Kommentar zum Besuch von MP Bouffier – Ansichtssache Bildung

Am Donnerstag besuchte Ministerpräsident Volker Bouffier auf seiner Wahlkampftour Dornburg-Frickhofen, wo er mit seiner Wahlkampfrede für die CDU warb. Doch vor allem Aussagen zur Bildung möchte ich nicht unkommentiert lassen. 

Wenn für die eigene Partei geworben wird, gehört es dazu, sich von den anderen Parteien zu distanzieren und aufzuzeigen, was man eventuell besser macht als die anderen. Um sich gegenüber der SPD abzuheben, wählte Ministerpräsident Volker Bouffier in seiner Rede in der CDU-Hochburg Dornburg den Bereich Bildung. Leider erwiesen sich einige Aussagen ein wenig an der Realität vorbei.

Bouffier kritisierte, dass die SPD vehement nach einem Ausbau der Ganztagsschulen rufe. Dies sei in seinen Augen insofern ein wenig verwunderlich, weil die SPD keine Ganztagsschulen aufgebaut hat, als sie von 1995 bis 1999 regierte. Gerne verweist der MP und mit ihm auch andere CDU Politiker darauf, dass sich die Gesellschaft sehr schnell ändert, vor neuen Herausforderungen steht und man nicht in der Vergangenheit verharren darf. Aber bei dem Thema Ganztagsschule ist die sich verändernde Gesellschaft auf einmal kein Argument mehr. Vor 1999 bestand noch kein Bedarf an Ganztagsschulen wie er heute besteht. Die Kinder waren am Nachmittag zu Hause, weil viele Mütter gar nicht oder nur halbtags berufstätig waren. Ein Betreuungsbedarf wie heute existierte damals noch nicht oder wurde zumindest in der breiten Öffentlichkeit nicht thematisiert. Dabei ist das Thema Betreuung nicht nur auf die Schule begrenzt, sondern beginnt viel früher. Erst seit rund 15 Jahren öffneten sich die Kindergärten in der Region für Kinder unter drei Jahren. Familien, die einen Ganztagsplatz benötigten, waren in der Minderheit. Auch flächendeckende Kinderkrippen, die Kinder ab sechs Monate nehmen, gibt es noch nicht sehr lange. Davor organisierten die Familien eine Betreuung außerhalb der angebotenen Modelle über die Familie oder über Tagesmütter. Das gleiche gilt in der Schullandschaft. Es haben sich Fördervereine durch die Eltern gegründet, um eine Betreuung der Schulkinder nach dem Unterricht zu gewährleisten, bevor die Politik auf diesen Umstand reagierte. Dies sind alles Dinge, welche sich in den letzten Jahren entwickelt haben – in einer Zeit der CDU-Regierung.

Als weiteres Argument in Sachen Bildung führte Bouffier an, dass die Menschen SPD wählen sollen, wenn sie auf pädagogische Experimente stehen würden. Ein Beispiel sei das „Schreiben nach Gehör“, was in seinen Augen nicht lustig sei. Ja, er hat Recht damit, dass dies (auch meiner Meinung nach) absoluter Blödsinn ist. Die ersten beiden Schuljahre sollen die Kinder nicht in der Rechtschreibung korrigiert werden, damit der Spaß am Lernen nicht verloren geht. Sie erarbeiten sich die Schrift anhand einer Anlauttabelle. Spätestens in der dritten Klasse fallen sie auf die Nase und der Spaß ist vorbei, weil sie auf einmal in ihrer Rechtschreibung benotet werden. Doch Bouffier täuscht sich, wenn er der Meinung ist, dies sei neu. Seit vielen Jahren wird schon an einigen Schulen im Landkreis die Rechtschreibung so vermittelt und ist keine neumodische Erfindung.

Ich finde es gut, wenn sich Parteien voneinander unterscheiden, so dass jeder Bürger auch eine wirkliche Wahlmöglichkeit hat und die Partei wählen kann, die seine Interessen am besten vertritt. Und dass manche Argumente überzogen werden, gehört wohl zum politischen Betrieb dazu. Aber die Argumente müssen stichhaltig sein. Sonst kann es schnell passieren, dass man das Vertrauen der Bürger nicht gewinnt, sondern verliert.

Den Beitrag zum Besuch von MP Volker Bouffier findet ihr unter „Es geht nicht um Berlin, es geht um uns“

 

 

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

5 Gedanken zu „Kommentar zum Besuch von MP Bouffier – Ansichtssache Bildung

  • 28. September 2018 um 20:22
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    Mit Verlaub, dass eine hat mit dem anderen nichts zu tun: Unbestritten besteht ein Bedarf an Betreuung für Alleinerziehende oder Paare, bei denen beide Elternteile berufstätig sind. Das heißt aber nicht, dass überall eine Ganztagesschule eingeführt werden soll geschweige denn muss.

    Der „Zwangsbeglückung“ der SPD steht eben das freiwillig zu wählende Angebot der CDU-geführten Landesregierung gegenüber, wenn dies von den Eltern gewünscht wird.

    Insofern ist es folgerichtig, wenn Ministerpräsident Bouffier diese beiden Konzepte, die auch ein unterschiedliches Menschenbild widerspiegeln, gegenüberstellt.

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    • 29. September 2018 um 5:18
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      Mir ging es auch nicht darum zu begrüßen, dass überall Ganztagsschulen hinkommen. Da habe ich eine eigene Meinung zu, vor allem, wenn es auch in die weiterführenden Schulen geht. Mir geht es um die Aussage, die SPD hätte diese bereits in ihrer Regierungszeit bis 1999 schaffen können. Da war aber einfach der Bedarf noch nicht da.

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  • 30. September 2018 um 20:33
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    Die Diskussion um Ganztagsschulen ist ja auch nicht erst seit der SPD-Grünen-Regierung 1995-1999 entstanden. Ich erinnere mich noch an die 1970er Jahre, als ein Grundschullehrer, damals noch SPD-Mitglied, später FWG über die SPD-Pläne für Ganztagsschulen schimpfte: „Da werden die Kinder ganz der Familie entzogen! Und was bleibt für unsere Vereine noch übrig?“ (Er war zeitweise Vorsitzender des Turnvereins). Und damals regierte die SPD noch flächendeckend fast ganz Hessen im Land und in den meisten Landkreisen, außer Limburg und Fulda!
    Aber selbst in den großen Städten hat es damals die SPD versäumt, diesen Programmpunkt umzusetzen; das ganze Geld ging in den Bau vieler Gesamtschulen. Selbst die hätten beim Neubau ja gut mit Mensen ausgestattet werden können Es gab sie auch tatsächlich, aber nicht flächendeckend! Und das wäre ja eine Voraussetzung für Ganztagsschulen gewesen!
    Und in den Städte wäre der Bedarf schon damals größer gewesen: geringere familiäre Strukturen für nachmittägliche Betreuung durch Omas, größere Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit außer Haus als auf dem Land sowie erheblich höhere Prozentzahlen an zu integrierende Ausländer- und „Unterschicht“-Kinder.
    Um Benachteiligungen auszugleichen, hätten Ganztagsschulen mit Betreuung bei den Hausaufgaben für die Kinder wertvolle Dienste leisten können, die zu Hause niemanden (deutschsprachigen) hatten, die/der Unterstützung beim Aufgabenerledigen sowie beim Lernen für Arbeiten helfen könnte.
    Allerdings täuscht man sich, wenn man glaubt, es gäbe einen ungebremsten Elternwunsch nach Ganztagsschulen: Einer der Hauptgründe gegen die G8-Regelung war neben der Verdichtung des Stoffes vor allem der zunehmende Nachmittagsunterricht schon ab der 5. Klasse! Viele Eltern wollten nicht, dass die Kinder schon von Anfang an nachmittags in den Schulorten bleiben mussten und erst z.T. nach 17 Uhr als Fahrschüler nach Hause kamen; und das ab der 6. Klasse an 2 Nachmittagen!
    Diese Schüler und Eltern wären über die 5tägigen Ganztagsschulen schon gar nicht erfreut.
    Natürlich könnte der Klavier- und andere Instrumentalunterricht, Ballett- und Sport in die Schule übertragen werden. Aber die vielen Sport- und Musik-Vereine auf den Dörfern würden Nachwuchs verlieren, denn solche Schulen wären zentralisiert. Es gibt also eine ganze Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, das Ganztagsschulsystem nicht am Eltern- (und Schüler-)Wunsch vorbei zu planen! Insofern gebe ich Bouffier und Al-Wazir eher Recht!

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    • 1. Oktober 2018 um 3:46
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      Vielen Dank für Ihren Einwand. Ich bin da ganz bei Ihnen. Ich bin auch gegen Ganztagsschulen. Ich selbst hatte in der Oberstufe auch mal Nachmittagsunterricht und für mich stellt es kein Problem dar, wenn meine Kinder mal bis zu acht Stunden haben. Aber eine Ganztagsschule jeden Tag bis vier Uhr präferiere ich nicht. Ich sehe teilweise, was bei herauskommt. Dann spielen die Kinder auf dem Schulhof und der Lehrer erledigt Schreibarbeit. Das hat für ich nichts mit einem qualitativen Angebot zu tun, das ist reine Betreuung.
      Ich merke aber auch in meinem Umfeld, dass Eltern diese fordern, weil ihre Kinder noch nicht alleine nach Hause dürfen. Es verschiebt sich ein wenig das Gefüge, habe ich das Gefühl, dass den Kindern nichts mehr zugetraut wird, dass sie sehr lange sehr behütet werden. Um sie wird ein Kokon errichtet und sie müssen betreut werden und das bis weit in die 8. Klasse hinein. Selbständigkeit wird ihnen abgesprochen.
      Daher muss ich nochmal sagen, dass ich den Kommentar nicht geschrieben habe, weil ich für Ganztagsschulen bin, sondern wegen der Argumentation.

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  • 1. Oktober 2018 um 21:19
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    Prima, dann sind wir ja nicht gar so weit auseinander. Es bleibt aber die Aussage, dass schon zu früheren SPD-Regierungszeiten die Ganztagspläne auf dem SPD-Papier standen und nur geringfügig umgesetzt wurden (andere Prioritäten: so viele Gesamtschulen wie möglich) und zum anderen meine Aussage, dass auch in den 1990er Jahren in den Großstädten ganz klar der Bedarf an Ganztagsschulen bestand (dort höhere Frauenerwerbsarbeits-Anteile, mehr Integrations- und Sprachlernbedarf als bei uns) und kaum erfüllt wurde. Im Raum Limburg-Weilburg haben Sie Recht, da steigt dieser Bedarf wohl noch nicht so früh an.

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