Holocaust-Gedenktag – Ein polnisch-deutsches Lebensschicksal

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Am 27. Januar 2020 ist es 75 Jahre her, dass das Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. Vor 15 Jahren erhoben die Vereinten Nationen diesen Tag zum Internationalen Tag des Gedenkens an alle Opfer des Holocaust.

Am 27. Januar gedenken wir der ermordeten Menschen jüdischer Herkunft der politisch und religiös Verfolgten wie auch derjenigen Menschen, die dem NS aufgrund von seelischen oder körperlichen Behinderungen als “lebensunwert” galten. Martina Hartmann-Menz stellte mir die Biografie einer polnischen Familie jüdischen Glaubens zur Verfügung. David Einhorn war ein jüdischer Jungen, der in der Heilanstalt Hadamar geboren wurde und in Auschwitz ermordet wurde.

Sabine und David Einhorn
– ein polnisch-deutsches Lebensschicksal zwischen Hadamar, Diez und Frankfurt

Ein Beispiel für das Zusammentreffen unterschiedlicher Aspekte der Verfolgung mit Bezug zur Region ist das Schicksal von dem 1932 in Hadamar geborenen David Einhorn und seiner Mutter Sabine Einhorn geb. Bletz. Die Familie war jüdischen Bekenntnisses. Im Jahr 1932 wurde Sabine Einhorn aufgrund einer seelischen Erkrankung in der Heilanstalt Hadamar untergebracht. Jüdische Patientinnen und Patienten waren seit der Mitte der 30er Jahre einem doppelten Verfolgungsdruck ausgesetzt. Sie wurden als Erste selektiert und der Vernichtung preisgegeben. Sabine Einhorn wurde 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg vergast, ihr Sohn David fand im Alter von 11 Jahren im Mai 1944 einen gewaltsamen Tod in der Gaskammer von Auschwitz. 

Juden aus Polen

Sabine Einhorn wurde am 4. Januar 1890 in Rzochow, Kreis Mielic (im damaligen Galizien) in Polen als Sabine Bletz in eine Familie mit insgesamt sieben Kindern geboren. Um das Jahr 1917 kam sie in die Region Frankfurt und arbeitete dort als Hausiererin. Im Jahr 1919 heiratete sie den ebenfalls aus Polen stammenden Handelsreisenden Philipp Einhorn und lebte mit ihm und den gemeinsamen Kindern und ihrer Mutter in Frankfurt am Main. Der Herkunft nach galten die Mitglieder der Familie von Sabine Einhorn als sog. „Ostjuden“. Viele Menschen jüdischer Herkunft aus Polen waren bereits um 1918 vor den Pogromen in der Zeit des 1.Weltkrieges geflohen und hatten Zuflucht im damaligen deutschen Reich gesucht. Diese Bevölkerungsgruppe lebte unter dem permanenten Druck der Rechtsunsicherheit was ihren Verbleib im Deutschen Reich betraf; die Erteilung von Arbeitserlaubnissen war jeweils abhängig von der Situation am Arbeitsmarkt mit der Folge, dass sich die Lebensumstände dieser Familien, wie auch der von Sabine und Philipp Einhorn häufig als überaus prekär gestalteten.   

1932 Einweisung nach Hadamar    

Sabine Einhorn wurde Mitte der 20er Jahre seelisch krank. Die schwierigen Lebensumstände der Familie hatten zu Spannungen zwischen den Eheleuten und in der Familie geführt und die Tatsache, dass ihr Ehemann kaum in der Lage war, den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern, die Mitte der 20er Jahre auf vier Kinder angewachsen war, bedrückten Sabine Einhorn zusätzlich. Sabine Einhorn wurde wiederholt in der Frankfurter Klinik für Nerven- und Gemütskranke behandelt. Die seit 1926 dokumentierten Aufenthalte in Heilanstalten waren jeweils immer von Phasen der Besserung und Entlassungen unterbrochen, seit 1932 bleibt Sabine Einhorn dauerhaft in Anstaltsunterbringung. Als Sabine Einhorn im August 1932 in Hadamar eingewiesen wird, ist sie schwanger. 

Trennung der Familie

Am 5. November 1932 wird das 5. Kind von Sabine Einhorn, ihr Sohn David, in der Landesheilanstalt Hadamar geboren. Da Kinder dort nicht leben dürfen, wird David Einhorn wenige Tage nach seiner Geburt in einem Waisenhaus in Frankfurt untergebracht, wo er in den kommenden Jahren gemeinsam mit seiner Schwester Edith betreut wird. Die Familie Einhorn ist zwischenzeitlich getrennt. Der Ehemann Philipp Einhorn versucht, ein Einkommen zu erwirtschaften. Sein Lebensweg endet unter unbekannten Umständen 1939 in Belgien.  

Im Jahr 1939 ist sie in der Anstalt Herborn untergebracht und wird von dort aus am 25. September 1940 über Gießen in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert und noch am Tage ihrer Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet. Sabine Einhorn wurde Opfer der „Sonderaktion“ gegen jüdische Patientinnen und Patienten die alleinig aufgrund des Kriteriums ihrer Herkunft selektiert und getötet wurden. Somit zählt Sabine Einhorn zu den frühen Opfern des Holocaust. 

Im Mai 1944 wird David Einhorn gemeinsam mit seiner Schwester Edith im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Ein weiterer Bruder von David Einhorn, der 1925 geborene Josef Karniel Einhorn war im deutsch-israelitischen Kinderheim in Diez/Lahn untergebracht bis dieses im Jahr 1935 zwangsweise geräumt wird. Er überlebte den Holocaust da ihm die Flucht aus Nazideutschland gelang. Angehörige von Josef Karniel Einhorn reisten im Jahr 2019 eigens aus Israel nach Deutschland um bei der Verlegung der Stolpersteine für ihre Angehörigen in Frankfurt teilzunehmen. 

Foto Sabine Einhorn geb. Bletz Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStaWi) Bestand 2072/2 Nr. 5055

Foto David Einhorn, Quelle privat

 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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