Förderschulen trotz Inklusion? – Wohl des Kindes an oberster Stelle

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Joachim Veyhelmann hat zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Förderschule trotz Inklusion“ eingeladen. Es ging dabei nicht um die Entscheidung Förderschule oder Inklusion, sondern darum, die verschiedenen Wege aufzuzeigen. Und bei allen wurde recht schnell klar – das Wohl des Kindes steht an oberster Stelle und daran sollte jede Entscheidung bemessen werden.

Die UN-Behindertenrechtskonvention formuliert einen klaren Rechtsanspruch für alle, die eine inklusive Beschulung wünschen. Damit wird das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung anerkannt. Über ein integratives Bildungssystem soll dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit verwirklicht werden. Die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in allen Lebensbereichen ist ein Ziel der schulischen Förderung in Hessen. Doch wie sieht das ganze in der Realität aus? Und ist für jedes Kind die inklusive Beschulung geeignet? Diesen Fragen gingen die Teilnehmer bei der Podiumsdiskussion „Förderschulen trotz Inklusion“ nach.

Politische Sicht

Staatssekretär Dr. Manuel Lösel im Hessischen Kultusministerium stellte die politische Sicht auf das Thema dar. Es geht dabei jedoch nicht darum, welches der richtige Weg ist. Vor vier Jahren fand ein Bildungsgipfel in Hessen statt und vor allem ein Wunsch kristallisierte sich damals heraus, dass die Beteiligten auf regionaler Ebene Netzwerke haben möchten. Nur über Netzwerke sei es mögliche, Kinder mit Beeinträchtigungen optimal zu fördern, wenn alle an einem Strang ziehen. Ein häufiges Problem sei der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse. Die Eltern befinden sich an diesem Punkt oft auf Schulsuche, wissen nicht, wie es weitergeht. „Das darf nicht passieren“, so Lösel. Durch inklusive Schulbündnisse können Wege von Anfang an vorgegeben werden, weil alle Beteiligten sich an einen Tisch setzen und über die verschiedenen Möglichkeiten sprechen. Wenn Eltern möchten, dass Kinder eine allgemeine Schule besuchen, dann wird dies möglich gemacht.

Ressourcen für die Schulen

Lösel wies jedoch darauf hin, dass die Förderschulen auch weiterhin ein fester Bestandteil der hessischen Schullandschaft bleiben werden. Damit Inklusion geschehen kann, müssen die Schulen außerschulische Partner mit einbeziehen und Förderschullehrkräfte kommen an den allgemeinen Schulen zum Einsatz. Da jedoch Lehrer für Förderschulen fehlen und da ein riesen Bedarf herrscht, hat das Land Hessen neue Stellen für sozialpädagogische Lehrkräfte geschaffen. Bereits 400 neue Stellen sind bereits in den Grundschulen besetzt und mit dem neuen Schuljahr kommen noch 300 Stellen an den weiterführenden Schulen hinzu. Lösel zeigte auch auf, dass sich Inklusion nicht nur auf die Schulen beschränkt, sondern ein gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Bei allem Enthusiasmus muss Inklusion behutsam und mit viel Augenmaß geplant werden.

Inklusion mit hohem Verwaltungsaufwand

Michael Uhl, Leiter der Johann-Christian-Senckenberg-Schule Runkel-Villmar gab einen Blick auf inklusiven Unterricht mit seinen Anforderungen und Problemen. „Jedes Kind hat Anspruch auf eine individuelle Förderung“, schickte er vorneweg. Der inklusive Unterricht gestaltet sich so, dass neben der Lehrkraft der Schule zeitweise eine Förderschulkraft hinzukommt und je nach individuellen Begebenheiten eine Teilhabeassistenz. Zudem begrüßte Uhl die neuen sozialpädagogischen Fachkräfte. Aber da alle diese unterschiedlichen Personen auf die Kinder einwirken, bedarf es ein hohes Maß an Absprachen. Verschiedene Behörden wie das Kultusministerium, der Landkreis sowie die Kommunen wirken bei diesem ganzen Prozess mit. „Ich wünsche mir eine einheitliche Vorgehensweise“, so Uhl.

Eltern müssten mitunter kämpfen, weil sie nicht immer wissen, was ihnen zusteht oder was auf sie zukommt. Es besteht ein hoher Abstimmungsbedarf untereinander und neben dem eigentlichen Unterricht kommen Beratungen, Vorbereitungen oder Dokumentationen hinzu. „Das ist ein hoher Verwaltungsaufwand und mir stellt sich die Frage, wie wir wieder mehr Pädagogik zurückbekommen“, so der Schulleiter weiter. Zwei Dinge gab er noch mit auf den Weg – Schulen brauchen Zeit auf dem Weg zur inklusiven Schule und es fehlen Lösungen, wie es für die Personen nach der Schule weitergeht.

Individuelle Förderung

Auch Judith Lehnert, Leiterin der Freiherr-von-Stein-Schule in Hünfelden-Dauborn, sieht in der Inklusion eine berechtigte Forderung. In vielen Fällen kann dies auch gelingen, wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten und die Ressourcen vorhanden sind. Doch manchmal kann inklusiver Unterricht auch an seine Grenzen stoßen. Dies kann zum einen an der Beeinträchtigung des Kindes liegen, aber auch an den baulichen und sächlichen Begebenheiten. Und für eine angemessene Beschulung muss das Wohl des Kindes mit Vordergrund stehen. Daher plädierte Lehnert dafür, den Besuch einer Förderschule immer mit abzuwägen. Da sitzen die Experten vor Ort, da gibt es die entsprechende Ausstattung, Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten, kleinere Lerngruppen – welche eventuell zu einer besseren Förderung des Kindes beitragen.
Lehnert wies zudem darauf hin, dass Inklusion nicht nur im Unterricht stattfindet, sondern es auch Möglichkeiten gibt, über Projekte miteinander zu kommunizieren. Nichtbehinderte und Behinderte treffen bei diesen Projekten aufeinander, arbeiten gemeinsam an Themen und treffen sich in einem kleinen Kreis. „Auch in diese Richtung kann Inklusion weitergedacht werden“, so die Schulleiterin. Aber auch ihr ist es wichtig, dass Inklusion nur behutsam geht.

Keine Sonderrolle mehr

Kerstin Bender, Mutter von vier Kindern, erzählt von ihrer Odyssee. Ihre zweite Tochter wurde erst in eine inklusive Grundschule eingeschult, doch schnell merkte sie, dass sie sich nicht unter Gleichen befindet. Dies wirkte sich auf Motivation aus und endete in Frust. Inzwischen geht sie auf eine Förderschule und kam in den ersten Tagen schon heim, dass sie dort das Gleiche machen dürfte wie die anderen Kinder. „In der Förderschule wird sie auf das Leben vorbereitet, lernt kochen und einkaufen“, erzählte Bender. Den Kindern geht es gut und sie befinden sich in einem sozialen Umfeld. Bender fehlte vorher die Aufklärung, was mit ihrem Kind mal nach der Schule wird. „Förderschulen brauchen einen höheren Stellenwert und sind keine Abschiebeschulen“, forderte sie am Ende.

Was sagt die Realität?

In der anschließenden Diskussion gab es einige Kritik. Die Lehrer seien ja engagiert und haben auch das Wohl aller Kinder im Blick, aber es fehlen einfach ausreichend Stunden oder zusätzliches Personal. Auch der hohe Verwaltungsaufwand wurde beklagt. Dr. Lösel verwies jedesmal auf die hohen Ressourcen, welche den Schulen zur Verfügung gestellt werden.  Zu 100 Prozent werden die Stunden im Stundenplan abgedeckt. Zusätzlich gibt es Sonderzuweisungen an jeder Schule. Aber er könne keine Förderschullehrer schicken, wenn er keine habe. Er könne niemanden dazu zwingen, in diesen Schulbereich hineinzugehen. Auf Themen wie Schulassistenz oder Schulbegleitung wurde nicht eingegangen, da diese Sache des Schulträgers seien.

Bei der Podiumsdiskussion zeigte sich, dass das Thema rund um Inklusion an der Schule sehr vielgestaltig ist. Und es gibt noch viele Punkte, für die keine befriedigende Antwort gegeben werden konnte. Wie stemmen die Lehrer zukünftig ihre Aufgaben? Wie geht es mit den Kindern weiter, wenn sie die Schule geschafft haben? Eines wurde bei allen Beiträgen klar – die falsche Schule gibt es nicht und egal, welche Entscheidung getroffen wird- das Wohl des Kindes steht immer an erster Stelle.

 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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