24h-Mahnwache: „Man sollte die EU verklagen“

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Vor vier Wochen brannte das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ab. Seit vier Wochen gehen in Limburg Menschen auf die Straße, um auf das Schicksal der Geflüchteten aufmerksam zu machen. Seit vier Wochen passiert nichts.

Von Freitag 16 Uhr bis Samstag 16 Uhr rief ein breites Bündnis verschiedener Organisationen und Parteien zu einer 24-stündigen Mahnwache auf. Sie wollten mit den Menschen ins Gespräch kommen und auf die Situation auf Lesbos aufmerksam machen. Vor Ort war auch die Fotografin Alea Horst, die seit vielen Jahren immer wieder nach Griechenland fährt, um die Zustände vor Ort zu dokumentieren. Und sie gab einen erschreckenden Einblick, was passierte, seitdem das Flüchtlingslager Moria vor 30 Tage abbrannte. Und das ist nicht viel, wie sie verärgert darstellte.

Keine Hilfe als Abschreckung

Alea Horst ist überzeugt, was dort unten passiert, ist eine systematische Schikane, um weitere Flüchtlinge abzuschrecken. „Je schlechter die Menschen behandelt werden, umso mehr raten sie zu Hause von einer Flucht ab.“ Und Susanne Seulberger, welche ebenfalls seit fünf Jahren immer wieder in Griechenland vor Ort ist, ergänzte: „Die warten nur auf schlechte Bilder, damit niemand mehr nach Europa kommt.“ Für beide ist es ein Armutszeugnis der EU, was gerade da unten passiert.

Kurz nach dem Brand gab es offizielle Berichte, dass es keine Verletzten gebe, erinnert sich Alea Horst. Doch sie sei keine fünf Minuten vor Ort gewesen, als sie die ersten Brandopfer sah. Sie sah es als ihre Pflicht an, diese fotografisch zu dokumentieren. Ein Flugzeug aus Rheinland-Pfalz mit Masken und Desinfektionsmitteln erhielt keine Landerlaubnis. Ein Coronazentrum musste schließen, weil es bauliche Beanstandungen gab. Die Menschen erhalten kein Essen, kein Trinken und die ärztliche Versorgung wird ihnen verwehrt. „Es werden immer wieder neue Richtlinien erlassen, damit Hilfe verweigert werden kann“, so Horst. Und bestehende menschenwürdigere Camps werden jetzt geschlossen, weil sie zu teuer sind.

Menschenunwürdige Umstände

Inzwischen wurde ein neues Camp für die über 12.000 Menschen errichtet, doch die Umstände sind menschenunwürdig. „Nach einer Stunde Regen standen die Zelte alle unter Wasser“, berichtet die heimische Fotografin. Die Menschen schlafen auf dem Boden, haben keine Duschen, geschweige denn warmes Wasser. Die schlechten Bedingungen würden gefördert. Die Polizei achtet darauf, dass niemand von außerhalb den Menschen hilft. „Warum ist es illegal, den Menschen essen zu bringen?“, so Horst.

Zwar gebe es vereinzelte Politiker, welche darauf aufmerksam mache, doch „den Rest scheint es nicht zu interessieren.“ Und dennoch glaubt sie noch immer an die Kraft der Politiker. Die Gesellschaft muss den Druck über die Kommunal-, Landes- bis hin zu den Bundespolitikern nach oben geben. In ihren Augen war die Situation schon immer in politisches Problem und kein humanitäres Problem gewesen. Wenn sich die EU zusammentun würde und Griechenland rügen würde, könnte auch die Situation verbessert werden. Aber so ruhe sich die EU auf Zahlungen an Griechenland aus und hofft dadurch, sich mit dem Problem nicht befassen zu müssen. „Viele Länder, Kommunen und Städte sagen, dass sie Platz haben und Geflüchtete aufnehmen würden, aber der Innenminister sagt nein.“ Für sie gibt es eine Lösung, zu der sich Organisationen und Verbände zusammenschließen müssen: „Man sollte die EU verklagen.“

Sie ärgert sich. Nach dem Brand gab es sehr viele mediale Aufmerksamkeit und sie hoffte, dass diese etwas bewirkt. Doch schnell flachte sie wieder ab. Auch ärgert sie sich, dass die ganzen Rettungsdienste sich damit brüsten, das neue Camp aufgebaut zu haben. „Aber wo waren diese, als es gebrannt hatte“, fragt sie, „keine Sau war da.“

Breites Bündnis im Landkreis

Für die Organisatoren der Mahnwache war die Anwesenheit von Alea Horst und ihre Berichte eine gute Unterstützung für ihr Anliegen. Bereits in den letzten Monaten hatte sich gezeigt, dass im Landkreis ein Bündnis zusammenwächst und mit dem Brand in Moria und der anschließenden Situation hat sich dieses Bündnis gefestigt. Aus den Parteien SPD, Die Linke und Bündnis 90/ Die Grünen sowie den Organisationen DGB, Wir sind mehr, Bündnis Courage, Fridays for Future sowie dem Willkommenskreis Diez hat sich ein Bündnis gebildet, welches gemeinsam auf Themen aufmerksam macht.

Viktoria Spiegelberg-Kamens, DGB Kreisvorsitzende, die bei strömenden Regen am Aufbau des Pavillons für die Mahnwache beteiligt ist, möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen, damit die Situation der Flüchtlinge auf Lesbos nicht wieder in Vergessenheit gerät. „Bei dem schlechten Wetter haben die Leute Mitleid mit uns, dass wir 24 Stunden auf der Straße campieren“, so Spiegelberg-Kames, „aber auf Lesbos leben die seit Jahren so. Wenn die Mitleid mit uns haben, warum nicht auch mit den Menschen da unten?“ Dabei trage der deutsche Staat Mitverantwortung an der ganzen Situation durch seine noch immer bestehenden Rüstungstransporte. Marita Salm von Bündnis Courage ergänzt, dass sich an der ganzen Situation nichts ändern wird, so lange Flüchtlingsursachen wie Krieg, Klimawandel und Ressourcenausbeutung bestehen bleiben.

v.l. Viktoria Spiegelberg-Kamens, DGB Kreisvorsitzende, Jutta Lippe, Vorsitzende „Wir sind mehr“ und Marita Salm, Bündnis Courage, im Gespräch mit mir.

Europäisches Signal

Für die Demonstrierenden ist ganz klar, dass jetzt von der Europäischen Union ein Signal an Griechenland gehen muss. Bei dem Thema muss die EU zusammenstehen und Verantwortung übernehmen. Kurzfristig müssen Flüchtlinge aufgenommen werden. Parallel dazu muss die EU langfristigen Lösungen erarbeiten. Mit bei der Mahnwache war auch die Kreispolitikerin Sabine Häuser-Eltgen, Grüne, die sichklar äußerte: „Menschlichkeit muss immer an erster Stelle stehen, deshalb muss Moria sofort evakuiert werden. Die Kommunen und Länder stehen bereit! Wir haben Platz! Die Bundesregierung muss unbedingt in ihrer Rolle als amtierende EU-Ratspräsidentschaft die auf Bundes-und EU-Ebene zur Verfügung stehenden Ressourcen mobilisieren.“

Am Ende zogen die Organisatoren der Mahnwache ein positives Fazit, denn sie kamen mit vielen Menschen ins Gespräch und konnten auch durch die sozialen Netzwerke auf ihre Aktion aufmerksam machen. Gleichzeitig sammelten sie Spenden, um die Arbeit von Alea Horst zu unterstützen. Insgesamt konnten sie 402 Euro an Spendengelder sammeln.

Nächste Woche fährt Alea Horst wieder nach Lesbos. Wer ihre Arbeit unterstützen möchte, hat die Gelegenheit dazu.
Paypal: alea@aleahorst.de
Konto: DE86 5138 0040 0936 6131 00
BIC DRESDEFF513
Commerzbank

Wer mehr von ihrer Arbeit erfahren möchte, hat auf Facebook die Möglichkeit dazu. Sie berichtet nicht mit einem Blick von außen, sondern ist direkt vor Ort.


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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