„Die große Verschwörung! Lasst uns reden.“

Verschwörungstheorien und abstruse Behauptungen sind kein Phänomen der aktuellen Zeit. Nur durch zunehmende Digitalisierung und damit der Aufenthalt im digitalen Raum, haben sie nochmal ganz andere Möglichkeiten, zu verbreiten.

Doch wie geht man damit um, wenn solche Theorien geäußert werden? Dazu hat der Landkreis Limburg-Weilburg zusammen mit Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus sowie Aufstehen gegen rechts zu einem Vortrag eingeladen.

Mit Menschen diskutieren

Als Referenten konnte Herbert Schmidt aus Berlin gewonnen werden, der seit über 20 Jahren als Berater und Supervisior tätig ist. Der Diplompädagoge und Soziologe ist im Bündnis „Aufstehen gegen rechts“, welches sich 2016 gründete. Damals nahmen die rechten Äußerungen und Angriffe im öffentlichen Raum zu. Mit der AfD als Sprachrohr gab es eine Beschleunigung der Entwicklung. Dieses Bündnis besteht aus Vertretern der Gewerkschaften, Kirchen und anderen Institutionen, die über Menschenfeindlichkeit und Rassismus aufklären, sensibilisieren und Mut machen wollen. Daher war er der passende Referent, um aufzuzeigen, wie Menschen zu erreichen sind und wie man mit ihnen diskutieren kann.

Nicht jede Aussage ist gleich eine Verschwörungstheorie, zeigte Schmidt auf. Eine Verschwörungserzählung ist eine Annahme, welche nicht belegbar ist. Eine Theorie wird da raus, wenn eine Aussage trotz fehlender Beweise weiterhin wiederholt wird. Schmidt warnte aber auch davor, dass es trotz guter Fakten nicht gelingt, durchzudringen und weiter gegen Mauern zu laufen. Dennoch ist er absolut dafür, dass Menschen auch miteinander in ein Streitgespräch gehen. „Wir müssen streiten, im positiven Sinn“, so Schmidt. Daher findet er es erschreckend, dass laut einer Studie 44 Prozent der Menschen der Meinung sind, dass sie vorsichtig sein müssen, wenn sie eine politische Meinung äußern.

Entwicklung von Verschwörungen

Er zeigte auf, dass das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zugehörigkeit oder auch nach Klarheit es unterstützt, dass die Menschen Verschwörungen glauben. Sie erhalten durch die Verschwörungen oftmals einfache Erklärungen und scheinbare Wahrheiten. Zudem bekommen sie einen Sündenbock präsentiert, auf den sie die Schuld schieben können. Dies führe dazu, dass sie ein Überlegenheitsgefühl entwickeln. Sie bezeichnen sich selbst als „Eingeweihte, welche die Wahrheit hinter allem erkannt haben.“ Dieser Prozess kann eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, die sich hochschaukelt, so der Referent. „Sie fühlen sich stark und im Recht. Die Betroffenen entwickeln Überlegenheitsfantasien und rechtfertigen damit auch Ausgrenzung, Hass und Terror“, so Schmidt zusammenfassend.

Aus verschiedenen Richtungen stammend eint sie die Kritik am System. Was immer wieder, bereits in der Vergangenheit, immer wieder sehr auffällig ist, ist der Zusammenhang zwischen Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Bereits die NS-Propaganda suggerierte, dass das Judentum die Erde umgreift und diese davon befreit werden muss. Aber auch im Mittelalter wurde den Juden die Schuld für die Pest oder vergiftete Brunnen zugeschoben. „Diese Denke ist leider bis heute Teil des rechten, völkischen Weltbildes“, so Schmidt weiter. Eine Studie zeigte auf, dass bis heute ein Viertel der Deutschen glauben, dass Juden an Krisen schuld sind.

Was können wir dagegen tun?

Herbert Schmidt stellte jedoch auch fest, dass Menschen, die sich beteiligt fühlen, Anerkennung und Solidarität erfahren, auch in ihrer demokratischen Einstellung gestärkt sind. Die rote Linie, welche nicht überschritten werden sollte, muss seiner Meinung nach die Gesellschaft in der Öffentlichkeit ganz klar ziehen. „Rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Äußerungen müssen klar benannt werden und wir müssen uns dem Entgegenstellen“, so Herbert. Daher lobte er die ganzen Gegendemonstrationen bei den Querdenkerdemos.

Doch wie kann die Gesellschaft mit jemanden diskutieren, der solchen Verschwörungstheorien anhängt. Auf alle Fälle sollte die Meinung nicht verharmlost werden, die jemand äußert. Auch sollte eine Diskussion nicht auf später verschoben werden. Am leichtesten sei es noch, mit Menschen zu diskutieren, zu denen man eine Verbindung hat. Je anonymer das Umfeld wie in den sozialen Medien, um so schwerer gestaltet sich eine Diskussion. Daher bescheinigt Schmidt dem öffentlichen Raum auch keine Erfolgsaussichten. Auch bei Sympathisanten und Überzeugten sei es schwer, in die Diskussion zu gehen. Doch tauchen Theorien im Bekannten-, Freundes- oder sogar Familienkreis auf, lohne es sich, zu hinterfragen, woher derjenige seine Meinung hat. Dabei sollte jeder seinen eigenen Standpunkt klar kommunizieren und von diesem auch nicht abweichen. „Nehmen sie ihren Gegenüber ernst und signalisieren sie ihm, dass sie ihn verstehen wollen“, so sein Tipp an die Zuhörer.

Über die emotionale Ebene seien die Menschen sehr gut zu erreichen. Zweifel lassen sich säen, indem man Fakten in Ich-Botschaften verpackt, aber auch Empathie für den Diskussionspartner zeigt. Das Fragen nach Quellen und das Prüfen derselbigen sei eine gute Methode. Und auch offene Fragen einer Theorie aufzeigen. „Kurze Sätze, einfache Sprache und falsche Behauptungen nicht wiederholen“, zählt Schmidt auf. Dabei sollte auch vermieden werden, den Gegenüber zu bewerten. Er rät, in der Diskussion beim Thema zu bleiben und nicht ins Kleinteilige abzurutschen. Häufig kommen dann Zahlen und Fakten, welche sich auf die Schnelle nicht überprüfen lassen. Wenn jemand jedoch merkt, dass er nicht weiterkommt, hat er auch das Recht, das Gespräch abzubrechen.

Prüfen von Fakten

Am Ende gab es noch einige Links, bei denen jeder selbst schauen kann, inwieweit Fakten der Wahrheit entsprechen:

Faktenchecks:

CORRECTIV Faktencheck
dpa: Faktencheck
Faktenfinder Tagesschau
Mimikama

Fakes selbst erkennen:
Dlf Nova – Fake News selbst erkennen
Fakten prüfen im Netz
Desinformations-Brochüre-klicksafe

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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