Kleinunternehmerinnen erzählen aus ihren Erfahrungen in der Corona-Krise

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Das Kleinunternehmertum ist sehr vielschichtig. Es ist sehr spannend, was es an Kleinunternehmertum gibt. Gerade jetzt in der Corona-Krise wird sichtbar, was die Kleinunternehmer leisten. Mit vier Kleinunternehmerinnen habe ich über ihre Situation gesprochen. 

106.000 Anträge für die Soforthilfe sind bereits beim Land Hessen eingegangen, 57.000 Anträge davon wurden bewilligt und an die Kleinunternehmer sowie Solo-Selbständigen ausgezahlt. Über eine halbe Milliarde Soforthilfe bewilligte das Hessische Ministerium für Finanzen, damit die Kleinunternehmer nicht in eine existenzbedrohende Situation geraten. Doch wie sieht es im Landkreis aus? Vier Kleinunternehmerinnen aus dem Landkreis gaben Einblicke in ihre derzeitige Situation.

Ute Schäfer: „Arbeite gerade mehr als normal“

Ute Schäfer aus Beselich ist freiberufliche Chorleiterin von drei Frauenchören, macht Stimmbildung bei den Domsingknaben und verwaltet die Noten der Dommusik. Die Arbeit mit den Domsingknaben findet derzeit nicht statt, so dass es da kein Geld gibt. Mit den Chören arbeitet sie weiterhin, aber völlig anders als vorher. Zu Beginn der Krise probierte sie digitale Formate mit den Chören aus, doch dies hatte nicht so funktioniert, wie sie es sich vorstellte. Jetzt stellt sie den Sängerinnen Material zur Verfügung, damit sich diese stimmlich weiterbilden können. Sie schickt Übedateien, Noten und Erklärvideos. „Ich arbeite gerade mehr als normal, da die Vorbereitung der digitalen Inhalte viel zeitintensiver ist“, so Schäfer, „daher erhalte ich derzeit auch noch Gehalt von den Chören.“

Viele Fahrtzeiten fallen weg, da sie auch die Kindern nicht mehr überall hin fahren muss. „Als Freiberufler hat man selten Auszeiten, außer man fährt weg. Daher genieße ich es, ein wenig Luft holen zu können“, erzählt sie. Auch wenn sie es gerade genießt, nicht ständig unterwegs zu sein, sondern ohne Konzerte auch freie Abende und Wochenende zu haben, macht sie sich schon Gedanken, was passiert, wenn die Situation länger anhält. Kann es dann eventuell sein, dass die Vereine die Mitgliedsbeiträge aussetzen? Und welche Folgen hätte das für ihr Chorleiter-Gehalt? „Je nach dem wie es weitergeht, stellen sich dann ganz andere Fragen“, so die Chorleiterin. Doch sie macht sich nicht nur Gedanken um sich selbst: „Ich habe Sorgen um die Kulturszene.“ Viele können schnell Probleme bekommen und da ist es wichtig, flexibel im Kopf zu bleiben.

Elvira Schaaf: „Gefühl, dass es viele noch nicht ernst nehmen“

Elvira Schaaf von Zeitreisen-Fotografie kommt zurecht, denn sie hat Rücklagen gebildet und ihr Mann arbeitet im Einzelhandel. Sie weiß um andere Fotografen, die es viel härter trifft und ihre Einstellung ist dann auch so, dass sie nur das nimmt, was sie braucht. Da sie hinkommen, hat sie bisher auch keinen Antrag auf Soforthilfe bestellt. Sie ist noch immer etwas verblüfft, was derzeit passiert, hat aber auch das Gefühl, dass es viele noch immer nicht ernst nehmen. Da sind zum einen Erzählungen ihres Mannes aus dem Einzelhandel, aber auch Anfragen an sie, welche sie nur den Kopf schütteln lassen. „Ich wurde gefragt, ob man das Neugeborene vorbeibringen könnte und nach dem Shooting würde man es wieder anholen“, erinnert sich die Fotografin. Das wäre für sie absolut keine Option.

Spezialisiert hat sich Elvira Schaaf auf Neugeborenen-Shootings sowie Kinderfotografie. Sie möchte die ersten Monate im Leben eines Kindes festhalten und unvergessliche Erinnerungen schaffen. Auch wenn sie derzeit keine Shootings macht, hat sie noch zu tun. Mit einer Familie hat sie ein Videocoaching gemacht und die Eltern angeleitet, wie sie ihr Baby fotografieren können. Sie bearbeitet die Bilder dann nach. Für den Spätsommer kommen die ersten Anfragen hinein und sie hofft, dass dann Shootings wieder möglich sein werden. Natürlich macht sie sich auch Gedanken, wie alles wieder anlaufen wird. „Fotos sind ein Luxus“, so Schaaf. Viele müssen jetzt ihr Geld zusammenhalten und da steht die Frage im Raum, wann die Menschen bereit sind, Geld für Fotos zu investieren. Aber sie ist der Meinung, das ganze positiv überstehen zu können.

Bianca Wolff: „100 Prozent Vollerwerb weggebrochen“

Bianca Wolff hat seit sieben Jahren „Tierservice mit Herz“ im Vollerwerb, der ihr von einen auf den anderen Tag weggebrochen ist. „Vieles wurde immer als selbstverständlich erachtet. Wir haben immer gesagt, Menschen essen und Menschen verreisen“, so Wolff, „doch mit der derzeitigen Situation konnte niemand rechnen.“ Das hat sie nicht nur finanziell getroffen, sondern auch seelisch. „Es ist eine nervlich aufreibende Situation, weil man nicht weiß, was kommt.“ Nie hätte sie mit der psychischen Belastung gerechnet, welche sie nun getroffen hat. Die gezwungene Isolation sei nicht so lustig für sie. Sie stecke in einem stetigen Zwiespalt und die Gedanken kreisen.

Da die Menschen jetzt nicht in den Urlaub fahren, besteht auch kein Bedarf für ihren Service. Bis Ende Mai wurden alle Buchungen abgesagt, auch wenn sie weiterhin ihren Service anbieten darf. „Es besteht kein Bedarf und viele halten jetzt erstmal ihr Geld fest“, so Wolff weiter. Natürlich macht sie sich Gedanken, was sie anbieten könnte, doch „es muss auch zu mir passen. Etwas mit Gewalt aus dem Boden stampfen, liegt mir nicht.“ Die Soforthilfe hat sie beantragt und zügig bewilligt bekommen, aber dies hilft nur kurze Zeit. „Wenn erst im Herbst Reisen wieder erlaubt sind, wird es für mich schwierig und es wäre eine Katastrophe.“ Sie hofft, dass vor den ersten Sommerferien Lockerungen kommen und die ersten Länder wieder bereist werden dürfen.

Und obwohl es sie besonders hart trifft, blickt sie auch nach außen. „Es gibt viele Kleinunternehmen, die immer unter den Radar gefallen sind. Es fällt in Politik u nd Gesellschaft gar nicht auf, welchen Beitrag wir leisten.“ Es sind die vielen Facetten des Kleinunternehmertums, welche jetzt auffallen. Und das begrüßt sie sehr und sie hofft, dass davon etwas übrig bleibt nach der Krise.

Kerstin Löschner: „Die Unternehmen geben kein Geld aus“

Kerstin Löschner vom Arbeitsschutz-Löschner merkt die Krise, auch wenn man erstmal denken könnte, dass Schutzkleidung gerade jetzt gefragt ist. Ihr Unternehmen mit zehn Mitarbeitern bietet alles an, was die persönliche Schutzkleidung betrifft- von Abfall bis Feuerwehr. Aber die Unternehmen sparen jetzt und investieren nicht. Feuerwehren oder Hessen Mobil schreiben derzeit nicht aus und die Laufkundschaft bleibt auch weg. Noch sind Aufträge da, aber insgesamt hatte sie einen Einbruch um 50 Prozent. „Es ist schwierig, an zertifizierte Schutzkleidung zu kommen und dann gibt es auch noch einen Preiskampf“, so Löschner. Sie lässt die Sachen einfliegen und prüft sie nochmal vor Ort, damit sie diese auch guten Gewissens weiterverkaufen kann. Zu schnell kann es passieren, falsches Material zu erhalten. Diese Erfahrung musste der DRK Kreisverband Limburg machen.

„Ich versuche mein Unternehmen aufrecht zu erhalten“, so Löschner. Aber sie muss auch zugeben, dass die Anträge auf Kurzarbeit in ihrem Büro liegen sowie der Antrag auf Soforthilfe. „Ich versuche es soweit wie möglich hinauszuschieben“, so Löschner weiter, „ich bange um jeden Monat und muss immer wieder neu schauen.“ Ihr ist auch bewusst, dass es anderen schlechter geht, als ihr, weil sie derzeit gar keine Einnahmen haben und dringender das Geld benötigen. Der worst case bei ihr wäre, wenn sie ganz zumachen müsste, denn die laufenden Kosten sind weiterhin da.

Dies sind nur einige Erfahrungen von Kleinunternehmern. Das Weilburger Tageblatt hatte einen Tanzschullehrer, einen Fahrschullehrer sowie Musikschullehrer nach ihren Erfahrungen befragt. Und dies ist insgesamt nur ein kleiner Blick in die Vielfalt des Kleinunternehmertums.


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

2 Gedanken zu „Kleinunternehmerinnen erzählen aus ihren Erfahrungen in der Corona-Krise

  • 25. April 2020 um 19:34
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    Ich bin auch Kleinunternehmerin und die Ungewissheit macht einem manchmal schwer zu schaffen. Ich glaube fest das es ein Leben nach Corona geben wird aber ob ich dann noch meinen Beruf Hundefriseurin den ich so sehr liebe noch weiter machen kann?

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    • 27. April 2020 um 6:18
      Permalink

      Danke für Ihre Rückmeldung. Bereits jetzt überlegen viele, wie sie ihr Geld ausgeben und auch nach der Krise werden sicher viele nicht zum alten Konsum zurückkehren. Ich wünsche Ihnen viel Kraft für die Zeit.

      Antwort

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