschlafene Arbeiterstadt in der Normandie, wo die Hühnerfabrik das gesamte Leben bestimmt. Der behinderte Gérard ist verrückt nach Popcorn, trägt Gedichte vor, die keiner versteht, und lacht sich kaputt, ohne zu wissen, warum. Niemand kann etwas mit ihm anfangen. Nur die 30jährige Herumtreiberin Alex, die bei seinem Bruder zur Untermiete wohnt, hat den schrägen Poeten ins Herz geschlossen. Insgeheim nennt sie ihn Roswell, weil er sie an einen Außerirdischen erinnert.  Als Marlene, die Frau des Bruders, Gérard loswerden will, entwickelt Alex einen abenteuerlichen Plan. Unterstützung bekommt sie von einem seltsamen Paar, welchem  sie am Kanal begegnet: Olivier, dem Bierdosenweitwerfer und seinem melancholischen Kumpel Cedric. Niemand ahnt, dass die vier Außenseiter durch ein ungewöhnliches Abenteuer zusammengeschweißt werden.

Tiefsinnige Geschichte mit Herz

Marie-Sabine Roger zeichnet in diesem Buch ganz feine, tiefsinnige Charaktere. Mit viel Fingerspitzengefühl nimmt die Autorin den Leser mit auf eine ruhige Reise ohne Hektik oder mit großen Spannungsspitzen, aber sehr viel Tiefgang. Die Geschichte fließt dahin wie das Wasser im Kanal, an dem ein großer Teil der Geschichte stattfindet.
Ich finde ihre Wortwahl so toll wie bei der ersten Begegnung von Gérard, Alex und den beiden Außenseitern am Kanal: „Der Zackenbarsch sagte nicht. Er betrachtete Roswell. Er wirkte fasziniert, und ich erinnerte mich noch gut daran, wie es mir gegangen war, als ich ihn zum ersten mal sah!
Ein Wesen, das so anders war – wie konnte man da nicht hypnotisiert sein? Unmöglich, ihn nicht anzuschauen oder so zu tun, als wenn nichts wäre, als wäre er normal. Das würde bedeuten, Roswell auszulöschen, das zu leugnen, was ihn von allen anderen unterscheidet: dieser unglaubliche Look, der ihn zu einem einzigartigen Wesen macht.“

Die Figuren wurden mir während des Lesens vertraut und selbst wenn sie in dem Buch eine Art Außenseiterrolle einnehmen, wirkten sie am Ende normaler, als die „Normalen“. Sie sind alle vier in ihren Eigenarten sehr sympathisch man möchte sich ihnen am liebsten anschließen.

Meine Ausgabe ist noch von Hoffmann und Campe. Bei Amazon (Klick auf Bild) gibt es das Taschenbuch für 9,95 Euro vom dtv.

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Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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