BI Hengen fordert neutrale Gutachten zum Kalksteinbruch

Seit über fünf Jahren kämpft die Bürgerinitiative “Hengen” gegen einen Kalksteinbruch, welche die Firma Schäfer-Kalk “Auf Hengen” realisieren möchte. Gutachten wurden schon einige erstellt. Doch zum einen fehlt der Bürgerinitiative die Neutralität in manchen Gutachten. Zum anderen fehlen ihr die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bereichen. 

Am 31. Juli 2017 hat sich die Bürgerinitiative gegründet und inzwischen ist sie mit 243 Mitgliedern sehr gut aufgestellt. Zu Beginn ihres Engagements gegen den Kalksteinbruch sei sehr viel Emotionalität dabei gewesen, erzählt der Vorsitzende Josef Schulte in einem Pressegespräch. Doch in den letzten fünf Jahren haben sie sich eine Expertise aufgebaut und zeigen Schwachstellen in den Gutachten auf. Aktuell prüft das Regierungspräsidium noch die Vollständigkeit der Unterlagen. Ein hydrologisches Gutachten befindet sich gerade in der Prüfung. Durch Corona war es in den letzten zwei Jahren etwas ruhig um die Bürgerinitiative, doch diese war in der Zeit nicht untätig. Die BI bereitet eine Risikoanalyse vor. Sie möchte für alle Eventualitäten gerüstet sein.

Einfluss auf das Trinkwasser?

Es sind vor allem zwei Themenbereiche, welche die BI umtreibt. Zum einen ist es das hydrologische Gutachten und zum anderen die Stollen vom Altbergbau. Bei beiden fehlen ihnen aussagekräftige Ergebnisse. Der geplante Steinbruch würde im größten Grundwasserschutzgebiet des Landkreises liegen. Dieses erstreckt sich von Dietkirchen bis Waldbrunn sowie von Ahlbach bis Kerkerbach. Die BI wollte wissen, welche Auswirkungen der Kalkabbau auf das Grundwasser habe. Die Firma Schäfer Kalk habe versucht, dieses Thema zu entkräften und verwies darauf, dass es keine Beeinflussung des vorhandenen Grundwassers geben würde. Hier erhielt die BI Unterstützung von der Kommunalpolitik, die die Fragestellung aufgriffen und ein eigenes Gutachten in Auftrag gaben. Der bestellte Gutachter kam zu dem Schluss, dass es mehr Daten braucht zum Grundwasser sowie zu den Grundwasserströmen im Boden. Er empfahl eine Dreiecksbohrung, um Daten zu erhalten.

Daraufhin verlangte das RP Gießen weitere Daten für das hydrologische Gutachten. Ohne diese gebe es keine Genehmigung des umstrittenen Kalksteinbruchs. Im letzten Jahr fand dann eine statt drei Bohrungen statt. Auf 162 Metern Tiefe stieß der Bohrer auf Wasser. Die Firma gehe davon aus, dass sie nun ausreichend Daten geliefert habe, um das Verfahren weiter voranzutreiben. Zudem habe sie nicht vor, Kalk unterhalb des Grundwasserspiegels abzubauen (Quelle WT 14.Oktober 2021). 

Kritik an Bohrung

Kurz darauf meldete sich die BI zu Wort und zweifelte die Ergebnisse an. Die eine Bohrung sei nicht aussagekräftig genug, um auszusagen, ob das Trinkwasser unbeeinträchtigt bleibt bei den Sprengungen und dem Kalkabbau. Zudem sei die Bohrung an einer Stelle außerhalb des geplanten Steinbruchs erfolgt, so dass die Daten nicht einfach auf den Steinbruch bezogen werden können. (Quelle WT 27.Oktober 2021)

Schulte zeigt sich positiv gestimmt, dass die Kommunalpolitik ihrer Argumentation folgte und einstimmig beschloss, ihren Sachverständigen nochmal über das Gutachten schauen zu lassen. In diesem Schritt hängt es derzeit fest und es kann zwei Ausgänge geben. Zum einen könnte der Gutachter feststellen, dass die Daten nicht ausreichen. Dann müsste Schäfer Kalk nachliefern. Zum anderen könnte er zum Schuss kommen, dass die Daten reichen. Dann geben die Kommunalpolitiker dies an das RP weiter und dieses könnte die Vollständigkeit der Unterlagen bescheinigen. Schulte äußerte auch die Hoffnung, dass der Gutachter seine Ergebnisse öffentlich in den Ausschüssen vorträgt. Vielmehr zählt er darauf, dass dieses Thema weiterhin im parlamentarischen Betrieb verbleibt und nicht irgendwie untergeht.

Einsturzgefahr durch alte Stollen

Ein zweites Thema, welches der BI wichtig ist, sind die Gefahren, welche durch mögliche alte Stollen ausgehen. Ernst Jäger erzählt, dass es in der Gemarkung die höchste Dichte an alten Schächten gibt. Alleine in Schupbach gebe es 84 Schächte, welche durch das RP erfasst seien. “Wir sind gerade die Unterlagen am vervollständigen und sind bei 135 Schächten. Wir glauben, dass es noch mehr sind”, so Jäger. Zu diesem Schluss kommen sie auch durch Augenzeugenberichte, die sich erinnern, wo etwas gewesen ist. Die BI äußerte die Befürchtung, dass es zu Schäden im Siedlungsbereich kommt, wenn Schäfer Kalk im Steinkalkbruch Sprengungen durchführt. “Wir wissen nicht, wie die Schächte und Gesteine reagieren, wenn gesprengt wird”, so Jäger. Auch ohne Sprengungen kam es zu Absenkungen in der Nähe des geplanten Steinbruchs.

Im letzten und in diesem Jahr kam es zu Absenkungen auf einer landwirtschaftlichen Fläche. Da dort auch eine Gasleitung langführt, wurde im letzten Jahr recht schnell die Absenkung wieder verfüllt. Jetzt gibt es eine erneute Absenkung wieder in Nähe der Gasleitung. Inzwischen ist das RP eingeschaltet und möchte nach der Ernst im August eine genauere Prüfung durchführen. “Was ist denn, wenn die Gasleitung hochgeht?”, fragt sich Jäger. Und wer zahlt dann die Schäden? Das Worst-Case-Szenario möchten sich Jäger und Schulte gar nicht ausmalen, sprechen es aber an. Und sie sehen jetzt Hoffnung darin, dass das RP diese Absenkung genauer prüfen möchte. Eventuell sehen sie dann, dass das Gebiet ungeeignet ist für weiteren Kalkabbau.

Kritik an den Gutachten

Die beiden haben das Gefühl, dass Schäfer-Kalk “auf Biegen und Brechen diesen Kalkbruch haben wollen.” Viele Gutachten gibt es dazu. Neben dem hydrologischen Gutachten und dem Gutachten zum Altbergbau wurden ebenfalls ein Gutachten zu den Emissionen, zu Natur und Umwelt  sowie zu den Auswirkungen der Sprengungen erstellt. Dazu äußern die beiden zwei Kritikpunkte. Zum einen sehen sie keine Neutralität in den Gutachten, da diese teilweise mit Daten, welche die Firma zur Verfügung gestellt hat, erstellt wurden. Und zum anderen vermissen sie, dass die einzelnen Gutachten in Beziehung zueinander gestellt werden.

Was passiert, wenn die Sprengungen die Grundwasserströme verändern oder es zu Verschiebungen in alten Bergbauschächten kommt? Immerhin sind für den Abbau von 4.000 Tonnen Kalk am Tag ein bis zwei Sprengungen in der Woche notwendig. Was geschieht, wenn der Schwarzstorch in seinem Habitat eingeschränkt wird? Daher haben die beiden im Namen der BI eine große Bitte an das RP: “Die vorgelegten Gutachten sollen von allen Seite gründliche begutachtet werden”. Zudem wünschen sie sich eine neutrale Bescheinigung aller Daten. “Wir haben die Befürchtung, dass Querverweise nicht betrachtet werden und wenn dann etwas passiert, werden die Menschen alleine gelassen”, fasst Schulte zusammen. Und falls es am Ende doch in den nächsten Schritt geht, in den Schritt zur Offenlegung, dann behält sich die BI vor, ins Einwendungsverfahren zu gehen.

Mehr zum Thema auch auf Mittelhessen: “Kalksteinbruch Beselich: Initiative plant nächste Schritte”

 

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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