Stolpersteine in Elz: Den vergessenen Opfern gedenken

Im Interview mit Martina Hartmann-Menz

Am 15. Mai werden erstmalig acht Stolpersteine in Elz verlegt, um den Verfolgten des NS-Regimes zu gedenken. Mehr als drei Jahre beschäftigte sich die Historikerin Martina Hartmann-Menz mit der Geschichte von Elz in der NS-Zeit und mit mir sprach sie über ihre Arbeit.

Was bedeutet dir dieses Projekt?

Martina Hartmann-Menz: Geschichte hat mich schon immer interessiert. Mir ist es wichtig zu wissen, was in dem Dorf geschah, in dem ich seit über 25 Jahren lebe. Ich möchte die regionale Geschichte fassbar machen. Die namentliche Erwähnung ist mir sehr wichtig. Mit dem Stolpersteinprojekt haben wir die Möglichkeit, an diejenigen zu erinnern, welche bisher vergessen wurden.

Warum findest du dieses Projekt so wichtig?

Martina Hartmann-Menz: In Deutschland gibt es eine klare Gedenkhierarchie. In jedem Ort sind Kriegerdenkmale zu finden, die die Gefallenen namentlich ehren. Öffentliche Mittel wurden dafür aufgewendet. Dabei gibt es viele Nachweise, dass einige der Geehrten aktive Nazis waren. Ich finde es unverständlich, dass dieser Menschen gedenkt wird und jene, die wirklich Opfer des Systems wurden, werden nicht namentlich erwähnt. Mit den Stolpersteinen sollen die vergessenen Opfer aus Elz einen Namen bekommen.

Initialzündung für die Recherchen

Gab es eine Initialzündung für dein ehrenamtliches Engagement?

Martina Hartmann-Menz: Die Initialzündung war ein Dokument aus den 60er Jahren, welches mir vor über drei Jahren im Bundesarchiv in die Hände fiel. Dieses Dokument bezeugt, dass der Staat Israel beim Bund über die Landratsämter nach jüdisch gemeldeten Bürgern aus der Zeit des Nationalsozialismus nachfragte. In diesem Dokument sind die Namen von zehn jüdischen Bürgern aufgeführt, die von 1933 bis 1945 in Elz lebten. In Elz habe ich das Original nicht gefunden.

Dieses Dokument startete ihre Recherche im Bundesarchiv in Berlin, im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, im Archiv des LWV Hessen, im Stadtarchiv Limburg und dem Ortsarchiv Elz. Nach ihrem derzeitigen Forschungsstand gab es in Elz vier Opfer der Euthanasie. Drei ehemals in Elz lebende Menschen jüdischer Herkunft überlebten die Zeit des NS-Terrors nachweislich nicht. Fliehen konnten sechs Bürger jüdischer Herkunft. Aufgrund ihrer politischen Haltung, die Zugehörigkeit zur KPD, wurde eine Gruppe von Männern vor dem Kasseler Oberlandesgericht wegen Hochverrats angeklagt. Für den Hauptangeklagten dieses Prozesses, Johann Abel, der neun Jahre seines Lebens im Zuchthaus und im KZ verbringen musste, wird ebenfalls ein Stolperstein verlegt.

„Normalität des Grauens“

Gab es Überraschungen bei deiner Recherche?

Martina Hartmann-Menz: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass so viele Sonderprozesse wegen kleiner Vergehen stattfanden und Zuchthaus sowie Arbeitslager nach sich zogen.

Den Anstoß zum Stolpersteinprojekt in Elz gab im Juni 2015 die SPD Elz mit einem Antrag an die Gemeindevertretung. Stolpersteine sind kleine, quaderförmige Messingsteine, die im öffentlichen Raum vor dem letzten frei gewählten Wohnort von Verfolgten des NS-Regimes in den Bürgerstein eingelassen werden. Dieses europaweite Kunstprojekt entwickelte Gunter Demnig. In den Steinen sind die wesentlichen biografischen Daten der Opfer sowie der Verfolgungshintergrund nachzulesen.

Wie würdest du Elz in der NS-Zeit kurz beschreiben?

Martina Hartmann-Menz: Elz ein normales Dorf wie jedes andere auch war. Die Bindung an die Kirche hat den Nationalsozialismus in Elz nicht verhindert. Es herrschte eine Normalität des Grauens. Jüdische Bürger wurden bedrängt, die Nachbarn denunziert und gegen politisch anders Denkende wurde vorgegangen. Da hat Elz keine Ausnahme zum restlichen Deutschland gemacht.

Suche nach Zeugnissen der Zeit

Im Gespräch betonte die Historikerin, dass es bei all ihren Recherchen nicht darum geht, mit den Finger auf jemanden zu zeigen und Schuldvorwürfe zu erheben. Sie möchte vielmehr erreichen, dass ein offener Umgang mit dieser Zeit gepflegt und den Gräueln ins Gesicht geschaut wird. „Erst, wenn wir über diese Zeit so offen sprechen können wie über andere geschichtliche Zeiten, dann haben wir sie richtig aufgearbeitet“, ist sie sich sicher. Sie wünscht sich, dass die Bürger auf ihren Dachböden und Speichern nach alten Dokumenten und Fotos schauen, die weiteren Aufschluss über die NS-Zeit in Elz geben können. Sie befindet sich auf der Suche nach Hinweisen auf den Schausteller Hugo Mayer, dessen Schauwagen in der Progromnacht zerstört wurde. Schon die kleinsten Dokumente könnten etwas über die Zeit aussagen.

Stolpersteine in Elz als Bürgerprojekt

Das Stolperstein-Projekt ist ein Bürgerprojekt. Es sollen keine öffentlichen Gelder dafür aufgewendet werden, sondern durch Spenden der Bürger finanziert werden. Damit sollen die Ermordeten und Vertriebenen symbolisch wieder in die Mitte der Gesellschaft geholt werden, der sie vor ihrer systematischen Ausgrenzung angehörten. Spenden für die Finanzierung werden auf das Konto IBAN DE67 51050015 0530 000079 erbeten, mit dem Verwendungszweck „Stolpersteine“. Eine Spendenquittung kann ausgestellt werden. Weitere Informationen gibt es bei der Gemeindeverwaltung durch Sebastian Herborn, Tel: 95 75 40 sowie auf der Homepage des Projektes.

Wer mehr über „Elz – ein (ganz normales) Dorf in der Zeit des Nationalsozialismus“ hören möchte, lädt der Gemeindevorstand zur Vortragsveranstaltung am 8. Mai ins historische Rathaus ein, wo Martina Hartmann-Menz über ihre Forschungen berichten wird.

 

 

 

 

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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