„Salad Bowl Culture“ – Grundgesetz als verbindendes Element

Wie kann Integration gelingen? Durch ein gemeinsames Projekt mit einem Thema, dass für alle Bedeutung hat. Dies dachte sich auch die Kulturenwerkstatt mit der Theaterschule im Kalkwerk und gründete das „Salad Bowl Culture“ Projekt, in dem sich Jugendliche aus 13 Nationen mit dem Grundgesetz auseinandersetzten. Das Ergebnis zeigten sie in einer abschließenden Präsentation, zu der ich eingeladen war. Was daraus entstanden ist, war großartig und regte zum Nachdenken an.

GG – 8 Artikel -BRD

Drei junge Frauen marschieren im Gleichschritt vor auf die Bühne, holen tief Luft und rezitieren Artikel 1 des Grundgesetzes, welches besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Kurz darauf versammeln sich junge Menschen verschiedener Nationen um eine riesengroße Puppe, die von der Decke herabhängt und beschimpfen diese in verschiedenen Sprachen. Artikel 2 des Grundgesetzes dreht sich um die Meinungsfreiheit. Zwei Sängerinnen sitzen mit dem Rücken zum Publikum und singen, während der Rest der Theatergruppe laut Ruhe einfordert. Ein Darsteller möchte etwas erzählen und wird lautstark von den Mitspielern übertönt. Zur Religionsfreiheit gab es ein Quiz, in dem in kurzer Zeit das Wissen bzw. Nichtwissen über Religionen abgefragte wurde. Zum Thema Gleichberechtigung lasen die männlichen und weiblichen Jugendlichen abwechselnd Vorurteile und Ansichten zum anderen Geschlecht vor.

Nachdenken und das Gesehene reflektieren

Insgesamt haben sich die Jugendlichen acht verschiedener Artikel angenommen wie Meinungsfreiheit, Unantastbarkeit des Menschen, Religionsfreiheit, Unverletzlichkeit der Ehe und der Wohnung, Gleichberechtigung oder Asylrecht für politisch Verfolgte – sehr schön interpretiert als Reise nach Jerusalem.

Vor jedem spielerischen Element rezitierten die drei jungen Frauen den Wortlaut des Artikels. Mit Theater, Gesang und Musik setzten sich die Jugendlichen  mit der Thematik auseinander. Das Gesehene und Gehörte musste der Zuschauer erstmal sacken lassen. Was zu Beginn wie ein buntes Potpourri wirkte, zeigte eigentlich einen Spiegel der Gesellschaft. Zeigte, dass zwischen dem geschriebenen Wort des Grundgesetzes und der Realität manchmal doch riesige Lücken klafften.

Flexible, wandlungsfähige Arbeit

Seit April probten die Jugendlichen aus 13 Nationen an dem Stück. Annie Vollmers von der Kulturenwerkstatt wusste, dass sie etwas zum Thema Grundgesetz mit Theater und Musik umsetzen möchte. Aber sie hätte zum Start des Projektes nicht sagen können, wie es sich am Ende entwickelt. „Wir haben alles zusammen erarbeitet, geschaut, was funktioniert“, so Vollmers, „und die einzelnen Elemente sind am Ende zusammengewachsen.“ Dank einer Kooperation mit der Adolf-Reichwein-Schule konnten die Schüler direkt angesprochen werden. Flüchtlinge und deutsche Schüler kamen zusammen. „Die Jugendlichen wollen“, so Vollmers, „sie müssen nur abgeholt werden.“ Zudem gestaltete sich die Arbeit nicht immer leicht, da alle zusammengebracht werden mussten. Durch die offene Gestaltung konnten auch während des Projektes neue Jugendlichen dazu stoßen. Es kamen auch welche hinzu, die zu Beginn des Projektes  noch gar nicht in Deutschland waren. Da es kein festes Ensemble war, bestand die besondere Aufgabe darin, immer flexibel auf die Gegebenheiten zu reagieren.

Modellprojekt „Kulturkoffer“

Die Dorle-Schäfer-Halle im Kalkwerk war bis auf den letzten Stuhl besetzt, einige Besucher standen sogar, um die Präsentation des Projektes „Salad Bowl Culture“ mitzuerleben. Das Projekt wurde im Rahmen des Modellprojektes „Kulturkoffer“ vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. Allen Beteiligten war von Anfang an klar, dass es nicht darum ging, die Gegensätze der Teilnehmer herauszuarbeiten, sondern Gemeinsamkeiten zu finden. Dabei sollen die ausgewählten Artikel keine Wertung darstellen, sondern dies habe sich während der vielen Wochen Arbeit so ergeben. Die Zuschauer quittierten die großartige Leistung mit langanhaltendem Applaus.

Mir zeigte sich ein großartiges Projekt, in dem alle Kulturen komplett durchmischt waren und miteinander agierten. Im Gespräch mit Annie Vollmers merkte ich, dass sie glücklich war, dieses Projekt machen zu dürfen, aber auch ein wenig wehmütig, da es nun abgeschlossen ist. Ich wünsche der Kulturenwerkstatt sowie der Theaterschule im Kalkwerk, dass sie weiterhin mit ihrem Engagement zur Integration der Jugendlichen beitragen.

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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