Kommentar Fridays for Future – Hört endlich auf!

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Am Freitag gingen wieder einige Jugendliche im Rahmen von Fridays for Future demonstrieren. Sie fingen in Limburg an, fuhren mit dem Zug nach Weilburg und beendeten ihre Demo in Wetzlar. Im Mittelpunkt stand diesmal die Frage, wie Klimaschutz besonders im ländlichen Raum möglich ist. Im Netz gab es wieder enorm viel Häme gegen die Jugendlichen. Ich bin der Meinung, damit muss endlich Schluss sein. Anstatt über die jungen Menschen her zu ziehen, sollte das Gespräch mit ihnen gesucht werden. 

Rund 50 Teilnehmer nahmen am Freitag an der Fridays for Future Demonstration im Landkreis teil. Für manche war dies der Beweis, dass es die meisten Schüler nicht interessiert, da es in den Ferien stattfand und sie keine Schule schwänzen konnten. Nach vier Demonstrationen in Limburg, war dies die erste Demo, die von drei Gruppen – in Limburg, Weilburg und Wetzlar- gemeinsam organisiert wurde. Und dabei ging es nicht um das große Ganze und wie die Welt gerettet werden kann. Sondern die Jugendlichen setzten sich mit der Frage auseinander, wie Klimaschutz im ländlichen Raum möglich ist. Wo der öffentliche Nahverkehr nicht immer eine Alternative zum Auto darstellt. In der Region ist ein Bioladen nicht in wenigen Minuten zu erreichen. Wo noch viele Menschen in die Ballungsgebiete zu ihrem Arbeitsplatz pendeln. Homeoffice ist nicht immer möglich, weil die Internetverbindung so schlecht ist.

Ein Bild und ganz viel Häme

Auf einer Limburger Seite auf Facebook wird ein Foto unkommentiert von den Demonstrierenden geteilt. Dies nicht zum ersten Mal. Ich wüsste nicht, zumindest war dies auf dieser Seite bisher nicht ersichtlich, dass in der Vergangenheit ein Gespräch mit den Jugendlichen gesucht wurde. Danach hauen die Menschen in die Tasten mit überwiegend negativen Kommentaren, was von dem Seitenbetreiber nicht mal moderiert wird. Hauptsache, am Ende des Tages stimmt die Reichweite.

Die Kommentare sind sehr abwertend: Die Jugendlichen sollen lieber einen Baum pflanzen und den Müll aus dem Straßengraben aufsammeln, statt demonstrieren zu gehen. Die Ferien seien zu Ende, dann gehen sie wieder demonstrieren. Die ganzen Ferien sei es ruhig gewesen. Da flogen die Jugendlichen mit den Flugzeug in den Urlaub und waren auf dem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Am Montag lassen sich die Schüler wieder mit dem SUV zur Schule fahren. Auf der Straße würden sie demonstrieren und dann bei Edeka die Gurken in Folie kaufen. Und weil es so wenige waren – das lag sicher an den Ferien, denn da konnten sie keine Schule schwänzen.

Da schreibt jemand in den Kommentaren, bei uns sei der Klimawandel ja nicht so schlimm in seinen Auswirkungen. Es ist absolut egal, dass am Nordpol 20 Grad mehr sind als normalerweise? Uns braucht es nicht zu interessieren, dass in Sibirien die Wälder seit Wochen brennen? Dass in Norwegen Erdbeeren und Pfirsiche seit vier Jahren für den Export angebaut werden? Und die heißen Temperaturen und immer neuen Hitzerekorde in Deutschland sind doch super? Na klar, da brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Betrifft uns ja nicht. Dabei ist das Klima keine regionale Angelegenheit, sondern betrifft die gesamte Erde.

Der Grundtenor ist bei vielen Kommentaren der gleiche. Freitags geht es auf die Straße, um die Schule zu schwänzen. Doch im Alltag machen diese Jugendlichen nichts für den Klimaschutz. Die Wohlstandsgesellschaft macht sich über die Jugendlichen lustig und zieht über sie her. Wenn mal das Gespräch mit ihnen gesucht wird, dann würden sie merken, dass sich die Jugendlichen Gedanken machen und diese auch im Alltag umzusetzen versuchen.

Hört endlich auf!

Und wenn hier im ländlichen Raum die Bewegung recht überschaubar, so ist es dennoch eine gewachsene Bewegung, die in vielen Schichten Unterstützung findet. Vor einem Jahr im August begann Greta Thunberg, sich für einen besseren Klimaschutz einzusetzen. Inzwischen ist es eine weltweite Bewegung. In den Großstädten sind freitags über 10.000 Menschen auf der Straße, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Unterstützung erhalten die Jugendlichen von Wissenschaftlern, Politikern und aus allen Gesellschaftsschichten. Es sollte endlich aufgehört werden, diese Bewegung mit Häme zu überziehen und die immer gleichen Plattitüden rauszuhauen. Hört auf damit, in herrlicher Selbstgerechtigkeit über die Jugendlichen her zu ziehen. Das hat schon lange nichts mehr mit Diskussion zu tun.

Ich bin der Meinung, wenn nur jeder ein wenig seinen Blick ändert, was Müll, Konsum und Ernährung betrifft, kann insgesamt schon etwas bewirkt werden. Jeder der fordert, die Jugendlichen sollen einen Baum pflanzen, kann mit guten Beispiel voran gehen. Oder wer fordert, dass die Jugendlichen Müll sammeln gehen sollen, kann sich selbst mal bücken und Müll aufheben. Wer den Kids vorwirft, dass sie sich mit dem SUV fahren lassen, kann ja selbst mal in seinem Ort das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen. Und jeder der so hämisch ist, sollte ins Gespräch mit den Jugendlichen kommen. Denn diese nutzen dank Schülerticket vornehmlich die öffentlichen Verkehrsmittel zur Schule, gehen in ihren Gemeinden Müll sammeln und machen sich Gedanken, wie sie ihren Alltag umweltfreundlicher gestalten können.

Ebenfalls lesenswert: Auch beim Weilburger Tageblatt äußerten sich viele kritisch in ihren Kommentaren. Der Grundtenor ist hier ähnlich – zur Schule lassen sich die Jugendlichen mit dem Auto fahren und sie sollen doch bei sich zu Hause anfangen, statt auf die Straße zu gehen. Quelle Mittelhessen


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

8 Gedanken zu „Kommentar Fridays for Future – Hört endlich auf!

  • 12. August 2019 um 11:00
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    Super geschrieben. Wir sollten froh sein, daß sich die Jugendlichen engagieren anstatt die Aktion ins Lächerliche zu ziehen.
    Man kann so was kontrovers diskutieren, aber manche Kommentare waren schon unterste Schublade. Und die Jugendlichen bewegen doch was:
    Die Politiker reagieren schon, wenn auch nur in kleinen Schritten. Aber alles besser als gar nichts.

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  • 12. August 2019 um 17:08
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    Zunächst: die Jugendlichen, die sogar in den Ferien für eine klimaschützende Politik demonstrieren, haben meinen vollen Respekt. Wer die Mehrheit überzeugen will, dass sich unsere Lebenshaltung und die Politik ändern muss, der darf nicht warten, bis wieder Schule ausfällt. Andere echt überzeugte Jugendliche konnten sicher nicht, weil sie vielleicht in einem Auslandsaustausch, einem Ferienjob oder einem Jugendcamp waren (so habe ich meine Sommerferien meist verbracht). Insofern sind es nicht nur die Teilnehmer/innen an der Feriendemo, denen es wichtig ist. Auch gibt es sicher Jugendliche, denen das Thema am Herzen liegt, die n i c h t an den Freitagsdemos teilnehmen, weil ihnen das Schulische eben auch persönlich wichtig ist. So ist es wohl ein Fehler, die Zahlen zu klein zu schätzen. – Trotzdem muss man den Klimaaktivisten 2 Dinge klar sagen: a) es reicht nicht, nur ein paar politische Maßnahmen zu fordern, aber selbst sein Leben nicht möglichst klimaneutral zu gestalten sowie b) eine Regierung, die wieder gewählt werden will, kann nicht eben mal schnell die Kohlekraftwerke stilllegen, das Autofahren mal eben erheblich verteuern ohne Alternativen zu bieten. Aber das scheinen die hiesigen Aktivisten zu berücksichtigen (sie machen sich Gedanken über den ländlichen Raum). Die sind offensichtlich ernst zu nehmende Kräfte, die nicht nur mal ein paar Parolen rufen! Also Hut ab!

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    • 13. August 2019 um 12:13
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      Danke für ihr Kommentar. Ich stimme ihnen zu, dass manche Ansagen sehr kurzfristig gedacht sind und es damit nicht getan ist. Aber ich ziehe meinen Hut vor den Jugendlichen, da sie sich wirklich Gedanken machen, was hier vor Ort möglich ist. Sie rufen nicht nur Dinge nach, die deutschlandweit gefordert werden, sondern werfen einen intensiven Blick auf unsere Region. Das macht manch heimischer Politiker nicht.

      Antwort
  • 12. August 2019 um 18:40
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    Ich bin jetzt schon 6 Jahrzehnte auf der Welt und finde die Bewegung Fridays for Future großartig.
    Ich kenne die Natur noch, wie sie einmal in meiner Kindheit war.
    Verstehe deshalb überhaupt nicht,wie sich viele aus meiner Altersklasse
    über die Jugendlichen so sehr aufregen.Freitags Schule schwänzen,
    ich kann es nicht mehr hören.
    Dann auch noch die guten Vorschläge,sollten mal selber was für die Umwelt tun und mal besser in der Schule was Lernen.
    Für mich ist das nur nachgeplapper
    von unseren Politikern.
    Nach dem Motto: Bei und ist das ja noch nicht so schlimm,hat ja noch Zeit,müssen wir erst noch mal beraten,verschieben wir erst noch einmal…..und so weiter und so weiter.
    Hallo Leute gehts noch?
    Werdet endlich auch mal aktiv .
    Oder hört wenigstens mit dem nachgeplapper von gewissen Schlaumeiern auf.
    Gegenkommentare sind zwecklos,
    denn ich habe meine eigene Meinung.Es ist fünf nach zwölf.

    Antwort
    • 13. August 2019 um 12:10
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      Ich habe noch nicht ihr Alter erreicht, aber auch ich kann mich erinnern, dass in meiner Jugend einiges anders war und dass wir schon einiges verloren haben. Ich weiß noch wie es war, mit einem Stoffbeutel einkaufen zu gehen und flüssige Sachen ausnahmslos in Glas zu erhalten. Ich weiß gar nicht, wann der Siegeszug mit den Plastikverpackungen begann. Auch hatten meine Eltern kein Auto- das erste Auto gab es, als ich neun Jahre alt war und dann auch nur ein Auto pro Familie. Dies handhaben wir bis heute so, auch wenn es in der ländlichen Region manchmal eine Herausforderung ist. Aber in manchen Familie braucht jeder über 18 Jahre ein Auto. Das kann ich nicht nachvollziehen.
      Vielen Dank für ihr Kommentar und es freut mich, dass auch die ältere Generation sich Gedanken macht.

      Antwort
  • 13. August 2019 um 11:52
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    Ich finde es gut, dass die Jugendlichen sich lautstark zu Wort melden, denn sie sind es, die künftig die
    „Suppe“ (Folgen des Klimawandels ) auslöffeln müssen, die Ihnen die Verantwortlichen in den letzten 100 Jahren eingebrockt haben. Und es sei noch einmal daran erinnert, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre überall auf der Welt (wir haben nur e i n e Welt ! ) fast gleich ist, weil die Emissionen beispielsweise von China und den USA auch in der einheitlichen Mischung über Deutschland, Limburg, Weilburg und Wetzlar mit einem großen Anteil enthalten sind. So konnte es passieren, dass 2016 in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg (das hier kein Mensch kennt) innerhalb von 24 Stunden ein Schaden von 100 Millionen EURO entstand – die Folge von extremsten Unwettern. Ich war ein Jahr später in Braunsbach und wurde sehr nachdenklich: so etwas könnte auch bei uns passieren. Auch unsere Städte liegen im Tal und die Landschaft sieht ganz ähnlich aus wie in Braunsbach.

    Antwort
    • 13. August 2019 um 12:08
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      Ich glaube, wir sind uns oftmals noch gar nicht der möglichen Folgen bewusst, bloß weil uns noch nichts passiert ist. Aber wenn ich an die Starkregenereignisse im letzten Jahr denke, wo in Weilmünster und Villmar Land unter war, dann sollte uns dies schon zu denken geben. Nur weil manche Kommunen bisher Glück hatten, sollten wir nicht die Augen verschließen vor den globalen Auswirkungen.

      Vielen Dank für ihr Kommentar.

      Antwort
  • 13. August 2019 um 12:48
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    Volle Zustimmung. Ich habe in Weilburg und auch in Wetzlar an der Demonstration teilgenommen. Alles war gut organisiert und die jungen Leute waren mit Herz und Verstand dabei. Wichtig war auch der Blickwinkel „Ländlicher Raum“, denn hier funktioniert die Mobilität ohne Auto nicht. Das wurde auch so zum Ausdruck gebracht. Deswegen ist nach Alternativen zu suchen, denn das schnelle Internet allein reicht nicht aus. Moderne Verkehrskonzepte, Fahrrad, Bus, Bahn und Auto müssen sich ergänzen. Schade, dass vom Stadtparlament in Weilburg die Initiative zur Reaktivierung der Weiltalbahn nicht unterstützt wurde. Dabei ging es zunächst nur um eine Machbarkeitsstudie, denn wir brauchen eine schnelle Anbindung an Rhein-Main. Die Initiative Fridays for Future sollte aber nicht nur die globalen Ziele benennen. Auch lokale Themen sind wichtig. Was macht das Klimaschutzkonzept der Stadt Weilburg? Wie geht es mit der Radwegeplanung weiter? Warum wird weiter Fläche versiegelt, statt vorhandene Ressourcen zu nutzen. Deswegen: Nur Mut. Weitermachen, auch wenn gemeckert wird.

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