„Abrüsten statt aufrüsten, dafür demonstrieren wir“

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Über 300 Menschen kamen Samstag Morgen in Limburg zusammen, um für ein friedliches Miteinander zu demonstrieren. Es war ein großes Bündnis aus Organisationen, Vereine, Parteien und Einzelpersonen, die sich gegen Krieg und für Frieden aussprachen. 

Mit über 300 Personen zog der Ostermarsch durch die Limburger Innenstadt. Es ging auf dem Bahnhofsvorplatz los, von dort zum Europaplatz. Über die Diezerstraße ging es zur Altstadt auf den Bischofsplatz, von dort hoch zum Dom, um dann am Ende auf der Plötze zusammen zu kommen. Marita Salm, Hauptorganisatorin, freute sich, dass mehr als 20 Organisationen in dem Bündnis zusammenkamen, um gemeinsam auf die Straße zu gehen. „Abrüsten statt Aufrüsten, dass ist unser gemeinsamer Weg“, so Salm, „dafür demonstrieren wir.“ Und es kamen alle Generationen, vom Schüler bis zum Abiturienten, vom Studenten bis zum Auszubildenden, vom Arbeiter bis zum Akademiker, um ihrer Hoffnung nach Frieden eine Stimme zu geben.

Rüstungsproduktion im Aufschwung

In seinen Grußworten, vorgetragen von Brigitte Geis, kritisierte Bürgermeister Marius Hahn (SPD), dass „das Säbelgerassel auf der Erde wieder zunimmt, Drohgebärden mit Waffen in manchen Ländern wieder an der Tagesordnung stehen“. Die Rüstungsproduktion ist im Aufschwung. Und die Generation, welche den letzten Krieg erlebt hat, stirbt langsam aus, die Erinnerungen an den Krieg verblassen. Daher sei es gut, dass die Ostermärsche vor Augen führen, dass die Waffen dafür gebaut werden, um eingesetzt zu werden. Viktoria Spiegelberg-Kamens, Vorsitzende vom DGB Limburg-Weilburg, nannte konkrete Zahlen. 60 Milliarden Euro werden mit Rüstungsexporten in Deutschland verdient. Dieses Geld könnte in unser Land gesteckt werden für den Wohnungsbau, die Pflege oder Kindergärten. Auch kritisierte sie, dass nicht nachvollzogen wird, wo die Waffen landen. „Wir müssen uns von der romantischen Vorstellung verabschieden, dass Waffen zur Verteidigung da sind“, so Spiegelberg-Kamens, „Waffen sind zum töten da.“ Auch hätte Europa einst Gedanken gehabt, ein Staat der Brüder und Schwestern zu sein. „Aber Europa bemüht sich nicht, aus der Vergangenheit zu lernen, sondern bildet eine europäische Armee, rüstet auf, stärkt die Grenzen gegen Russland.“ Sie würde sich wünschen, dass sich Deutschland zur Neutralität verpflichtet, genauso wie es die Schweiz macht.

Starkes Europa

Die Redner gemahnten an ein geeintes Europa und an eine Wiederkehr der europäischen Idee. Dies könnte jeder beeinflussen, indem er im Mai wählen geht. Reiner Hecht von der Friedenswerkstatt Sophie Hedwig forderte die Demonstranten dazu auf, keine Partei zu wählen, welche für die Aufrüstung sind. Auch Axel Gerntke, IG Metall, warb für Europa, denn „Europa ist eine gute Idee.“ Aber wenn die Menschen im Mittelmeer ertrinken, die Rüstungsexporte zunehmen und Europa zu einem wirtschaftsstarken Standort ausgebaut werden soll, dann habe dies nicht mehr viel mit dem europäischen Gedanken zu tun. „Wer Europa wirklich will, muss Europa neu begründen und dafür Bedarf es einen Kurswechsel“, so Gerntke, „es bedarf einer aktiven Strukturpolitik für die Länder am Rand. Es darf nicht mehr nur exportiert werden, sondern muss auch importiert werde. Weiterhin müssen die Löhne und Renten rauf. Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die Klimapolitik umsetzt und nicht bekämpft.“

Religionen gemahnen an den Frieden

Redner für die katholische, evangelische und jüdische Gemeinschaft kamen zu Wort und setzten sich für Frieden ein. Auch Bischof Georg Bätzing ließ in seinen Grußworten verlesen, dass es die bisher längste Friedensperiode gab und diese für viele selbstverständlich ist. Aber wer diese behalten möchte, sollte zur Europawahl gehen. Ein Pfarrer gemahnte daran, den Frieden zu suchen und damit auch die Wahrheit und das Vertrauen. Er sprach sich dagegen aus, auf Unwahrheiten, Verleumdungen und Fake News hereinzufallen. Bewegend waren die Worte von Pfarrer Herbert Leuninger, welcher den Zweiten Weltkrieg miterlebte. „Ich bin in der Nazizeit in einer Welt voller Feindbilder groß geworden. Doch es waren nicht unsere Feinde, sondern unser Feind war Adolf Hitler.“ Nach dem Krieg sei er dann überrascht gewesen, dass die Feindbilder nicht die Feinde waren, sondern Freunde. „Was für ein Erlebnis, endlich befreit zu sein von den Feindbildern Adolf Hitlers.“ Und die jüdische Gemeinde appellierte daran, sich für menschliches Miteinander, Weltoffenheit und Miteinander aller einzusetzen und Hasspredigern keine Chance zu lassen.

Buntes Potpourri

Die Demonstration war ein buntes Potpourri an Meinungen und Ansichten. Und so gab es auch Kritik innerhalb des Zuges, dass nur ausgewählte Sprecher zur Versammlung reden durften und teilweise unreflektiert ihre Meinung kundtun dürfen. Heftigen Protest gab es gegen Aussagen von Bündnis Courage, dass Putin zu einem Feindbild hochstilisiert werde und dabei sei dies alles falsch und mit Russland müsse Friede geschlossen werden. Es wurde die Frage in den Raum gestellt, ob Russland wirklich Krieg möchte. Dies wollte nicht jeder Demonstrierende so stehen lassen. Und obwohl die Grundstimmung in den Redebeiträgen sehr pro-europäisch war, trug die SDAJ Limburg-Weilburg (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) ein Banner, auf dem als erstes ein Austritt aus der EU gefordert wurde sowie Frieden mit Russland. Das sind Forderungen, die auch von der AfD bekannt sind.

Friedliches Miteinander

Alle waren sich einig, dass mit Waffen ein Frieden nicht hergestellt werden kann. Vielmehr führen Waffen zu Konflikten und Auseinandersetzungen, die wiederum verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. Nur durch ein Abrüsten sei dauerhaft ein Frieden anzustreben. Dazu gehöre das Verständnis für Positionen anderer und es erfordere Arbeit, um Vertrauen zu schaffen. Aber nur durch Menschlichkeit und Miteinander sei ein Weg Richtung Frieden möglich, aber nicht durch Waffen.

Zum Abschluss noch das Gedicht von dem Abiturienten Mario Malki, welches er vortrug (mehr von ihm findet ihr auf YouTube)

Da steht dann dieses Mädchen
Inmitten der zerstörten Stadt
Ich gehe zu ihr hin
Knie mich zu ihr nieder
Sie hebt ganz leicht das Kinn
Ich erkenne alle Kinder, die ich kenne, in ihrem Gesicht wieder

Beim Anblick ihrer glasigen Augen
Frag ich mich an was diese jetzt noch glauben
Frag ich mich warum wir ihr einfach alles rauben

Wie soll ich ihr sagen, dass wir all das hier nicht wollten
Das unsere Panzer nicht mit Absicht über die Kadaver ihrer Familie rollten
Wenn ich grade so standhalte ihrem Blick?
Er ist leer
Er zeigt faire Kritik ohne, dass sie ein Wort sagen muss
Denn ihr Blick sagt:
„Warum wundert ihr euch über den Schuss, wenn er aus eurer Waffe stammt?“
„Warum trauert ihr um uns, wenn ihr eine der Komponenten seid, die uns verdammt?“
„Warum versucht ihr uns danach zu helfen, wenn ihr davor das Elend entflammt?“

Soll ich ihr sagen, dass das aus wirtschaftlichem Interesse geschieht?
Dass das der Grund dafür ist, dass die Hälfte des Landes in dem sie lebt, flieht?
Dass sie wegen unserer Ignoranz ihre Familie nie wieder sieht?

Krieg nichts raus – nicht ein einziges Wort
Will einfach nur noch fort
und dabei merke ich mal wieder
Wir propagieren täglich den Frieden
Denken wir könnten ihn mieten
Wir maßen es uns an
Ihn angeblich zu bieten
Indem wir Krieg führen in ausländischen Gebieten

Bauen nebenbei noch neue Waffen um Krieg zu vermeiden
Merken nicht, dass wir dadurch bloß noch viel mehr Leiden
Wir machen alle Länder zu riesengroßen Zielscheiben
Anstatt miteinander zu teilen
Sind wir lieber gemeinsam allein
Und ziehen an verschiedenen Enden von den selben Seilen
Obwohl wir lieber darüber nachdenken sollten wie wir zusammen heilen

Deshalb möchte ich euch fragen:
Verdienen nicht alle Lebewesen einen vollen Magen?
Wollen wir nicht alle gemeinsam reden von friedvollen Tagen?
Und uns auf dieselbe Seite schlagen?
Aber bis alle diese Fragen bejahen
Müssen wir es wohl noch ertragen
Dem Kind, dessen Eltern nie mehr wieder kommen, nichts zu sagen



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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

Ein Gedanke zu „„Abrüsten statt aufrüsten, dafür demonstrieren wir“

  • 21. April 2019 um 8:39
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    Unter den Teilnehmer*innen des Limburger Ostermarsches entstand großes Unbehagen, als der „Bündnis Courage“ Vertreter inbesondere die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel Krim vor mittlerweile fünf Jahren zu rechtfertigen suchte. Die russische Förderation hatte 1992 im Budapester Abkommen der Ukraine im Gegenzug zu Abschaffung ihrer atomaren Bewaffnung die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen zugesichert. Der Bruch des Völkerrechts durch die russische Regierung ist genauso wie das Anfachen der Kriege im Osten der Ukraine, der mittlerweile üner 70.000 Menschen den Tod gebracht hat, und des syrischen Bürgerkrieges durch Einsatz ihrer Luftwaffen und Bomben Realität und zu verurteilen. Die Regierung im Kreml ist dabei so zynisch, dass sie seit Februar einen Ausstellungszug mit Kriegsttrophäen aus Syrien durch das Land fahren läßt. Zur Wahrheit in der russischen Gesellschaft gehört zudem, dass – lange vor den notwendigen Sanktionen – seit 2004 die Realeinkommen der Bevölkerung sanken, eben außer auf der Krim, die ihren Haushalt zu zwei Dritteln mit Transferleistungen aus dem russischen Staatshaushalt decken muss. Dort selbst herrscht massive Repression. Aktivist*innen, Anwält*innen und Angehörige von politischen Gefangenen haben sich in „Krim Solidarität“, einem den Krim-Tataren, die zwölf Prozent der Bevölkerung (2,3 Mio Bewohner*innen) ausmachen, verbundenen Projekt zusammen geschlossen und werden massiv von der autoritären Verwaltung bekämpft. Wer also Abrüstung und Frieden fordert, sollten von den imperialen Zügen der russischen Regierung genauso wenig schweigen wie von dem Druck des Rüstungslobbyisten Trump. Daß die DGB Vertreterin mit ihrer Verwechslung diverser Fakten wie von untergegangener Sowjetunion und heutiger russischer Förderation mehr Verwirrung als Aufklärung mit ihrer Rede am Rathaus stiftete, war auch traurig. Trotz alledem blieb die Stimmung angesichts von Sonne und angenehmen Menschen gut.

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