„Es kommt eine Menge auf uns zu“

Die SPD Limburg hat viele Fragen zur aktuellen Situation in der Ukraine und wie sie hier vor Ort helfen können. Daher luden sie zu einem Gespräch mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Jörg Sauer, Bürgermeister Dr. Marius Hahn sowie Kai Brunner vom DRK.

Aus ihren Positionen heraus konnten sie verschiedene Blickwinkel auf das Thema geben. Aber allen Aussagen war gemeinsam, dass sie noch nicht wissen, was insgesamt auf uns zukommt, aber sie davon ausgehen, dass es eine große Herausforderung wird. Und sie zeigten auf, dass das ehrenamtliche Engagement der Menschen vor Ort von großer Bedeutung sein wird.

Ungewisse Lahe

Peter Rompf, Vorsitzender der SPD Limburg, fasst es in Worten zusammen: „Wir stehen dem ganzen relativ machtlos gegenüber.“ Seit drei Wochen gebe es samstags Mahnwachen auf dem Europaplatz, viele hätten bestimmt schon gespendet, aber es stehe doch die Frage im Raum, was sonst noch an Hilfe möglich ist.
Wie genau die Lage ist, kann Jörg Sauer auch nicht genau sagen, denn die Sachlage ändere sich derzeit täglich. Auch die Zahlen, was auf Deutschland, Hessen oder den Landkreis zukommt, sind nicht verlässlich. „Ich weiß nicht, was uns erwartet“, so Sauer. Derzeit sind rund 2,7 Millionen Menschen geflüchtet, 135.000 Menschen davon nach Deutschland. Viele blieben noch in der Nähe der Grenze, um wieder nach Hause zu können, wenn der Krieg vorbei ist.

Doch was passiert, wenn sich der Krieg weiter hinzieht? Darauf habe derzeit niemand eine Frage. „Bereits vor dem Krieg in der Ukraine waren die Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises voll und wir haben nach neuen Unterkünften geschaut“, so Sauer, „jetzt müssen wir zwingend neue Unterkünfte anmieten.“ Aber er glaubt auch, dass die Kapazitäten des Landkreises recht schnell aufgebraucht sein werden und dann geht die Aufgabe an die Kommunen. Und auch diese haben alle schon Aufrufe nach Wohnraum gestartet. In erster Linie werden Frauen und Kinder kommen. Und Sauer geht von einer anderen Dynamik als bei der Flüchtlingswelle in 2015/16 aus. Er geht davon aus, dass die meisten über die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen in den Landkreis kommen werden. Aber auch an die, welche über private Initiativen herkommen, hat er einen wichtigen Tipp: „Meldet die Menschen an, damit sie sofort eine Krankenversicherung haben und Geld erhalten.“

Sichere Unterbringung größtes Problem

Die Frage kam auf, wie es um Kita-Plätze für die Kinder geht. Dies sei nicht Aufgabe des Kreises, sondern der Kommunen. Die primäre Aufgabe des Kreises sei die Unterbringung sowie die medizinische Versorgung. Er begrüßt die Bereitschaft der Menschen, ukrainische Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, doch er äußert auch bedenken. Jeder sollte sich bewusst sein, dass dies nicht nur für ein paar Tage oder Wochen gilt, sondern vielleicht auch für Monate. Die finanziellen Belastungen für die Menschen mit gestiegenen Mieten, den Nebenkosten und dem Sprit kommen hinzu. „Ich glaube nicht, dass große Einigkeit über längere Monate bestehen bleibt“, so Sauer, „daher brauchen wir dauerhaft sichere Unterkünfte für die Menschen.“

Auch Marius Hahn sieht die größten Probleme in der Unterbringung. Da zeige die aktuelle Situation sehr genau auf, wo es hapert. Der akute Bedarf sei nicht zu decken und verschärfe sich noch durch die Flüchtlinge. Er geht davon aus, dass die Kommunen Dorfgemeinschaftshäuser und Sporthallen zur Verfügung stellen müssen. Daher appelliert er an alle, dass diese Situation nur gemeinsam zu bewerkstelligen sei. Und er hofft dann auch auf die Gesellschaft, die hilft und sich nicht beklagt, dass die Hallen für den Vereinssport nicht zur Verfügung stehen. „Es ist die größte Herausforderung, den Menschen ein gutes zu Hause zu bieten nach ihrem Trauma.“ Er sieht es aber positiv, dass niemand bei Null anfängt, da vor Jahren bereits die Krise gemeistert wurde. Er plädiert dafür, alte Hilfsstrukturen wieder zu wecken und mit einzubeziehen.

Mehr ehrenamtliches Engagement

Von einem ganz anderen Punkt blickt Kai Brunner, Stellvertreter Kreisbereitschaftsleitung, auf das Thema. Als nationale Hilfsgesellschaft stellen sie gezielt nach Anforderung Hilfe zur Verfügung. Daher spricht er sich gegen weitere Sachspenden aus, die niemand vor Ort mehr abnehmen kann. Viel mehr sollen die Menschen Geld spenden, wenn sie helfen wollen. Das DRK in Deutschland habe vor kurzem angeforderte Hilfsgüter wie Feldbetten und Matratzen nach Polen geschickt. Viel mehr warb er dafür, dass die Menschen, welche helfen wollen, hier vor Ort helfen können. Zu Beginn können die 350 Ehrenamtlichen des DRK Kreisverband Limburg Aufgaben übernehmen, doch dies ist nicht ihre originäre Aufgabe und auch nicht dauerhaft zu leisten.

Daher ist es sein größter Wunsch, dass sich die Gesellschaft wieder stärker ehrenamtlich engagiert und mehr in die Gesellschaft investiert. Und er würde sich wünschen, wenn der DRK vor Ort bereits bei den Planungen mit einbezogen wird und nicht erst, wenn es brennt. „Wir unterstützen gerne, sind aber über die Länge der Zeit nur beschränkt einsatzfähig“, so Brunner. Er wies noch auf den DRK Suchdienst hin. Dahin sollen sich die ukrainischen Menschen wenden, wenn sie noch jemanden vermissen. Dies sei der bessere Weg als nur in den sozialen Netzwerken zu suchen. Da findet eine professionelle Suche in Verbindung mit anderen nationalen Hilfsdiensten statt.

Mehr Transparenz

Von privaten Fahrten, um Menschen herzuholen, rät er ab. Solche Fahrten sind derzeit nur noch nach offizieller Akkreditierung möglich, da die ersten Schlepper bereits ein Geschäft darin widern. Er geht davon aus, dass wir alle einen „langen Atem“ brauchen.

Viktoria Spiegelberg-Kamens fordert mehr Transparenz. Aus privater Hilfsbereitschaft heraus nehmen Menschen privat Geflüchtete aus der Ukraine auf, ohne sich bewusst zu sein, wie lange sie diese aufnehmen. Daher frage sie sich, welches das beste Verfahren für diese Menschen sei. Jörg Sauer stimmt dem zu. Wer jemanden aufnimmt, sollte sich bewusst sein, dass dies für länger sein kann. Daher würde er den Weg über die Erstaufnahmestelle in Gießen bevorzugen, welche die Menschen dann verteilen. Wer eine Unterkunft zur Verfügung stellen kann, könnte sich beim Landkreis melden und hinzufügen, wie lange sie jemanden aufnehmen können. Man sollte sich bewusst sein, dass die Menschen traumatisiert sind und eine lange Reise hinter sich haben.

Manuela Schäfer von der Notfallseelsorge kann einen Einblick geben, was auf einen zukommt, denn seit einer Woche hat sie drei Frauen bei sich aufgenommen. Sie hat das Glück, sich mit ihnen auf englisch verständigen zu können. Das ist aber nicht bei allen Ukrainern gegeben. Man gibt ein Stück seiner Privatsphäre auf. Sie hat in der Woche die Erfahrung gemacht, dass die Küche sehr wichtig ist, denn die Frauen möchten sich bedanken und niemanden zur Last fallen. Auch das Sammeln von Spenden sei schön und gut, aber das überfordere sie gerade sehr. Sie seien lärmgeschädigt. Jeder solle sich bewusst machen, was da auf ihn zukommt. Und sie selbst findet es bedenklich, die aufgenommenen Menschen nach vier Wochen in die nächste Unterkunft zu schicken.

Kein Unterschied zwischen den Menschen

Ulrike Jung, Ortsvorsteherin von Eschhofen, berichtet von den ersten Familien im Ort. Sie sucht Unterstützung, um Hilfsstrukturen aufzubauen wie einen Sammelpunkt für Kleidung. „Wie händle ich das hier vor Ort? Ich brauche Unterstützung“, so ihr Appell in die Runde. „Wir stehen vor einem Berg und ich weiß mir nicht zu helfen“, so Jung. So suche sie auch einen Übersetzer. Hahn weist sie darauf hin, die Menschen anzumelden. Und von Heike Bartsch aus Lindenholzhausen kam der Tipp, eine Whatsapp-Gruppe zu gründen, wo dann gezielt Sachen nachgefragt werden können. Spiegelberg-Kamens wies auf vorhandene Strukturen hin wie das Nothilfekomitee, die Caritas-Kleiderkammer.

Ein weiterer Punkt wurde in der Diskussion herausgestrichen – es dürfe kein Unterschied zwischen den Geflüchteten gemacht werden, es gebe keine Flüchtlinge I. und II. Klasse. Es dürfe zudem kein Bashing gegen russische Mitbürger stattfinden, denn die sind nicht schuld an dem Krieg. „Wir müssen da ganz massiv auftreten“, so Sauer. Und Spiegelberg-Kamens ergänzt: „Wir dürfen Menschen in der Not nicht gegeneinander ausspielen.“

Keiner kann derzeit sagen, was noch alles in den nächsten Wochen und Monaten auf uns zukommt. „Wir müssen uns für alles wappnen“, so Sauer. Die meiste Sorge mache ihm derzeit, dass er keine Perspektive sieht, wie der Krieg beendet werden kann. Er hofft, dass es eine Lösung geben wird. Hoffnung gibt ihm die große Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort.  Das greift Hahn auf, auch ihm gebe diese Hilfsbereitschaft sehr viel Hoffnung und er ist sich sicher, dass „bekommen wir hin.“.

Simeon Harjung, Moderator des Abends fasste es am Ende gut zusammen: „Wir müssen ein langes Engagement vorbereiten und uns um den gesellschaftlichen Zusammenhalt kümmern.“ Am Ende warb er auch dafür, achtsam mit den Nachrichten umzugehen, denn es sei auch ein „Nachrichtenkrieg“ und die mentale Gesundheit jedes einzelnen sei sehr wichtig. Wenn wir nicht mental gesund sind, dass könnten wir auch nicht gut helfen. Und er appelliert daran, mit den Kindern zu sprechen und sie vor den ungefilterten Bildern zu schützen.

Landkreis und Kommunen wollen bei der Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge zusammenarbeiten, wie die Kreisverwaltung per Pressemitteilung mitteilte.

Informationsseiten

FAQ-Liste Ukraine-Krieg vom Bund

Hessen hilft Ukraine

Informationen vom Landkreis zur Ukraine-Hilfe

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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