Inklusion an der Schule – Es muss sich mehr tun

Seit 2009 gilt in Deutschland die Behindertenrechtskonvention und damit verbunden das Recht auf inklusive Bildung. Doch wie sieht dies in der Wirklichkeit aus? Mit einem Lehramtsstudenten habe ich über das Thema gesprochen und beim Schulamt nachgefragt, wie es mit der inklusiven Bildung im Landkreis aussieht.

Menschen mit Behinderung eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, beginnt im Kindesalter, im Kindergarten und in der Schule. Und obwohl Inklusion an den Schulen stattfindet, fehlt Leon Pätzold, wohnhaft in Selters, das Thema in seinem Lehramtsstudium.

Nischenthema im Studium

Das Thema nehme wenig Raum ein. Zwar finden Angebote statt, doch es sei ein Nischenthema. Von 18 Stunden im Semester hat er eine Stunde, die sich mit dem Thema Inklusion beschäftigt. „Wenn man sich für das Thema interessiert, dann gibt es schon Angebote“, so Leon Pätzold. Er möchte nicht dahin gehen, dass es eine Verpflichtung gibt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Er würde sich aber wünschen, dass es einen Themenbereich Inklusion gibt, aus dem die Studenten dann einzelne Themen wählen können. „Jeder sollte sich mit Inklusion an der Schule auseinandersetzen“, so Pätzold. Aber jeder sollte dabei die Möglichkeit haben, sich eigene Schwerpunkte zu wählen.

Als gutes Beispiel für inklusive Beschulung erwähnt er die Freiherr-vom-Stein-Schule in Dauborn. Dort lebe die Schulgemeinschaft Inklusion. Dort gab es eine Lehrerin im Rollstuhl, was noch sehr selten sei und es gibt auch Kinder an der Schule, die inklusiv beschult werden. Aber ihm ist auch bewusst, dass dies Geld kostet. Da sieht er die Aufgabe ganz klar bei der Politik. „Die Politik muss Geld in die Hand nehmen für Sonderpädagogen“, so Pätzold. Diese fehlen an den Schulen und ermöglichen überhaupt erst eine inklusive Beschulung. Für die Kinder selbst ist es unwahrscheinlich wichtig, dass sie gemeinsam zur Schule gehen können. „Kinder lernen so, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist und das nicht jeder Mensch perfekt ist.“ Er findet es schlimm, wenn Menschen mit Behinderungen „abgeschoben“ werden auf eigene Schulen und somit „aus dem Blick verschwinden“.

Inklusivere Schulen

Neben mehr Geld für die Schulen muss der Job des Sonderpädagogen attraktiver gestaltet und die Sonderpädagogen auch besser bezahlt werden. Dazu gehört auch, dass der Mythos, Lehrer arbeiten nur sechs Stunden am Tag. „Wir arbeiten auch am Nachmittag, am Wochenende, bereiten den Unterricht vor und nach“, so Pätzold. Und es braucht im Schulsystem einfach mehr Menschen, um die Lasten auf mehr Schultern zu verteilen.

Neben mehr Personal geht es auch darum, die Schulen barrierefreier zu gestalten. Dies beginnt bei den Zugängen zu den Schulen. Nicht jede Schule hat einen Fahrstuhl für Rollstuhlfahrer oder barrierefreie Zugänge in die Schulen hinein. Dies geht weiter bei den Arbeitsmaterialien, die auch nicht immer inklusiv gestaltet seien. Dies alles spiegelt in seinen Augen auch die Gesellschaft wieder, die sich um diese Dinge keine Gedanken macht. Aber ihm ist es wichtig, dass die Gesellschaft inklusiver wird. Denn wenn Menschen in irgendeiner Art separiert werden, dann spaltet dies die Gesellschaft und gewissen Menschengruppen gehen unter. „Alle Menschen müssen gleich behandelt werden“, so Pätzold abschließend, „aber trotz UN-Charta findet dies nicht statt.“

Inklusion in Limburg-Weilburg

Doch wie sieht es mit der inklusiven Beschulung im Landkreis aus? Auf Nachfrage teilte das staatliche Schulamt für den Lahn-Dill-Kreis und den Landkreis Limburg-Weilburg mit, dass insgesamt 486 Schüler inklusiv beschult werden. In den Grundschulen befinden sich 189 Schüler, 282 Schüler finden sich auf Haupt- und Realschulen sowie den Gesamtschulen und noch 15 Schüler auf den Gymnasien.

Eine große Herausforderung für die Lehrkräfte ist das Agieren im Spannungsfeld zwischen einerseits den individuellen Lernausgangslagen und Bedarfen der einzelnen Schüler und andererseits den schulformbezogenen Erwartungen. Verschiedene Unterstützungssysteme vor Ort wie beispielsweise die Angebote der regionalen und überregionalen Beratungs- und Förderzentren tragen dazu bei, den Herausforderungen in angemessener Weise begegnen zu können.

Leon Pätzold kritisierte die fehlende Barrierefreiheit an den Schulen, die Inklusion nicht ermöglicht. Laut Schulamt sind rund zwei Drittel der Schulen im Landkreis Limburg-Weilburg barrierefrei. „Der Schulträger ist sehr bemüht, Barrierefreiheit zu gewährleisten. Er ermöglicht Umbaumaßnahmen oder auch zusätzliche Schülertransporte an barrierefreie Schulen“, heißt es weiter, „Viele Schüler, die inklusiv beschult werden, haben aber keine körperliche Einschränkung, so dass die Barrierefreiheit in diesen Fällen nicht entscheidend ist.“

Die Schulen würden sich in Zusammenarbeit mit den Beratungs- und Förderzentren sehr engagiert für eine gelingende Inklusion einsetzen und hochwertige Arbeit leisten. Die präventive Förderung nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. Die Schulen praktizieren diese sehr gut. Laut Schulamt wird auf Seiten der Schulen viel für eine gelingende Inklusion getan, wofür sich das Schulamt bei allen Beteiligten in den Schule bedankt. „Wünschen würden wir uns eine noch stärkere gesamtgesellschaftliche Anerkennung, Wertschätzung und Würdigung der geleisteten schulischen Arbeit – auch und insbesondere in Sachen Inklusion“, so das Schulamt abschließend.

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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