Auf Visite mit den Clowndoktoren

„Lachen hilft heilen!“ ist ein bekanntes Motto. Doch wie kann ich lachen, wenn mir gerade gar nicht zum Lachen zumute ist? Wenn ich gerade im Krankenhaus liege und ganz andere Gedanken im Kopf habe?

Um dennoch ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, gehen die Clowndoktoren in die Krankenhäuser und sorgen für einen Moment für andere Gedanken.

In 15 Minuten zum Clowndoktor

Wenn Gianna Matysek und Roland Strasser sich um 14 Uhr vor dem Haupteingang des St. Vincenz Krankenhaus treffen, ist ihnen ihre Mission noch nicht anzusehen. Eventuell ist es das eine oder andere kleine Detail, was sie verrät. Dann muss man aber schon genauer hinschauen als nur mit einen flüchtigen Blick. Sie trägt eine bunte Tasche, aus der kleine Kuscheltiere linsen, er hat ein Akkordeon bei sich. Direkt hinter dem Eingang müssen beide einen negativen Test vorweisen und das erste Mal hört man etwas von ihrer Mission: „Wir sind die Clowndoktoren.“ Dann geht es weiter zum Aufzug, lange Gänge entlang und irgendwann sind sie auf der Kinderstation. Schnell besorgen sie einen Schlüssel und verschwinden sie in eines der Zimmer.

15 Minuten später sind sie wie verwandelt. Statt Straßenkleidung bunte Klamotten, der weiße Arztkittel ist mit bunten Accessoires verziert, die Füße stecken in bunten Schuhen. Auf der weißen FFP2-Maske sitzt eine rote Nase, auf seinem Kopf sitzt ein brauner Hut, die Augen sind geschminkt. Gianna Matysek hat sich in Dr. Pille-Palle verwandelt und Roland Strasser in Dr. Furioso. Sie scheinen auch in ihrem ganzen Auftreten wie verwandelt, zappeliger, schwungvoller, ein völlig anderer Mensch. Das Auftreten unterstreicht eine Aussage von Matysek: „Dr. Pille-Palle ist ein Teil von mir. Aber sie hat ganz andere Energie als ich. Niemals würde ich so in ein Zimmer stürmen wie sie.“

Einstellen auf die Patienten

Das Team auf der Station freut sich über die Anwesenheit der beiden und so ist das erste Ständchen direkt für sie. Die beiden Clowns animieren sie zum Mitsingen und Mittanzen. Sie zaubern auch ihnen bereits ein Lächeln ins Gesicht. Sie suchen zu jedem Kontakt, der sich auf dem Flur befinden, egal, ob es die Reinigungskraft ist oder ein Jugendlicher, der ein wenig traurig dreinschaut. Ein kurzer Dialog, eine Frage nach dem Woher, ein kleiner Funke springt über und erreicht die Menschen.

Danach geht es in Stationszimmer, wo die beiden eine Übersicht zu den Patienten erhalten, über Name, Alter, Diagnose, Sprache. Die Übergabe ist sehr wichtig, so Matysek. Niemals würden sie ohne eine solche Übergabe in die Zimmer der jungen Patienten hineinspazieren. Sie möchten ja den Kummer ein wenig lindern und nicht unbedarft noch verstärken. Neben der Übergabe erfolgt vor jedem Zimmer ein kurzer Austausch zwischen den beiden, wie die Patienten heißen, was sie haben, um sich auf die jeweilige Situation einzustellen. Dies geht kurz und knapp, dafür sind die beiden seit Jahren ein eingespieltes Team. Sie agieren miteinander, können sich aber auch direkt gegenseitig ersetzen, wenn einem von beiden ein Fall mal näher geht.

Interaktionen mit den Patienten

Die Tür ist noch nicht auf und schon sind sie in ihrem Element. Sie sprechen die Patienten mit ihren Namen an, fragen nach ihrem Befinden. Türöffner sind ganz verschieden. Entweder fällt Dr. Furioso über den Mülleimer und lässt sich erstmal drüber aus, warum dieser im Weg rumsteht. Oder die Patienten sind bereits aus der letzten Visite bekannt. Je nachdem wie die jungen Patienten drauf sind, gibt es auch Körperkontakt, wenn Dr. Furioso Beine und Arme zum Quietschen bringt oder sich Energie klaut. Sind Eltern mit im Raum, werden diese auch mit einbezogen. Die Kinder reagieren ganz unterschiedlich. Manche sind ganz still, beobachten mit großen Augen. Wenn am Ende ein Lied erklingt und Dr. Pille-Palle Seifenblasen fliegen lässt, dann stiehlt sich ein kleines Lächeln ins Gesicht. Andere lachen lauthals los, gehen auf die Späße ein und fordern Zaubertricks.

An manchen Türen werden sie auch weggeschickt und auch dies akzeptieren sie. Sie machen ein Angebot, doch sie drängen sich niemanden auf. Sie verbreiten für wenige Minuten gute Stimmung, lassen die Kinder ihre Sorgen vergessen und schenken ihnen einen kleinen Moment Glück. Die Zeit fliegt. Die Station war recht voll und so ist es fast 16 Uhr, als die beiden Clowndoktoren ihre Visite beenden. Nach den Besuch in den Zimmern notieren sie ihre Beobachtungen und geben diese an das Stationsteam weiter. Es ist ein Miteinander.

Clown nicht einfach abschütteln

Ist die Visite vorbei, schütteln sie den Clown nicht einfach ab. „Der Clown geht mit raus und ich brauche eine Weile, bis ich ihn abgeschüttelt habe“, erzählt Gianna Matysek. Je nachdem, welche Schicksale sie an den Tagen mitbekommt, geht dieses Abschütteln mal schneller und mal langsamer. In den vielen Jahren, in denen die beiden als Clowndoktoren unterwegs sind, erleben sie die verschiedensten Geschichten. Dann erleben sie auch schwere Fälle oder besuchen Menschen, wo sie wissen, dass diese Sterben können. „Ich verabschiede mich dann immer innerlich“, so Matysek. Und auch wenn sie schon viel erlebt hat, wusste, dass Kinder gestorben sind, käme sie nie auf die Idee, Dr. Pille-Palle an den Haken zu hängen. „Dr. Pille-Palle ist ein Teil von mir und ich kann mir ein Leben ohne diese Kunstfigur nicht vorstellen.“ Ihr Kollege bestätigt dies nickend.

Für beide war die Coronazeit schlimm, als sie nicht in die Einrichtungen durften. Zwar hatten sie die Möglichkeit der Online-Visite, doch „die Energie überträgt sich gar nicht“, so Strasser. Und Seifenblasen vor dem Tablet zu machen, sei auch doof, so Matysek. Sie hoffen beide, dass ihnen dies in diesem Winter erspart bleibt. Und nicht nur der Bildschirm, der regelmäßig geputzt werden muss, störte Matysek. „Mein Clown war auf einmal bei mir zu Hause, aber der wohnt ja nicht da.“ Dies sei ganz ungewohnt gewesen, zumal sich ihr Clown bei ihr zu Hause auch nicht so wohlfühle.
Nach der Visite gehen sie wieder in das Zimmer zum Umziehen und als sie die Klinik verlassen, sieht man ihnen ihre Mission nicht mehr an. Aber in dem einen oder anderen Zimmer wird sicher noch über sie geredet und hier und da ist ein Lächeln hängen geblieben.

 

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Ein Beitrag geteilt von Heike Lachnit (@hl_journal)

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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