Der Schauplatz von NS-Massenverbrechen darf nicht missbraucht werden

Das Weilburger Tageblatt berichtete am 18.Dezember 2020 von Überlegungen der Gemeinde Weilmünster und der Betreibergesellschaft des dortigen Krankenhauses, auf dem Areal der Vitos-Klinik Wohnraum zu schaffen und dabei auch das Freizeitpotenzial auszubauen. Die Rede ist u.a. von einer Freizeitarena, von Hotellerie und anderen EventLocations.

Ein Mehrgenerationenhaus, eine Sportklinik oder eine Reha? Die Ideen einer Steuerungsgruppe für das Gelände der Vitos-Klinik in Weilmünster sind vielfältig wie das Weilburger Tageblatt berichtete. Jetzt rufen Organisatoren eines Aufrufes dazu auf, dass der Schauplatz von NS-Massenverbrechen nicht als Freizeitarena oder Event-Location missbraucht werden darf. Die Unterzeichner dieses Aufrufs sind bestürzt von solchen Plänen, die die besondere Geschichte der ehemaligen „Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster“ und ihren Einbezug in die Ermordung von mehr als 6.000 Menschen in der NS-Zeit konterkariert.

Abstand von den Plänen nehmen

“Unmittelbar vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar fordern wir die Verantwortlichen der Gemeinde Weilmünster und der Vitos Weil-Lahn gGmbH auf, von diesen Planungen Abstand zu nehmen und einen würdevollen und angemessenen Gedenkort in die Planungen mit einzubeziehen”, so die Unterzeichner.
Im der dem Bericht zugrunde liegenden Pressemitteilung ist davon die Rede, dass Investoren das Grundstück erwerben könnten. Entsprechende Konzepte würden von einer Steuerungsgruppe unter Leitung von Bürgermeister Mario Koschel begutachtet werden. An keiner Stelle der Pressemitteilung findet sich eine Erwähnung der besonderen Geschichte dieses Ortes.

Besondere Geschichte

In Weilmünster wurde 1897 die Provinzial-Irrenanstalt unter dem Namen „Heil- und Pflegeanstalt“ gegründet. Hier ging es darum, die erkrankten Menschen von den Gesunden zu isolieren. In der Weimarer Republik war das Gelände eine Tuberkuloseheim für Kinder. Diese wurde in der Weltwirtschaftskrise zu teuer und es fand wieder eine Umwandlung in eine Klinik für Geisteskranke statt (Quelle Wikipedia)

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte für mehr als 6.000 Menschen, die in der „Heil- und Pflegeanstalt“ untergebracht waren, den Tod. Als „lebensunwert“ und „nutzlose Esser“ verunglimpft, fanden etwa 3.000 von ihnen den Tod direkt in der Anstalt. Bei einer nicht bekannten Zahl wurde nach dem Tod das Gehirn entnommen und der Forschung zugeführt. Weitere ca. 3.000 Menschen wurden von Weilmünster in die NS-„Euthanasie“-Anstalt Hadamar verbracht, wo sie ermordet wurden – oftmals noch am Tag der Ankunft. Weilmünster war darüber hinaus Ort von Zwangssterilisationen. Zudem existierte in der Anstalt eine bis heute nicht erforschte Ghettoabteilung für Menschen jüdischer Herkunft.

Anne Balser und Irmgard Heiss – zwei Einzelschicksale unter Tausenden

Hinter diesen nackten Zahlen stehen ebenso viele menschliche Schicksale. So zum Beispiel Anne Balser, 1906 in Berlin geboren, die in Weilmünster am 13. September 1942 verstarb – nach Angaben der Heilanstalt an einer „Herzerkrankung“. An sie erinnert ein Stolperstein in Kaltenholzhausen, ihrem letzten frei gewählten Wohnort. Die Autorin Barbara Stellbrink-Kesy hat unter dem Titel „Unerhörte Geschichte. Frei – aber verpönt“ soeben die Doppelbiographie der Geschwister Stellbrink veröffentlicht. Ihre Großtante Irmgard Heiss, geb. Stellbrink, starb Anfang 1944 an den Folgen der in Weilmünster erlittenen Hungerbehandlung. Stellbrink-Kesy unterstützt stellvertretend
für die Angehörigen der in Weilmünster gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen den vorliegenden Aufruf. Irmgard Heiss wurde 1944 in Weilmünster ermordet.

Offene Fragen der Unterzeichner

Die Unterzeichner fordern die Verantwortlichen auf, bei ihren Planungen das schwere historische Erbe als Tatort von NS-Massenverbrechen zu berücksichtigen. Daher bitten sie um die Beantwortung folgender Fragen:

  • Wurden seitens der Steuerungsgruppe verbindliche Vorgaben definiert, wie an die am „Tatort Weilmünster“ verübten NS-Massenverbrechen erinnert werden soll?
  • Wie soll mit den Gebäudekomplexen auf dem Gelände des Klinikums Weilmünster verfahren werden, denen bei der Ausführung der Verbrechen eine zentrale Rolle
    zukam?
  • Ist ein bleibender Standort für die gegenwärtig noch im Haus 105 befindliche Ausstellung zur NS-„Euthanasie“ auf dem Gelände geplant?
  • Wie soll an die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht systematisch erforschte „Ghettoabteilung“ für Menschen jüdischer Herkunft in Weilmünster erinnert werden?
  • Wo sollen Angehörige der in Weilmünster Ermordeten eine Anlaufstelle finden?

Die Initiatoren und Erstunterzeichner verbinden diesen Aufruf mit der Hoffnung, die bislang unzureichend aufgearbeitete Geschichte der ehemaligen „Heil- und Pflege-anstalt Weilmünster“ als Ort von NS-Massenverbrechen auf ein neues Fundament zu stellen.

Mailadresse für die Kontaktaufnahme mit den Initiatoren und Erstunterzeichnern: kontakt@weilmünster-gedenken.de

Unterzeichnende Organisationen:
Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. / Regionale Arbeitsgruppen Rhein-Main und Mittelhessen
Weilburg erinnert e.V.
Gedenkort Kalmenhof e.V.
Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten (BEZ)
Arbeitskreis Zwangssterilisation und „Euthanasie“ Frankfurt am Main
VVN-BdA Ortsgruppe Taunus
Arbeitskreis Stolpersteine der Verbandsgemeinde Aar-Einrich
Sowie weitere Einzelpersonen

Vitos Weil-Lahn sind sich ihrer Verantwortung bewusst und wollen auch zukünftig das Gedenken an die Opfer bewahren.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.