Corona trifft die Obdachlosen – Solidarität auf verschiedenen Ebenen

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Die Coronakrise ist für alle eine Herausforderung. Für eine Gruppe gestaltet sich diese Krise besonders schwierig – die Obdachlosen. Wie bleibt man zu Hause, wenn man kein Zuhause hat? Wie sollen sie sich regelmäßig die Hände waschen, wenn dazu die Möglichkeiten fehlen? Daher zählen Obdachlose zu einer besonderen Risikogruppe innerhalb der Gesellschaft.

Am Bauzaun in der Hospitalstraße in Limburg hängen kleine Beutel, gefüllt mit Nahrungsmitteln und einem Aufruf – für die Obdachlosen sei es immer schwieriger, Essen zu bekommen. Vielleicht würde ab und an jemand etwas aufhängen. Ob der Platz geduldet sei, sei nicht bekannt, aber es sei eine kleine Geste der Solidarität. In den sozialen Netzwerken kursieren Bilder aus anderen Städten, wo den Obdachlosen eine solche Unterstützung gegeben wird. Bei der Caritas fragte ich nach, wie es bei ihnen derzeit aussieht, bieten sie doch mit dem Walter-Adlhoch-Haus ein Anlaufpunkt für Wohnungslose an. Harry Fenzl, Sachbereichsleiter Wohnungslosenhilfe des Caritasverbandes für den Bezirk Limburg, nahm umfangreich Stellung dazu.

Coronakrise und wohnungslose Menschen

 An alle Bürger wird gemahnt, zu Hause zu bleiben. „Aber was tun, wenn man kein Zuhause hat? Oder wenn das Zuhause eine Behelfswohnung, eine Notunterkunft oder die Straße ist?“, fragt Harry Fenzl. Für Obdachlose und wohnungslose Menschen bedeutet „Zuhause bleiben“ keinen Rückzugsort, an dem man geschützt ist und ohne weiteres wochenlang ausharren kann. Und damit wird deutlich, wie verletzbar diese Gruppe der wohnungslosen Menschen ist: Die Selbstverständlichkeit des privaten Rückzugsraums, der eigenen Dusche und Toilette, des eigenen Bettes, Möglichkeiten der Vorratshaltung, sind nicht gegeben.

Auch habe diese Menschen aus den verschiedensten Gründen keine unterstützende Familie an ihrer Seite. Hinzu kommen oft gesundheitliche Belastungen und Vorerfahrungen, weshalb diese Menschen auch ohne Krise einem enormen Risiko für die Gesundheit ausgesetzt sind. Daher zählen sie jetzt auch mit zur Gruppe der Risikopatienten. Auch in einer Einrichtung wie dem Walter-Adlhoch-Haus (WAH) unterliegt das Leben Einschränkungen. Zwar bietet das WAH Schutz, Versorgungsstandards und Ansprechpartner, aber die Wohnbedingungen sind beengt. Das Haus bietet zwanzig Männern einen Wohnheimplatz an. Alle Plätze sind belegt. Acht Personen leben in Doppelzimmern.

Einzelzimmer durch Solidarität

In dieser Zeit erhält der Caritasverband Unterstützung. Auf Anfrage dessen hat der Verwaltungsrat der Katholischen Kirchengemeinde St. Marien das leerstehende Pfarrhaus St. Marien in der Gartenstraße in Limburg ab sofort bis zum 31.August mietfrei dem Walter-Adlhoch-Haus zur Nutzung zur Verfügung gestellt. Seit Montag bereiten die Mitarbeiter:innen des WAH den Umzug von fünf Bewohnern in das gut erhaltene und nur 500 Meter entfernte Pfarrhaus vor. Seit Donnerstag sind die Bewohner informiert und an den Vorbereitungen beteiligt. „Am kommenden Montag wird es soweit sein und in Folge werden alle Bewohner ab diesem Zeitpunkt in Einzelzimmern wohnen können“, freut sich Fenzl. Auch die Mitarbeiter:innen bekommen im ehemaligen Pfarrhaus einen Rückzugs- und Besprechungsraum. Ebenfalls ein Krankenzimmer wird vorbereitet. „Dies ist für uns alle ein Segen. Eine mögliche Ausgangssperre oder Quarantäne wird so aushaltbar werden“, ist sich Fenzl sicher.

Von der Selbstverständlichkeit zur Ausnahme

Überrollt wurden alle von der Krise und fast täglich müssen neue Entscheidungen getroffen werden. Im Blick steht dabei immer der Schutz aller Mitarbeiter, Bewohner sowie Klienten. So lange es ging, hielt das Team das Angebot wie Wohnheim, Fachberatung, Tagesstätte, Werkstatt oder Übergangsmanagement für Strafgefangene aufrecht. Informationen zum richtigen Händewaschen sowie Einhaltung eines gebührenden Sicherheitsabstand spielten dabei immer eine Rolle. Doch nach und nach folgten die Einschränkungen. „Zuerst durften die Beratungen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Limburg nicht mehr durchgeführt werden. Das Empfangen von Besuch für die Bewohner des WAH musste zunächst eingeschränkt und schließlich sogar untersagt werden“, erinnert sich Fenzl zurück.

Als die Klienten nicht mehr in die Tagesstätte kommen durften, wurde diese wegen dem guten Wetter in den Außenbereich verlegt. „Damit war Schluss, als die Landesregierung seit letztem Samstag den Betrieb von Gaststätten und Cafés untersagte“, so Fenzl weiter, „Auch die Regelung, dass sich nicht mehr als zwei Personen im öffentlichen Raum versammeln dürfen, bedeutete das Aus für die kleine Tagesstätte.“ Damit fällt für die Besucher leider auch die Möglichkeit weg, sich zu duschen oder ihre Wäsche zu waschen. „Hier versucht das Team jetzt gegenzusteuern. Ein Bewohner des Wohnheims hat angeboten, das Waschen der Wäsche zu übernehmen, Duschen wird im Bedarfsfall ermöglicht. Ursprünglich selbstverständliche Angebote sind nun zur Ausnahme geworden“, beschreibt Fenzl den derzeitigen Zustand.

Nicht vergessen werden

 Die Mitarbeiter:innen der ambulanten Fachberatung sind weiterhin für die Menschen da, nur weitgehend telefonisch oder online. Viele Klienten haben im WAH ein Treuhandkonto oder eine Postadresse eingerichtet. Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag zwischen 10 Uhr und 12 Uhr können diese Menschen weiterhin persönlich vorsprechen, ihre Post holen oder zur Kasse gehen. Einzeln versteht sich. Mit einem kleinen, freundlich gestalteten Flyer werden die Menschen informiert, wie und wann sie Kontakt mit der Beratungsstelle aufnehmen können. Und sie können ihre Telefonnummer und ihr Einverständnis abgeben, damit Mitarbeiter:innen sie von Zeit zu Zeit anrufen. Einfach so. Wichtig in Zeiten der Einsamkeit: Nicht vergessen werden, mal erzählen können, wie es einem geht, Fragen stellen dürfen.

Das Jobcenter und das Sozialamt haben unbürokratische Zahlungen sowie den Verzicht auf Sanktionen versprochen und halten diese Versprechen auch. Die Tagessatzauszahlung für Menschen ohne festen Wohnsitz wurde vom Jobcenter auf monatliche Auszahlung umgestellt. Mit der Auszahlung verteilt der zuständige Mitarbeiter des Jobcenters auch den Corona-Flyer mit den Kontaktdaten des WAH. Ergänzende Versorgungsleistungen wie die des „Lädchens“ oder der Anziehpunkte konnten in der aktuellen Situation nicht aufrecht gehalten werden.

Versorgung sichern

Auch die von der Katholischen und Evangelischen Kirchengemeinde sowie der Limburger Ehrenamts Agentur (LEA) und den Pallottinern organisierte Suppenküche an der Ev. Kirche konnte dort nicht mehr agieren. Trotzdem: Die von den Pallottinern gekochte Suppe wird jetzt jeden Montag und Donnerstag von einem Bewohner des WAH abgeholt und bietet dort eine warme Mahlzeit. Die foodsaver bringen jeden Tag für über 30 Personen abgepackte „Lebensmitteltüten“ ins WAH. Klein und fein. Ein Mitarbeiter des WAH, Michael Friedrich, nimmt einen Teil der Tüten mit in die städtische Rudolf-Schuy-Straße. Mit der Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, Jessica Magnus, besteht eine enge Kooperation, wie überhaupt Caritas und Stadt gut zusammenarbeiten. Eine „Verantwortungsgemeinschaft“. Nicht in Zuständigkeiten denken, sondern gemeinsam Verantwortung übernehmen und Lösungen finden, ist damit gemeint. Dies war schon immer wichtig. In Zeiten der Pandemie kann es Leben retten.

Gute Kooperation mit der Stadt

Die Straßenobdachlosigkeit ist in Limburg aufgrund der guten Kooperation nahezu beseitigt. Dennoch ist es wichtig, Vorsorge zu treffen. Der Herbergsbetrieb im WAH mit zwei Stockbetten in einem kleinen Raum kann in Corona-Zeiten nicht genutzt werden. Auch die städtische Notschlafstelle in der Rudolf-Schuy-Straße hat nur begrenzt Kapazitäten. Was wenn jetzt jemand neu auftaucht und ein Bett braucht? Mit zwei Hotels hat die Stadt Limburg Verabredungen getroffen. Wohnungslose sind keine Touristen. Sie dürfen dort beherbergt werden. Einige wenige Räume in städtischen Notunterkünften sind noch frei. Und auch im Pfarrhaus St. Marien will das WAH noch „Pufferräume“ für den Notfall vorbereiten.

„Ich bin vollkommen beeindruckt und berührt von der hohen Verantwortungsbereitschaft, der Besonnenheit und dem Engagement, das unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie die Bewohner im WAH in der derzeitigen Situation aufbringen. In dieser Haltung liegt unsere Chance, gut durch diese schwierige Zeit zu kommen“, so Fenzl abschließend.

 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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