Dr. Marius Hahn: „Ich bin bereit für die zweite Halbzeit“

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Nächstes Jahr dürfen die Limburger Bürger einen neuen Bürgermeister wählen. Der amtierende Bürgermeister Dr. Marius Hahn tritt zur Wiederwahl an. 

In den letzten Jahren habe er einiges erreicht und er habe noch einiges vor. Über seinem Engagement steht die Liebe zur Stadt, die seine Heimat ist. Mit ihm blickte ich zurück, aber auch voraus und sprach mit ihm auch über die Kritik an seiner Person.

Blick auf die bisherige Amtszeit

Warum ist Limburg für Sie mit eine der schönsten Städte, in der Sie gerne wohnen und arbeiten?

Marius Hahn: Ich bin hier geboren, ich identifiziere mich mit den Menschen und der Stadt. Wenn ich über zwei Wochen weg bin, werde ich nervös und meine Frau fragt mich, ob ich den Dom brauche. Das ist so. Viele in meinem Abijahrgang lästern über mich, dass ich es nie weggeschafft habe bis auf drei Jahre Studium in Gießen. Ich habe hier meine Heimat gefunden, hier fühle ich mich wohl. Und dann ist es für mich auch etwas Besonderes, hier Bürgermeister zu sein. Wir haben in den letzten fünf Jahren viele wichtige Dinge angeschoben und ich bin stolz darauf, dass uns das Magazin „Kommunal“ auf Platz 22 der familienfreundlichsten Städte in Deutschland und auf Platz drei in Hessen listet. Wenn Besucher kommen, schwärmen sie von unserer schönen Stadt. Das zeigt mir, dass Auswärtige eine positive Wahrnehmung von unserer lebendigen und historisch vielfältigen Stadt mit nach Hause nehmen.

Sie sind damals als parteiloser Kandidat angetreten. Es wurde von einigen kritisiert, da Sie ja eine Parteizugehörigkeit zur SPD haben? Wie ist es diesmal?

Marius Hahn: Ich bin seit 27 Jahren in der SPD. Es fällt manchmal auch schwer, weil ich auf Landes- oder Bundesebene manche politische Entscheidungen nicht verstehen kann. Bei der Wahl der Partei war mir programmatisch wichtig, dass jeder Mensch am Anfang seines Lebens die gleichen Chancen haben sollte und die SPD entsprach diesem Ideal am ehesten, wie z.B. das damals eingeführte Bafög zeigt. Das hat mir an der Partei immer imponiert, dass ihr die Chancengleichheit wichtig ist. Wir dürfen die Menschen nicht abhängen und daher habe ich mich auch engagiert, dass eine Außenstelle der Technischen Hochschule hier nach Limburg kommt. Und es sind eben nicht die Privilegierten, die dort hingehen. Die Unternehmen finanzieren das Studium mit und suchen sich Leute, die die benötigten Fähigkeiten haben. Auch gerade jetzt während Corona fallen die Unterschiede auf. Beim Homeschooling können Kinder jetzt Verlierer sein, deren Familien finanziell nicht auf Rosen gebettet sind und auf anständige Hardware sowie Internetzugang angewiesen sind. Wir müssen alles dafür tun, dass diese nicht abgehängt werden.
Ich will für alle Bürger da sein und parteiübergreifend zum Wohle der Bürger und ihrer Stadt tätig sein. Ich verleugne meine politische Herkunft nicht und stehe zu meiner langjährigen Parteizugehörigkeit.

Aber treten Sie als SPD-Bürgermeister an?

Marius Hahn: Nein, ich werde wieder durch eine Wählerinitiative unterstützt. Darüber bin ich sehr dankbar. Dieser Initiative gehören auch andere politische Spektren an. Ich glaube auch, dass ich in die Gesamtpolitik hineinwirken konnte und so soll es auch die nächsten Jahre weitergehen.

Sie haben einiges erreicht wie die Technische Hochschule, das Bürgerbüro, Sie haben einen Behindertenbeirat gegründet. Was sind noch so Themen, wo Sie sagen, dass Sie diese geschafft haben?

Marius Hahn: Viele Dinge wurden angeschoben und realisiert– vor allem in den Gewerbegebieten ICE und Offheim sind in den letzten vier Jahren wichtige Fortschritte und erfolgreiche Ansiedlungen erzielt worden. Im Wohnungsbau könnte es ein bisschen schneller gehen; in Blumenrod wurde hierzu ein wichtiger Grundstein gelegt. Geprüft wird jetzt auch, wo in den anderen Ortsteilen ein angemessener Wohnungsbau möglich ist. Ich weiß, dass wir noch eine offene Flanke bei bezahlbarem Wohnraum haben. Das wird ein wichtiges Thema werden. In Sachen Grünflächen haben wir mit der schrittweisen Realisierung des Freiraumentwicklungskonzepts Schafsberg begonnen, ebenso mit der Neugestaltung der Grünflächen auf dem Domplateau. Die Klimaveränderung wird es künftig für die weitere Stadtentwicklung notwendig machen, auf die Weiterentwicklung von Grünflächen ein besonderes Augenmerk zu richten. Mit der vollständigen Neuausrichtung des Campingplatzes durch den neuen Pächter wird das touristische Angebot für Limburg einen weiteren Aufschwung erhalten. Mir ist es sehr wichtig, dass wir soziale Belange beachten.  Mich treibt es immer um, wenn es heißt, in Limburg werden Menschen obdachlos. Das ist nicht der Fall. Wir können jedem Bürger, dem Obdachlosigkeit droht, bisher eine Bleibe anbieten. Das ist kein Fünf-Sterne-Hotel, aber die Bedingungen haben sich wesentlich gebessert – auch durch eine beispielhafte sozialpädagogische Betreuung. Das haben viele andere Kommunen nicht. Mit der Förderung des Sports mit dem Neu- und Ausbau von Sportplätzen sind wir in Limburg sportlich gut aufgestellt. Wir haben einen ambitionierten Masterplan Mobilität beschlossen. Ich bin der Meinung, wir müssen in vielen Bereichen umdenken. Sehr froh bin ich, dass die Stadt Vorreiter ist bei Job-Ticket, E-Bike-Leasing, ÖPNV-Ausbau, den zukunftswichtigen Ansiedlungen von jeweils einer Elektro- und Wasserstofftankstelle im ICE-Gebiet oder Radwegeausbau. Das sind Themen, die wir beherzt mit einer Mehrheit angehen, denen eine Verkehrswende wichtig war. Servicefreundlichkeit in der Verwaltung ist wichtig, was wir mit dem Bürgerbüro leben und diese Schritte werden wir weitergehen, wie z.B. die Digitalisierung von Antragsunterlagen und dem digitalen Mängelmelder. Es gibt viele Bereiche bei denen wir ein gewisses Umdenken haben wie Grünflächen, Spielplätze, Familienfreundlichkeit. Dies sind wichtige Themen für die Zukunft. Es heißt immer, dies seien weiche Standortfaktoren, doch für mich sind dies harte Standortfaktoren. Ich stehe jeden Morgen mit dem Ziel auf, wieder etwas ein wenig besser für die Bürger zu machen. Es ist ein steiniger Weg und manches könnte auch schneller gehen, aber der Kompass stimmt.

Bürgerbeteiligung und Kommunikation

Sie haben immer gesagt, Sie möchten auf die Menschen hören und diese mit einbeziehen. Erste Möglichkeiten haben Sie dafür geschaffen mit dem Sandbox-Verfahren zum Neumarkt oder Umfragen zur Namensgebung oder die Beteiligung beim Thema Südstadt. Gemessen an der Einwohnerzahl ist diese Beteiligung jedoch sehr gering. Würden Sie dennoch sagen, dass Sie die Bürger erreichen? Oder woran liegt es in Ihren Augen, dass sich die Bürger dann nicht beteiligen?

Marius Hahn:  Das ist ein Bohren dicker Bretter. Die meisten beteiligen sich, wenn eigene vermeintliche Interessen gefährdet sind. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Es hält mich nicht davon ab, diesen Weg weiterzugehen. Ich sehe, dass manche Formen der Beteiligung eher genutzt werden. Wir dürfen die älteren Mitbürger nicht vergessen, welche nicht digital Natives sind. Da haben wir beim Masterplan Mobilität neben der digitalen Abfrage auch Postkartenaktionen gemacht. Die Beteiligung in der Südstadt am Programm „Soziale Stadt“ zeigt, dass die Leute Interesse haben und sich einbringen. Es gibt einige Menschen, die sich an der Fortentwicklung der Stadt beteiligen wollen und ich bin dankbar dafür. Dies gilt auch für die mit guter Resonanz durchgeführten Bürgerversammlungen und Bürgerinformationsveranstaltungen.

Thema Rathaus – während des Wahlkampfes und auch in den ersten Jahren Ihrer Amtszeit stand nie zur Diskussion, den Standort zu verlassen, die Sanierung des alten Rathauses war Thema. Jetzt ist die Verwaltung im ehemaligen Mundipharmagebäude. Es gab viel Kritik, dass die Verwaltung aus der Stadt geht und die Kosten zu hoch sind. Wie würden Sie dennoch begründen, dass dies der richtige Weg war?

Marius Hahn: Fangen wir mit den Kosten an. Die Kostenprognosen für die dringende Sanierung des Rathauses lagen bei 7 bis 11 Millionen Euro. Die Verwaltung hätte während der Sanierung die Räumlichkeiten wechseln müssen. Passende Immobilien gab es nicht. Eine Containerlösung hätte auch zwei Millionen Euro gekostet. Dann tat sich die Möglichkeit auf, das jetzige Areal zu erwerben. Viele haben mich für verrückt gehalten. Ich habe ganz klar gesagt, dass ich nicht über 9,9 Millionen Euro netto gehe. Das Conference Center haben wir wieder verkauft, denn das brauchen wir nicht. Wenn ich alle gelaufenen und potenziellen Veräußerungen abziehe und den Verkauf des neuen Rathauses noch einrechne, bleiben am Ende von den ausgegebenen 9,9 Millionen Euro noch ca. 3,5 Millionen Euro übrig. Wir haben ein Gebäude mit einer Nutzfläche von 5.500 qm für 3,5 Millionen Euro erworben. Das Rathaus bleibt weiterhin in der Innenstadt. Die Stadtverordneten werden im Alten Rathaus wie bisher tagen, das Bürgerbüro wird dort neue, tolle Räumlichkeiten erhalten.  Wir werden nächstes Jahr mit dem Umbau beginnen und ich hoffe, dass dies haushaltstechnisch funktioniert. Aber es sollte ganz oben auf der Agenda stehen. Und in dem Bürgerbüro können die Bürger etwa 90 Prozent aller behördlichen Vorgänge erledigen. Hier haben die Mitarbeiter anständigen Büroraum, in dem sie arbeiten können. Wir haben ein Optimum erreichen können und darauf bin ich stolz.

Es finden immer wieder Entwicklungen im Laufe der Jahre statt. Zum Wahlkampf war nicht ersichtlich, dass das Mundipharma-Gebäude zum Verkauf stehen wird. Beim Thema Neumarkt waren Sie auch immer dafür, dass die Platanen stehen bleiben sollen und nun sind Sie der Meinung, eine Neugestaltung geht nur ohne die Platanen. Dann gibt es Aussagen von Bürgern, dass Sie ihr Fähnchen nach dem Wind hängen. Wie reagieren Sie darauf?

Marius Hahn: Bei Mundipharma habe ich die Gelegenheit ergriffen. Beim Neumarkt habe ich umdenken müssen, was auf einem Erkenntnisgewinn beruht. Ein Neumarktumbau mit Platanen wäre schlichtweg schwer möglich. Ich bin ehrlich. Es trifft mich schon, wenn es heißt, der Platanenschlächter. Niemand macht gerne ausgewachsene Bäume weg. Wir wussten vorher nicht wie der Neumarkt jetzt ist, denn es handelt sich um einen „doppelten Neumarkt“. Es gibt eine Pflasterfläche und 20 Zentimeter unten drunter eine Asphaltfläche. Für eine Neugestaltung müssen beide Flächen entfernt werden. Beide Gutachter haben uns bestätigt, dass dann die Wurzeln der Bäume nach oben zum Sauerstoff streben. D.h. ich hätte für 700.000 bis 800.000 Euro das Pflaster neu ohne Gewähr, dass nach kurzer Zeit die Wurzeln nach oben drücken. Auf diese Gefahr habe ich hinzuweisen, das ist meine Pflicht. Ferner ist es meine Pflicht, darauf hinzuweisen, dass wir keine Garantie haben, dass durch die Bauarbeiten nicht die Wurzeln der Bäume verletzt werden, diese absterben und eventuell umfallen. Da muss ich den Menschen reinen Wein einschenken, denn viele wissen das gar nicht. Wir haben mehrfach auf die Situation hingewiesen und die Bürger müssen sich entscheiden. Aber eine durchgreifende Umgestaltung des Neumarktes kann es nur mit neuen Bäumen geben, die dann übrigens auch bessere Bedingungen vorfinden.
Das ist eine unbequeme Wahrheit, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mein Fähnchen in den Wind hänge. Ich habe klar Stellung bezogen und meine Prügel dafür bekommen. Doch dazu stehe ich.

Zur Wahl haben Sie gesagt, eine Möglichkeit der attraktiveren Gestaltung wäre ein Umstellen der Stände. Das fand meiner Meinung nach nicht statt. Wurde das überhaupt einmal versucht?

Marius Hahn: Es sind große Beharrungstendenzen vorhanden, wo es um ein paar wenige Meter geht. Der Wochenmarkt ist wichtig und wir müssen beste Bedingungen bieten. Aber mit 20 Platanen und Laternen ist es schwierig, Neuanordnungen durchzuführen. Wir müssen zudem die Zufahrten für Feuerwehr und Einsatzkräfte behalten. Das sind alles Dinge, welche benannt werden müssen.

Arbeit mit den politischen Parteien

Sie haben immer gesagt, Sie möchten mit allen offen arbeiten und vorhandene Gräben schließen. Sitze ich in der Stadtverordnetenversammlung, habe ich manchmal das Gefühl, dass da weiterhin Gräben vorhanden sind und es kein Miteinander gibt. Wie beschreiben Sie das Miteinander?

Marius Hahn: Jede Fraktion hat von mir das Angebot, mich jederzeit anzusprechen und über Themen zu reden. Ich komme auch gerne in die Fraktionen. Doch leider wird davon bis auf die Ausnahme der CDU nur spärlich Gebrauch gemacht. Mein Ansatz ist, dass wir gemeinsam auch mal unterschiedlicher Meinung sein können, aber es ist wichtig, dass wir das Beste für die Stadt erreichen. Mein Eindruck ist manchmal ein anderer, aber es hält mich nicht davon ab, weiterhin diese Angebote an die Fraktionen auszusprechen und zu sagen, sucht gemeinsam das Beste für die Stadt.  Limburg hat ein riesengroßes Potential und ist eine wunderschöne Stadt. Und das lasse ich mir auch nicht kleinreden.

Würden Sie sich mehr Entgegenkommen von den Fraktionen wünschen?

Marius Hahn (zögernd): Eine andere Gesprächskultur. Ich bin bisweilen auch rauhbautzig, aber das kommt ja dann auf mich wieder zurück. Wie man in den Wald hinein ruft, schallt es heraus. Beim Thema Blumenrod fünf und sechs hat es prima funktioniert, da haben die Vertreter der Fraktionen sehr gut zusammengearbeitet und hier stimmt das Ergebnis. Wir hatten einen bundesweiten, städtebaulichen Wettbewerb. Der tolle Plan muss jetzt in eine vernünftige Bauleitplanung umgesetzt werden. Wir haben viele Neuerungen vor, auch verkehrstechnisch. Das wird sehr innovativ werden. Oder Thema Verkehr – man kann immer unterschiedlicher Meinung sein. Der Erste Stadtrat und ich bekommen jetzt Prügel, dass wir in der Grabenstraße ein Tempolimit machen. Warum machen wir das denn? Wenn jetzt im politischen Spektrum nur einige die Hälfte ihrer Energie dazu verwenden würden, die Ursache hierfür (Raser, Poser) anzuprangern, weswegen wir das machen, dann wäre damit schonmal viel gewonnen.
Mich stört bisweilen, dass anderen die Ernsthaftigkeit und der Wille abgesprochen wird, die Stadt voran zu bringen. Limburg geht es sehr gut. Ich sage in Gesprächen wo das in Frage gestellt wird, dann gerne: wenn hier im Rathaus nur Idioten sitzen würden, ginge es Limburg nicht so gut. Haushaltstechnisch heben wir uns weit hervor und der Rechnungshof hat uns bestätigt, dass wir eine solide Haushaltsführung haben. Im Vergleich mit anderen Kommunen waren wir die einzigen und darauf können wir alle stolz sein.

Konzepte um die Mobilität

Sie haben das Verkehrskonzept schon angesprochen. Mit dem Green City Plan habt ihr viele Stelleschrauben, an denen ihr stellen könnt. Den Stadtverordneten geht es teilweise zu langsam in der Umsetzung. Wenn neue Maßnahmen umgesetzt werden, kritisieren die Menschen in den sozialen Netzwerken, dass die Stadt alles daran tue, die Menschen aus der Stadt zu vertreiben. Wie findet man da die goldene Mitte?

Marius Hahn: In dem man beharrlich dranbleibt. Und ich lade jeden dazu ein, im Fachamt zu schauen, ob wir da Däumchen drehen. Wir sind an der Grenze der Belastbarkeit. Im Bereich Verkehrsplanung haben wir personell aufgestockt, wir jonglieren extrem viele Bälle in der Luft und wir treiben die Dinge voran. Wir gehen mit gutem Beispiel voran und machen. Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Jeder, der in den sozialen Netzwerken kommentiert, kann sich gerne vor Ort anschauen, wie komplex das Thema zuweilen ist. Es gibt nicht die eine Stellschraube, sondern viele und dies müssen auch zusammenpassen. Ein Rädchen muss ins andere greifen. Dabei müssen wir die Balance wahren zwischen der Verkehrswende einerseits, aber auch gegenüber den Belangen des Handels und der Unternehmen. Das ist nicht immer einfach. Citylogistik ist ein Thema. Da wollen wir mit den Playern Cityring, IHK, Kreishandwerkerschaft zusammen voran gehen. Da hat Limburg auch eine Vorreiterrolle.

Die Autofahrer fühlen sich häufig gegängelt. Glauben Sie auf lange Sicht, dass Sie die Autofahrer dazu bekommen, das Rad oder den ÖPNV zu nehmen, eventuell auch Parkplätze am Rand der Innenstadt zu nutzen?

Marius Hahn: Wir sind an der Entwicklung einer App dran, mit der die Autofahrer die wesentlichen Verkehrsinformationen auf einem Blick erhalten. Die Informationen zum ÖPNV sollen ebenfalls in die App integriert werden. Solche Dinge kennen wir sonst nur von Großstädten. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Das hat nichts mit Gängelung zu tun. Ein bisschen umdenken müssen wir alle. Ich erkenne das an mir. Wenn ich manchmal Bus fahre, werde ich gefragt, ob ich den Lappen weghabe, aber ich habe ein Jobticket. Und Radfahren tut gut, dass macht die Birne frei. Das ist keine Gängelung, sondern ein Anbieten von Alternativen – und deshalb glaube ich, dass diese Alternativen dann auch künftig stärker genutzt werden.

Haben Sie nicht die Angst, wenn der Autofahrer in der App sieht, dass Limburg zu ist, dass er zum Einkaufen nach Frankfurt oder Wiesbaden fährt?

Marius Hahn:  Wie gesagt: ich bin optimistisch, dass wir ein vernünftiges Alternativangebot anbieten können. Die Autofahrer nervt es doch, wenn sie auf der Suche nach einem Parkplatz Runden in der Stadt drehen müssen. Wenn sie mit der App erkennen, wie sie optimal durch die Stadt geleitet werden, entzerrt dies den Verkehr und damit die Gefahr einer Verstopfung in der Innenstadt.  Zu Beginn sagten viele, sie nutzen das Anrufsammeltaxi nicht und jetzt gehen die Fahrgastzahlen durch die Decke. Auch dies soll in die App mit eingebunden werden. Ich bin immer etwas traurig, wenn es nicht zur Kenntnis genommen wird, dass wir bahnbrechende Dinge voranbringen.

Sie haben den soliden Haushalt auch zu Corona-Zeiten angesprochen. Durch Corona gibt es einige Mehrausgaben wie die Anschaffung der Mund-Nasen-Schutzmasken, die Unterstützung des Gewerbes oder der Verzicht auf die Kita-Gebühren. Werdet Ihr dennoch alle Pläne, die im Haushalt stehen, durchführen können oder muss etwas zurückgestellt werden?

Marius Hahn: Es müssen Dinge zurückgestellt werden, was wir intensiv im Magistrat beraten. Der Umbau Altes Rathaus steht bei mir ganz oben auf der Agenda. Wir haben andere Pflichtaufgaben wie die Feuerwehren und die sind mir nicht erst seit dem Großbrand in Diez sehr wichtig. Alles Weitere werden wir sehen. Wir haben viele Schulden in der Vergangenheit getilgt und haben ein ordentliches Finanzpolster. Wir haben eine sehr niedrige Pro-Kopf Verschuldung pro Einwohner um die 600 Euro. Da gibt es Kommunen mit viel höheren Summen. In der Vergangenheit wurde sehr gut gewirtschaftet, was uns Möglichkeiten gibt.

Ideen für Limburg

Wäre die zweite Amtszeit für Sie ein Weiter so oder schauen Sie auch ein wenig kritisch auf ihrer Amtszeit und sagen, an der und der Stelle könnte ich es noch besser machen?

Marius Hahn: Ich bin eigentlich ein ungeduldiger Mensch. Ich habe gemerkt, dass manche Dinge länger brauchen und wir unsere Politik besser erklären müssen.  Wir müssen andere Kommunikationswege gehen. Ich fand es interessant, dass es hieß, jetzt sei ich erst auf Facebook. Ich war schonmal auf Facebook, doch dann kam ein Glockenspiel mit Fuchs und Gans dazwischen. Nach der tausendsten Beleidigung hat es mir gelangt und ich habe eine Auszeit genommen. Jetzt müssen wir neue Wege gehen, die Stadt hat ebenfalls einen Facebook-Auftritt, den ich pushen möchte. Wir müssen in der Kommunikation mehr auf die Leute zugehen. Wir müssen Leute aktivieren, Limburg gemeinsam zu gestalten. Dies wird in den nächsten Jahren immer wichtiger werden.

Welchen Ideen haben Sie für Limburg?

Marius Hahn: Ansprechender Wohnbau wird sehr wichtig werden. Und auch verkehrstechnisch gibt es noch einiges zu tun. Mein Ziel ist es, dass sich die Menschen hier wohl fühlen, jüngere Familien, aber auch Senioren. Da müssen wir Angebote unterbreiten und ins Gespräch gehen. Ein guter Ansatz ist die soziale Stadt, es geht um das soziale Miteinander. Unsere Zukunft sind junge Familien. Da haben wir eine große Chance; dies hat uns auch die sehr gute bundesweite Platzierung als eine der kinderfreundlichsten Städte bestätigt. Aber alle künftigen Investitionen können wir nur machen mit den entsprechenden Einnahmen und die sind hauptsächlich auf die Gewerbeeinnahmen basiert. Also müssen wir schauen, wie wir innovative Unternehmen ansiedeln oder heimischen Unternehmen Möglichkeiten zum Wachsen anbieten. Da haben wir Potentiale im ICE-Gebiet und im Gewerbegebiet Offheim. Mit der damit verbundenen Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen sind auch meine Ziele verbunden die hohe Zahl von Pendlern in die Ballungszentren zu reduzieren und an Limburg zu binden. Gleichzeitig bieten wir damit auch die Chance jungen Menschen Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Die Weiterentwicklung der Technischen Hochschule Mittelhessen als feste Bildungsinstitution liegt mir natürlich besonders am Herzen.  Die Verkehrswende wird uns weiter begleiten, da können wir in der Hälfte nicht aufhören. Und auch Stadtmarketing und Tourismus sowie die Stärkung des innerstädtischen Einzelhandels sind wichtige Themen, die künftig im Fokus der Stadtpolitik stehen müssen.

Haben Sie schon einen knackigen Spruch, mit dem Sie um die Wähler werben möchten?

Marius Hahn: Nein, habe ich noch nicht. Jetzt probieren wir erstmal vernünftig durch die Krise zu kommen, daher mache ich noch keinen Wahlkampf. Ich will ehrliche Angebote machen. Von morgens bis abends arbeite ich für meine Stadt, es ist meine Stadt und ich möchte meine Arbeit gerne noch sechs weitere Jahre machen. Ich bin bereit für die zweite Halbzeit und die wird stark. Ich kann mich nur wiederholen: Limburg hat unheimlich viel Potential. Wenn wir es geschickt anstellen, sollte es uns die nächsten 20 Jahre nicht bang werden.


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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