Tess Gerritsen: „Totenlied“

Der Thriller „Totenlied“ von Tess Gerritsen hat mich positiv überrascht, nahm ungeahnte Wendungen und wartete mit einem unerwarteten Schluss auf. Ein Thriller, der sich sehr gut lesen lässt und mich tief in die Geschichte reingezogen hat. In diesem Thriller geht es um eine verstörende Melodie, ein tragisches Schicksal sowie um ein mörderisches Geheimnis.

Inhalt

Auf einer Konzertreise entdeckt die amerikanische Violinistin Julia Ansdell in einem kleinen Antiquariat in Rom ein über 100 Jahre altes Notenbuch mit Zigeunerweisen. Ein Stück, optisch und melodisch anders als die übrigen, hat es ihr besonders angetan: Incendio – Feuer. Julia kann es kaum erwarten, den handschriftlich niedergeschriebenen Walzer zu Hause zu spielen. Doch etwas Bösartiges geht von diesem Stück aus. Während sie die faszinierende Melodie übt, geschieht ein Unglück. Julias dreijährige Tochter Lily ersticht den Familienkater. Als Julio das aufwühlende Stück ein zweites Mal spielt, verletzt Lily sie mit einer Glasscherbe. Beunruhigt suchen Julia und ihr Mann Rat bei einem Psychologen – insbesondere auch, weil Julias Mutter psychisch krank war. Trägt Lily die gleiche Krankheit in sich und kommt diese nun durch diese Melodie zum Vorschein? Weil niemand Julia Glauben schenkt, reist sie heimlich nach Italien, um mehr über den Ursprung dieser Melodie zu erfahren.

Geisteskrankheit?

Als Leser begleite ich zu Beginn die Violinistin, wie sie fasziniert die Noten finden, in ihren Bann gerät und sie mit nach Hause nimmt. Sie hat Schwierigkeiten mit dem Spielen der Noten. Es ist eine wahre Herausforderung für sie, die schwierigen Stellen zu meistern. Julia versinkt völlig in den Noten und in ihrem Spiel. Mit dem Tod des Katers und der Glasscherbe in ihrem Bein vermutet sie, dass die Melodie etwas in ihrer Tochter auslöst, was sie gewalttätig werden lässt. Sie bekommt Angst vor ihrer Tochter. Doch mehr und mehr distanziert sich ihre Umwelt von ihr und ist eher der Meinung, dass Julia selbst psychisch gestört ist und eine Behandlung benötigt, als dass das kleine Mädchen irgendjemand Leid zufügen könnte.

Venedig vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges

Was aus der Inhaltsangabe auf dem Cover absolut nicht hervorgeht, ist die zweite Geschichte, welche in „Totenlied“ verborgen ist und die den Leser von Anfang an in die Geschehnisse um die Komposition mitnehmen. Ein jüdischer Geiger in Venedig mit seiner Familie – Lorenzo Todesco – glaubt, wenn er sich nur ruhig verhält, dass die Geschehnisse an ihnen vorübergehen werden. Hier findet ein großes Maß an Verdrängung statt. Da die Geschichte bekannt ist, bangt der Leser die ganze Zeit mit der Familie mit. Leider wurden zwischen 1943/44 alle venezianischen Juden verhaftet und deportiert. Was dem Musiker und seiner Familie passierte und wie es zu dem außergewöhnlichen Walzer kam, wird in einem Parallelstrang des Buches erzählt. Dies möchte ich hier jedoch nicht vorweg nehmen, um Euch nichts zu verraten.

Fazit

Wer Tess Gerritsen von ihren Büchern um die Figuren Rizzoli & Isles kennt, wird positiv überrascht sein, denn sie erfindet sich völlig neu. Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen statt – einmal in der Gegenwart und einmal im faschistischen Italien. Ich wollte unbedingt wissen, warum diese Melodie bis in die Gegenwart ein zerstörerisches Potential besitzt. Die Hauptfiguren Julia und Lorenzo wurden sehr genau charakterisiert und ich litt mit ihnen mit, wollte wissen, was ihnen als nächstes passiert. Das Ende war für mich völlig überraschend und unerwartet. Das Buch lässt sich durch den flüssigen Schreibstil sehr gut lesen. Zwischendurch fehlen sogar die Elemente eines Thrillers und es liest sich mehr wie ein Roman. Insgesamt ist es ein sehr gelungener Thriller mit einem Kern gegen das Vergessen.

Taschenbuch, LIMES-Verlag, 306 Seiten

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Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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