Bessere Rahmenbedingungen sowie Aufwertung Berufsbild Pflege notwendig

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Wie ist es um die Pflege bestellt? Was läuft gut und was nicht so? Darüber unterhielt sich Nicole Westig, pflegepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion sowie die Landtagsabegordnete Marion Schardt-Sauer mit dem Caritasverband Limburg, welche ein Pflegeheim in Dornburg betreibt. 

Das Haus St. Martin in Dornburg-Frickhofen ist ein Pflegeheim der Caritas mit 27Vollzeit-Plätzen sowie sieben Wohnungen für betreutes Wohnen. Es ist das jüngste Haus der Caritas und seit dem 1. Juli 2010 in Betrieb. Bereits nach sechs Wochen war es voll belegt und es gibt eine Warteliste für die Plätze. Bis zu 55 Prozent der Bewohner ist aus Dornburg und schätzen es sehr, in ihrer Heimatgemeinde wohnen bleiben zu können. Mit der Heimleitung Renate Mainka wie auch Othmar Hicking, Abteilung Seniorendienste bei der Caritas sowie Max Prümm, Geschäftsführer der Caritas kamen die FDP-Politiker ins Gespräch.

Wo kommt Personal her?

Das größte Problem in der Pflege sei das fehlende Personal, so Othmar Hicking. Zwar hätte Jens Spahn 13.000 Stellen für die stationäre Pflege geschaffen, aber dies sei bisher nur eine Aussage auf dem Papier. In der Pflege sei davon noch nichts angekommen. Daher sprechen sie auch von sogenannten „Spahnstellen“. „Wir haben 4,5 Vollzeitstellen beantragt, aber eine Umsetzung funktioniert bis heute nicht“, so Hicking. Die Caritas habe dennoch zwei Stellen besetzt und finanziere die mit 7.000 Euro pro Stelle vor.

Ein weiteres Problem sei, dass Kurzzeitpflegeplätze aus wirtschaftlichen Gründen derzeit nicht angeboten werden können. Wenn ein Zimmer frei ist, dann ja, aber aufDauer kann dafür kein Zimmer freigehalten werden. „Der Bedarf ist unbestritten und wir würden es auch gerne anbieten, aber wir müssen überlegen, wie“, so Hicking. Es muss muss für die Caritas wirtschaftlich tragbar sein. „Auf das Thema müssen Antworten gefunden werden mit einer vernünftigen Finanzierung“, ergänzte Max Prümm. Die politische Not sei gegeben, jetzt bedarf es nur vernünftiger Rahmenbedingungen. In der Politik sei bekannt, dass Kurzzeitpflege mit starkem Wechsel und einem hohen administrativen Aufwand verbunden sei, aber dies finde keinen Niederschlag in den Kosten. Dadurch ist für Angehörige, die auf solche Plätze zurückgreifen wollen, derzeit keine Planung möglich.

Bessere Positionierung des Berufsbildes

Alle Anwesenden wünschen sich eine bessere Außendarstellung des Berufsbildes. „Wir brauchen eine breit angelegte gesellschaftliche Positionierung für diesen Beruf“, so die Forderung von Prümm. Westig wies ihn darauf hin, dass dies nicht politisch verordnet werden kann. Alle, die in diesem Bereich tätig sind, müssen dafür werben. Renate Mainka könne nicht verstehen, warum die Altenpflege auch heute noch verpönnter sei als die Krankenpflege. Sei doch die Ausbildung qualitativ vergleichbar.

Ein Thema, welches der Ministerin am Herzen lag, ist die Digitalisierung. Da mussten ihr die Gesprächspartner jedoch sagen, dass da noch viel Luft nach oben sei. „Uns fehlt noch der Boden, auf dem wir laufen können.“ Dazu gehöre die Infrastruktur. Zu oft stürzt der Rechner ab, wenn Daten übertragen werden sollen. Gerne würde die Caritas ihre Häuser besser digital ausstatten, aber es fehle ihnen teilweise auch die Adressate, über welche es eine Förderung geben könnte.

Es war ein sehr interessantes Gespräch, in welchem sich über viele Themen in der Pflege ausgetauscht wurden. Langfristig sieht Westig das Problem, dass nicht mehr für alle Pflegenden ein Platz vorhanden sein wird, weil die pflegenden Hände fehlen. Zudem komme die Herausforderung Single-Haushalte auf die Gesellschaft zu und damit die fehlenden Familien, die sich in der Pflege mit engagieren. Daher seien regionale Angebote vor Ort von großer Bedeutung und Vernetzungen vor Ort. Zumindest für Dornburg kann Renate Mainka berichten, dass bereits heute eine gute Vernetzung mit der Gemeinde, den Vereinen, Institutionen und Unternehmen existiert.

Pflege Herausforderung FDP
Nicole Westig (li) und Marion Schardt-Sauer hören sich an, wo in der Pflege der Schuh drückt.

Intensiver Austausch über die Zukunft der Pflege

Am Abend fand eine Diskussionsveranstaltung in Weilburg.Ahausen statt. Neben Nicole Westig nahm Benjamin Hoppe, Heim- und Pflegedienstleiter des Mutter-Theresa-Hauses in Niederbrechen An dieser konnte ich nicht teilnehmen, teile jedoch die Pressemitteilung hier.

Zunächst erhielt Nicole Westig Gelegenheit, sich zu den Knackpunkten im Bereich der Pflege zu äußern und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Die Bundestagsabgeordnete legte anschaulich dar, dass Bundesgesundheitsminister Spahn viele Gesetzesentwürfe vorstelle und Ideen entwickle, dass bislang aber trotzdem noch nicht wirklich viel passiert sei: „Ja, es bewegt sich etwas in der Pflege, aber es sind bisher nur erste Schritte“, stellte die Politikerin klar.  Mit ihrer Unterstreichung, dass die Freien Demokraten für beste schulische Bildung, aber auch für eine bestmögliche Ausbildung im Bereich der Pflege einträten, schlug sie den Bogen zwischen Bildungs- und Gesundheitspolitik. Auszubildende müssten mehr Anleitung erhalten, um die Ausbildung als zufriedenstellender zu erleben. Voraussetzung hierfür sei, dass Auszubildende nicht länger auf den Personalschlüssel angerechnet werden dürften. Die FDP stehe als Partei für die Digitalisierung und diese sei auch im Bereich der Pflege eine große Chance. Als nicht hinnehmbar betrachtet die FDP-Politikerin die Möglichkeit, Kosten der Ausbildung auf den Eigenanteil der Heimbewohner umzulegen, weshalb sie forderte, dass diese zukünftig komplett vom Bund übernommen werden. Die aktuelle Gesetzesinitiative zur Entlastung der Kinder Pflegbedürftiger findet sie gut, nicht aber die geplante Kostenübernahme durch die Kommunen: „Bei uns im Rheinland sagt man: Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen“, fügte die Bundestagsabgeordnete an. Und das gelte auch für die Politik.

Nach den Ausführungen von Nicole Westig erhielt Benjamin Hoppe, ein Mann mit jahrzehntelanger Praxiserfahrung die Möglichkeit, aus seiner Perspektive zu schildern, wo im Bereich der Pflege die Probleme liegen. Er stimmte Nicole Westig dahingehend zu, dass das, was die Bundesregierung bisher auf den Weg habe bringen wolle, gut klinge, nun aber auch endlich in der Praxis ankommen müsse. „Das, was in der Pflege am meisten fehlt, sind Menschen, die die Tätigkeit ausüben“, stellte Hoppe als Hauptproblem in der Pflege heraus. Mit dem Wegfall des Zivildienstes im Zuge der Aussetzung der Wehrpflicht kämen weniger Menschen als früher mit dem Berufsfeld der Pflege in Kontakt. Zudem fielen viele Pflegende im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit mit Burn-Out  aus, weil sie auf Dauer nicht mit dem Unterschied der hohen eigenen Ansprüche und dem, was in der Realität tatsächlich leistbar sei, klar kämen. Auch die Chancen der Digitalisierung stufte Hoppe ähnlich positiv ein wie zuvor Westig: Seiner Auffassung nach biete das Internet den Bewohnern soziale Anbindung, was zuvor viel schwieriger gewesen sei. Zudem ermögliche es den Einrichtungen jedoch auch Zeitersparnis, wenn medizinische Geräte die Daten z. B. automatisch ins EDV-System einpflegten. Auch ein im Publikum anwesender Pflege-Experte stützte diese Einschätzung, indem er berichtete, dass er regelmäßig Sprachübersetzungsprogramme benutze, um mit den Patienten in der heutigen multikulturellen Gesellschaft kommunizieren zu können.


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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