Energiegewinnung mittels Windkraft – ja oder nein?

Die Diskussionen rund um die Windenergie haben in den letzten Monaten an Schärfe zugenommen. Bereits 2008 beschloss der Landkreis Limburg-Weilburg, mehr in erneuerbare Energien zu investieren. Die ersten Windenergieanlagen entstanden ohne große Gegenwehr. Auch Umfragen unter der Bevölkerung fanden Zuspruch zur Errichtung von Windenergieanlagen (WEA). Beschlüsse in den Gemeindevertretungen liegen fünf bis sechs Jahre zurück, die Planungsbüros haben die Anlagen geplant und Gutachten erstellen lassen. Doch nun regt sich massiver Prostest gegen WEA. Bei meinen Terminen zum Thema bekomme ich einen Blick auf die jeweils örtliche Situation. Jedoch wollte ich wissen, wie es allgemein im Kreis aussieht. Ich sprach mit Politikern aus dem Kreis Limburg-Weilburg und erstellte eine Umfrage, an der die Menschen anonym teilnehmen konnten.

Interview mit dem 1. Kreisbeigeordneten Helmut Jung

Helmut Jung (SPD) ist Erster Kreisbeigeordneter im Landkreis Limburg-Weilburg und setzt sich für eine fortschrittliche Energie- und Umweltpolitik ein. Als Vorsitzender des Umweltausschuss arbeitet er seit 2007 an dem Regionalplan für Mittelhessen zum Thema erneuerbare Energien mit. Er gab mir einen Einblick in die ganzen Prozesse und machte auch deutlich, dass Energiesparen ein großer Punkt in der Energiewende ist. Da fossile Energieträger erheblich zur CO2 Belastung beitragen, engagiert Jung sich für erneuerbare Energien, welche „das größte Naturschutzprogramm sind“. Die Klimaerwärmung sei keine Spinnerei, sondern eine menschengemachte Temperaturerhöhung, gegen die etwas getan werden muss.

Wie sieht es mit der Windenergie im Kreis limburg-Weilburg aus?
Übersicht über die derzeitige Situation im Kreis

Im schwarz-gelben Koalitionspapier für die Legislaturperiode 2009-2014 unterschrieben CDU und FDP Hessen, dass bis zum Jahr 2020 die erneuerbaren Energien 20 Prozent der Energie liefern sollen. „Wenn die Landesregierung solch ein Ziel vorgibt, können wir uns nur anschließen“, so Jung. Das energiepolitische Ziel im Kreis war es, bis 2030 „20 Prozent + x“ des Energieverbrauches durch erneuerbare Energien zu decken. In einer Arbeitsgruppe wurden die Werte für die verschiedenen Bereiche der erneuerbaren Energien ausgerechnet. Durch gegebene Grenzen für Wasserkraft, Fernwärme und geothermische Anlagen fiel auf, dass noch einiges zum geplanten Ziel fehlte. Daher zog der Kreis damals das Fazit, dass diese Lücke nur durch Windkraft zu decken sei. Dafür bedarf es nach der Rechnung 63 WEA, was fünf WEA pro Gemeinde oder Stadt entspräche.

Vogelschutz besitzt hohen Stellungswert

Für die Planung wurde die benötigte Energiemenge auf die Energieerzeugung durch Windkraft umgerechnet und man kam auf eine Fläche von zwei Prozent, auf der WEA errichtet werden müssten, um das gesetzte Ziel zu erreichen. „Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass 98 Prozent der Fläche für Windkraft ausgeschlossen sind“, so der Kreisbeigeordnete. In die Erstellung der Karte flossen alle Unzulänglichkeiten hinein wie fehlende Windstärke, definierte Naturschutzgebiete, bekannte Brutstandorte (40 Prozent der Landesfläche sind Schutzbereiche für den Vogelschutz), vorhandener Vogelbestand, die Siedlungsgrenzen von 1000 m (vormals 800m) sowie Denkmalschutzbestand. Leichtfertig wurden da keine Entscheidungen getroffen.

Helmut Jung betont, dass eine hohe Rechtswirksamkeit des Vogelschutzes besteht. „Über ein Jahr werden alle möglichen Gebiete faunistisch untersucht und wenn was gefunden wird wie bestimmte Vögel oder auch Fledermäuse, sind die Flächen raus aus dem Plan.“ Laut Jung ist der Naturschutz rechtlich sehr stark geschützt und die Untere Naturschutzbehörde genehmige so einfach nichts. Die geplanten 33 Prozent bis 2020 werden sehr eng. „Wenn alle im Genehmigungsverfahren befindlichen WEA umgesetzt werden, kämen wir an das Ziel heran“, so Jung, „zurzeit erzeugen wir die Hälfte der gewünschten Leistung.“

Es muss mehr passieren im Bereich Energie sparen und speichern

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Infografik „Windenergie in Deutschland 2016“: Strom-Report

Helmut Jung ist der Meinung, dass Hessen in Sachen Energieerzeugung autark sein könnte. Dies sei aber nicht alleine mit der Windkraft möglich. Dies sei nur ein Schwerpunkt. Viel wichtiger sei das Einsparen von Energie, was rund 40 Prozent der Energiewende ausmachen sollte. Doch leider fehlen bis heute schlüssige Konzepte. Dazu zählen Wärmedämmung, energiesparend bauen oder auch energiesparende Sanierungen bestehender Gebäude. „ Auf Kreisebene gibt es noch viele Gebäude mit alten Ölheizungen“, so Jung, „neue Anlagen würden 20 bis 30 Prozent an Energie einsparen.“

Weiterhin braucht es mehr Technik, um die erzeugte Energie zu speichern. Solche Möglichkeiten seien momentan nicht lukrativ, obwohl es Planungen gegeben hat. Für die Übergangszeit setzt der erste Kreisbeigeordnete auf Gaskraftwerke, welche hoch- und runtergefahren werden können. Dies sei mit Kohle- und Atomkraftwerke nicht machbar. Ja es stimme schon, dass Windkraft viel Strom erzeugt, welcher bei Überproduktion umsonst ins Ausland abgegeben wird. Doch dies sei billiger, als ein Atomkraftwerk an- und abzuschalten.

 

„Wir sind keine Windkraftgegner“

Helmut Jung erkennt zurzeit eine Phase der Widerstände, aber ist fest davon überzeugt, dass sich diese wieder legt. Dennoch nehmen die Initiativen in letzter Zeit zu. Sie werden beleidigend gegen Mitarbeiter, argumentieren sehr drastisch. Mit Flyern und Aktionen würden die Bürger verängstigt werden. „ Die Initiativen haben ihre eigenen Wahrheiten“, so Jung, was er als Phänomen der Zeit sieht.
Dies kann ich bis zu einem gewissen Grad ebenfalls erkennen. Obwohl ich bereits länger in den Gemeinden das Thema verfolge, wachen die Bürger jetzt erst auf und der Widerstand gegen die Windkraft nimmt zu. Auf Terminen zu diesem Thema höre ich Argumente wie „Nicht bei uns im Wald“, „lieber auf freiem Gelände“ oder „ich bin nicht gegen Windkraft, aber….“. Sprach ich von Windkraftgegnern, erfuhr ich oft Anfeindungen, dass niemand als Windkraftgegner bezeichnet werden möchte. Mit diesem Hintergrund erstellte ich die anonyme Umfrage und für mich zeigt sich nach der Auswertung,  dass es sich bei vielen doch um Windkraftgegner handelt. Zudem wurde auch ich Zeuge von Beleidigungen gegen Andersdenkende.

77 Prozent gegen Windenergie

Umfrageergebnisse zur WIndenergie Kreis Limburg-Weilburg

An der nicht-repräsentativen Umfrage nahmen 887 Personen teil. 685 Personen und damit 77,22 Prozent stimmten gegen die Windkraft. 22 Personen und damit 2,4 Prozent stimmten für die Windkraft ohne Einschränkungen. 42 Personen und damit 4,7 Prozent stimmten für die Errichtung von WEA, aber mit einem deutlich höheren Abstand zu Ortschaften als die gesetzlich vorgeschriebenen 1000 Meter. 138 Personen (15,55 Prozent) waren für die Errichtung von WEA, aber nicht im Wald, sondern auf freien Flächen.

Für diejenigen, die gegen die Windkraft abstimmten, gab es die Möglichkeit, „Alternativen“ in einem Kommentarfeld zu schreiben. Davon machten 517 Personen Gebrauch. 21,85 Prozent möchten weiterhin die Erzeugung von Energie mittels Gaskraftwerken, gefolgt von Kernkraftwerken (19,53 Prozent). Die anderen erneuerbaren Energien liegen recht weit vorne mit 16,24 Prozent für Erdwärme und 15,08 Prozent für Solar/ Photovoltaik. 10,63 Prozent plädieren dafür, Energie zu sparen. 9,58 Prozent (48 Personen) plädieren für die Investition in die Forschung sowie Speichermöglichkeiten.

Für die Windkraft, wenn….

Unter den 517 Gegenstimmen, die von der Kommentarfunktion Gebrauch machten, könnten sich 3 Prozent – also 16 Personen – die Nutzung von Windkraftenergie vorstellen, wenn folgende Bedingungen gegeben sind:

  • Möglichkeit der Speicherung der Windenergie (8)
  • Entlang von Autobahnen und ICE-Trassen (3)
  • Größerer Abstand zu den Ortschaften (2)
  • Nutzung freier Flächen in Industrie/ Gewerbegebieten (2)
  • Effizientere Standorte, zu denen Hessen nicht zählen würde (2)
  • Ohne staatliche Subventionen (1)
  • Als Teil des Energiemixes (1)

Dies zeigt, dass zumindest ein kleiner Prozentsatz nicht komplett gegen die Erzeugung von Energie mittels Windrädern ist. Mit in die Auswertung einbezogen würde dies bedeuten, dass nur 75  Prozent der Teilnehmer der Umfrage komplett gegen Windenergie sind.

Meinung von CDU und FDP im Kreis

Neben Helmut Jung sprach ich mit Vertreter der CDU und der FDP im Landkreis. Mit Vertretern der anderen Parteien fand trotz Nachfragen kein Gespräch statt. Die Parteien stimmten 2008 für die Energiewende und sprachen sich im Kreistag für den Ausbau der Energiegewinnung durch erneuerbare Energien aus. Während die CDU wie auch die SPD bis heute daran festhalten, machte die FDP in den letzten Jahren eine Kehrtwende und engagiert sich inzwischen gegen die Windkraft.

Sehr emotionsbeladenes Thema

Für die CDU sprach ich mit Andreas Hofmeister und Joachim Veyhelmann, beide MdL sowie im Kreistag tätig. Auch wenn Hessen nie seine ganze benötigte Energie alleine erzeugen könnte, halten sie dennoch nichts davon, sich komplett von außen abhängig zu machen. Neben dem Kreis haben sie auch im Landtag für diesen Weg gestimmt. Sie geben jedoch auch beide zu, dass nach Fukushima der Weg der Energiewende zu schnell ging, was aber allein der damaligen Situation geschuldet war. Dennoch wollten sie sich nicht einfach hinsetzen und abwarten, was passiert. Auch sie unterstützen die Forderung, dass mehr in die Erforschung von Speichermedien investiert werden muss. „Da wir uns immer mehr vom Strom abhängig machen, bedarf es einen bunten Energiemix, um unseren Bedarf zu decken“, so Veyhelmann. Beide Politiker vertrauen dem strengen Genehmigungsverfahren. Sie merkten an, dass jede Region mit anderen Belastungen zu kämpfen habe – Frankfurt habe den Flughafen und damit eine hohe Wirtschaftskraft, der Taunus und Westerwald haben die Höhenzüge, wo sich die Errichtung von WEA lohne. Gerne sind sie zu Gesprächen mit den Initiativen bereit, doch es sei ein sehr emotionsbeladenes Thema. Die Gespräche gestalten sich häufig problematisch, da die Windkraftgegner kaum von ihren Meinungen abweichen. Daher sei es sehr schwierig, auf die immer lauter werdenden Hasstiraden zu reagieren.

Schlüsselerlebnis auf der Baustelle Wald

Von der FDP sprach ich mit Marion Schardt-Sauer und Tobias Kress. Sie stellen sich inzwischen gegen die Errichtung von WEA und unterstützen die Initiativen gegen Windkraft. Ihr Schlüsselerlebnis sei eine Begehung 2014 auf einer Baustelle im Wald gewesen, wo ihnen so richtig bewusst wurde, wieviel Natur für eine WEA vernichtet wird. Sie möchten sich einsetzen für „eine Energiepolitik mit Vernunft“. Diese Kehrtwende hat gebraucht, aber jetzt möchten sie sich dafür engagieren, dass die Kulturlandschaft und die Wälder nicht mehr beeinträchtigt werden. Sie setzten sich mit verschiedenen Aspekten der erneuerbaren Energien auseinander, haben sich Windräder vor Ort angesehen und sich mit der Technologie beschäftigt. Ohne Speichermöglichkeiten und Gewährleistung der Versorgungssicherheit ist eine Energiewende nicht zu schaffen. Sie stellen sehr stark den subventionsgetriebenen Ausbau in Frage – als Anschub ja, aber nicht als Dauerfinanzierung. Ökonomisch und ökologisch sei die Windkraft sehr schwierig, so dass ein Hinterfragen notwendig geworden ist.

Sie stellen die Frage, welche in der Debatte häufig zu kurz käme, ob denn jede Gemeinde zum eigenen Energieproduzenten werden muss. Beide sind der Meinung, dass nicht jeder Kreis geeignet ist, Strom per Windkraft zu erzeugen und es sei auch nicht notwendig. Als bekennende Europäer sollte an einem Strang gezogen und von jedem Land die passenden Potentiale genutzt werden wie Solaranlagen im sonnenreichen Süden und Wasserkraftwerke im Norden. Dabei plädieren beide dafür, nicht für alle Ewigkeiten an dieser Meinung festzuhalten. Nach den gegebenen Bedingungen muss immer die Möglichkeit gegeben sein, offen darüber nachzudenken. Neben dem Naturschutz stehen ganz klar die ökonomischen Bedenken im Vordergrund. Es existiere ein starkes Missverhältnis, dass durch die Subventionen teurer Strom produziert wird, der dann aufgrund von Überschuss billig verkauft wird. Dies darf es nicht mehr geben.

Fazit zur Umfrage

Am Ende möchte ich noch ein kleines Resümee zur Umfrage ziehen. Die Fragen entstanden aufgrund meiner Erfahrungen auf den Terminen. Im Nachhinein würde ich die Fragen anders stellen. Die Umfrage war anonym, so dass ich nicht nachvollziehen kann, wer daran teilnahm. Aus den Reaktionen bei mir konnte ich entnehmen, dass die Umfrage weit über den Kreis hinausging. Anhand dieser Rückmeldungen vermute ich auch, dass der Link zur Umfrage innerhalb der Initiativen stärker weitergegeben wurde. Lange vor diesem Artikel nahmen die Initiativen meine Umfrage, um zu postulieren, dass 77 Prozent der Bürger gegen die Windkraft sei. Jedoch ergibt die  Umfrage kein repräsentatives Bild zu dem Thema und die 77 Prozent von 887 Stimmabgaben gegen Windkraft sind weder aussagekräftig für die Region noch darüber hinaus. Dieses Ergebnis kann nicht verallgemeinert werden.

Ich konnte dieses Thema nur ankratzen und viele Aspekte wie die Subventionierung oder weitere finanzielle Faktoren sind mit diesem Artikel nicht aufgegriffen. Darüber bin ich mir bewusst und erhebe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.  Er gibt nur ein kleines Meinungsbild aus Politik und Bevölkerung wieder.

 

Heike Lachnit

Freie Journalistin und Texterin

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