Kreisfrauenbeauftragte Ute Jungmann-Hauff: „Corona zeigt deutlich die fehlende Gleichberechtigung“

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Corona machte auf vielen Ebenen Defizite sichtbar, aber auch Chancen stecken in der Pandemie. Wie es speziell für die Frauen aussieht, darüber sprach ich mit der Kreis-Frauenbeauftragten des Landkreises Limburg-Weilburg, Ute Jungmann-Hauff.

Fehlende Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau

Sie setzen sich jetzt für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ein. Wo fehlt es denn?

Ute Jungmann-Hauff: Die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt für Frauen und Männer ist nicht gleich. Frauen haben einen schwierigeren Zugang. Auch wenn sie gut ausgebildet sind und gute Abschlüsse mitbringen, finden sie aufgrund ihrer Situation Frau zu sein und irgendwann Kinder zu bekommen, schwerer einen Job. Da hat sich in den letzten 30 Jahren noch nicht viel geändert, denn Frauen gründen irgendwann eine Familie. Dies ist ein großer Nachteil. Weiter geht es um die Bezahlung von Frauen. Frauen und Männer verdienen in den gleichen Berufen nicht das gleiche Gehalt. Frauen mit Familie sind gezwungen, in Teilzeit zu arbeiten. Auch Aufstiege und Karriere sind für sie schwieriger. Zudem machen Frauen neben ihrem Job auch den Hauptteil der Sorgearbeit und daher heißt es bis heute, dass Frauen nicht zu 100 Prozent im Beruf eingesetzt werden können.

Wie wirkt sich Corona auf diese gesellschaftliche Situation aus?

Ute Jungmann-Hauff: Die nichtexistierende Gleichberechtigung wurde durch Corona noch deutlicher. Die Benachteiligung der Frauen hat sich noch drastischer gezeigt. Daher wurde in Familien häufig nach dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt entschieden, wer im Lockdown zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Und da die Frauen häufig weniger verdienen, blieben diese zu Hause und übernahmen die Arbeiten wie Kinder unterrichten, Kinder versorgen und sich eventuell noch um Großeltern kümmern. Jedoch muss ich auch sagen, dass die Arbeitgeber super mitgespielt haben. Aber es hat gezeigt, dass die Wirtschaftlichkeit in der Familie eine Rolle spielt und dass die Frauen meistens die Sorgearbeit übernommen haben. Vielleicht hat dies ja wirklich was damit zu tun, dass die Frauen die Kinder bekommen. Das ist vielleicht so eine Grundeinstellung bei denen. Irgendwie wird es schon weitergehen. Ihren Männern haben sie den Rücken freigehalten.

Welche Auswirkungen von Corona haben Sie noch festgestellt?

Ute Jungmann-Hauff: Viele Frauen in befristeten Arbeitsverhältnissen haben den Vertrag nicht verlängert bekommen, die Verträge sind einfach ausgelaufen. Viele 450-Euro-Jobberinnen in der Gastronomie und im Handel hatten gar keine Arbeit mehr, weil alles herunter gebrochen ist. Manche Frauen waren dadurch zwangsweise zu Hause. Auch führte ich Gespräche mit Frauen, die aufgrund der wirtschaftlichen Situation nach der Elternzeit nicht zurück an ihren Arbeitsplatz konnten. Auch reduzierten Frauen ihre Arbeitszeit, um die Kinderbetreuung im Lockdown zu gewährleisten.

Vereinbarkeit rückt in den Vordergrund

Die Arbeitgeber haben während des Lockdowns gut mitgespielt, haben Sie gerade gesagt, es gab einheitliche Regeln. Jetzt kommen wir in die Phase der Unsicherheit. Einrichtungen und Eltern wissen nicht, wann darf ein Kind die Einrichtung besuchen, wann sollte es zu Hause bleiben. Wenn Kinder zu Hause bleiben müssen, benötigen Eltern ein Attest für ihren Arbeitgeber. Keiner weiß, wie lange diese Situation andauert. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Ute Jungmann-Hauff: Das ist ein ganz neuer Fall, der jetzt eingetreten ist und wir müssen neu lernen. Herbst und Winter stehen vor der Tür. Die Erkältungskrankheiten werden kommen. Der Arbeitgeber schaut sich das an und muss entscheiden. Ich hoffe, dass die Frauen dann die Chance erhalten, auch im Homeoffice arbeiten zu können. Bisher gibt es zehn Tage, die Frauen Kind krankmachen dürfen und nochmal zehn Tage für den Partner. Wenn die aufgebraucht sind, muss der Arbeitgeber in Corona-Zeiten die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie unterstützen. Die Frauen sollten alle Hilfe bekommen, die ihnen zur Verfügung stehen. Es sind ja alle unsicher. Ich hoffe, dass alle Arbeitgeber dafür Verständnis haben und dass die Vereinbarkeit in den Vordergrund rückt. Letztendlich dient ein gutes Miteinander auch dem Erhalt der Arbeitskraft der Frau.

Sie sagten gerade eben, dass es besonders die 450-Euro-Jobberinnen trifft. Können Sie dies noch etwas ausführen?

Ute Jungmann-Hauff: Die Krise macht gerade ganz deutlich, dass Frauen mit Kindern unter 14 Jahren, gerne auf diese 450 Euro Jobs gehen, um ein zusätzliches Einkommen zu generieren. Dieses Einkommen ist jetzt weggebrochen, es entsteht Panik, weil in der Familie Geld fehlt. Es sind viele Kosten in den Familien durch solche 450-Euro-Jobs abgedeckt worden wie die Miete für das Studentenzimmer oder die Finanzierung eines Hobbys. Dies bekomme ich hier in der täglichen Arbeit mit.

Es gibt unter anderem eine Untersuchung von der Arbeitsagentur Limburg-Wetzlar, dass 67 Prozent der Frauen über 65 Jahre neben dem Minijob kein weiteres Einkommen haben. Dies fällt jetzt alles weg. 2/3 der geringfügig Beschäftigten sind Frauen. Diese Situation tritt jetzt nochmal deutlich hervor.
Wir fordern seit über 30 Jahren eine Änderung in der geringfügigen Beschäftigung. Die 450-Euro-Jobs haben sich für einen zu großen Personenkreis geöffnet. Er sollte Studenten und Auszubildenden zur Verfügung stehen, aber nicht als Haupteinnahmequelle für Frauen. Deshalb lehnen wir diese Art der Beschäftigung frauenpolitisch ab.

Eine besondere Gruppe an Frauen, sind die Alleinerziehenden. Die konnten sich gar nicht die Frage stellen, ob sie oder der Mann zu Hause bleiben. Für die war dann diese Zeit doch dann auch nochmal besonders herausfordernd?

Ute Jungmann-Hauff: Das ist positiv an Corona, dass diese Gruppe in den Vordergrund gerückt wird. Im normalen Leben stehen sie nicht im Vordergrund und werden in eine Nische gerückt, wo sie nicht so auffallen. Corona hat nicht nur negatives, sondern hat viele Dinge öffentlich gemacht wie prekäre Arbeitsverträge oder auch die Gruppe an Menschen, welche überfordert sind – finanziell, psychisch, dies alles zu bewältigen.

Bessere Bedingungen für die Erwerbstätigkeit

Also zeigt Corona, dass die Bedingungen für erwerbstätige Frauen in Deutschland nicht stimmen?

Ute Jungmann-Hauff: Es zeigt ganz deutlich, wie wir in Deutschland Rahmenbedingungen für erwerbstätige Frauen total vernachlässigen. Wir kommen nicht voran mit der Betreuungssituation, wir kommen mit dem Schulsystem nicht weiter. Diese Themen bemängeln wir seit 30 Jahren. Im Kindergarten läuft es noch einigermaßen gut. Doch sobald die Kinder in die Grundschule kommen, fangen die Probleme der Erwerbstätigkeit an. Es gibt kein sicheres System der Grundschulbetreuung. In Deutschland wird der Weg hin zur Ganztagsschule immer wieder blockiert. Es gibt zwar immer wieder Modelle, aber es ist nicht gewollt. Und die Gruppe der Alleinerziehenden ist jetzt während Corona deutlich aufgeflogen. Teilweise haben sich die Frauen einfach zurückgezogen und gehofft, dass es irgendwie funktioniert und vorübergeht. Für sie gibt es bisher keine staatlichen Hilfen. Wir machen uns Gedanken, wie wir helfen können. Es braucht Strukturen und Netzwerke, die politisch aufgebaut und finanziert werden müssen.

Es ist für alle eine Herausforderung gewesen, weil wir sowas noch nie erlebt haben. Sowas hätten wir doch auch nie gedacht, dass uns ein Virus wirtschaftlich und gesellschaftlich lahmlegt.

Was sind ihre Wünsche in Anbetracht von Corona hier vor Ort und was allgemein für die Wirtschaft?

Ute Jungmann-Hauff: Vor Ort würde ich mir wünschen, dass wir für alle Kinder einen wohnortnahen Betreuungsplatz haben, so dass die Frauen die Wahlmöglichkeit haben, ob sie zu Hause bleiben oder arbeiten gehen möchten. Das ist vor Ort das allerwichtigste und dafür will ich mich voll einsetzen. Auch Firmen müssen in Limburg und im Landkreis ansiedeln können, um wohnortnahe Arbeitsplätze zu schaffen.
Frauenpolitisch wünsche ich mir, dass alle Menschen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen arbeiten, dass sie existenzsichernde Renten erwerben können, dass die Löhne ausreichen, dass die Menschen davon leben können, ohne prekäre Nebenjobs noch machen zu müssen. Dazu gehört auch eine Aufwertung der verschiedenen Berufe und eine gesellschaftliche Anerkennung der sozialen Berufe. Auch gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss endlich umgesetzt werden.

Arbeit als Kreisfrauenbeauftragte

Wie sieht ihre Arbeit als Kreisfrauenbeauftragte aus, um auch ihre Wünsche umzusetzen?

Ute Jungmann-Hauff: Das allerwichtigste ist, in die Bildung von Frauen zu investieren. Ich selbst mache sehr viel Bildungsarbeit und biete verschiedene Kurse an, z.B. um Frauen nach der Familienarbeit wieder stark in den Arbeitsmarkt zu bringen. Ich biete Bildungsforen für Frauen an. Diese gehen dahin, Frauen aus ihrem gewohnten Trott herauszureißen. Dies ist ein wichtiger Schritt, damit Frauen ihre Lage einschätzen können und sich gesellschaftlich weiterentwickeln. Ich kläre sie auch auf, was es bedeutet, nur einen 450-Euro-Job anzunehmen. Ich bin der Meinung, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist und mit Bildung nimmt auch die Entscheidungsfreiheit zu.
Seit gut 30 Jahren haben wir auch eine gut funktionierende Frauenkommission. Dort sitzen Frauen aus dem gesamten Spektrum des gesellschaftlichen Lebens im Landkreis. Dort werden frauenpolitische Themen eingebracht und diskutiert und wenn nötig durch den Landrat auf die politische Ebene gebracht. kann ich Themen einbringen und diskutieren

Arbeiten sie auch mit den Männern?

Ute Jungmann-Hauff: Das ist ebenfalls ein wichtiges Thema und ein Teil meines Jobs. Seit mehreren Jahren mache ich nicht nur Bildungsarbeit für die Frauen, sondern ich biete auch Seminare für Männer an. Da geht es darum, was einen Mann heute ausmacht. Wenn wir etwas in der Gesellschaft verändern wollen, müssen wir die Männer mit ins Boot nehmen und nicht nur die Frauen. Dies musste ich auch lernen, denn mein Fokus lag viele Jahre immer nur bei den Frauen.

Aber man muss auch die andere Hälfte der Gesellschaft betrachten. Daher ist es mir wichtig, dass Männer über Work-Life-Balance reden, vielleicht auch mal über Teilzeit nachdenken. Laut einer Untersuchung des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Institut im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung reduzieren nur 16 Prozent der Männer ihre Arbeitszeit für die Kinderbetreuung. Männer müssen ihre Rolle als Vater annehmen und sich eventuell ihre Rolle als Ernährer mit der Frau teilen. Da müssen auch neue Arbeitsmodelle her.

War Corona auch eine Chance?

Ute Jungmann-Hauff: In der Kreisverwaltung habe ich erlebt, dass wir Beruf und Familie vereinbaren können. Mit dem Lockdown konnten wir alle ins Homeoffice gehen. Vorher war die Einstellung nicht so vertreten. Plötzlich hatten wir über 80 Leute im Homeoffice. Und es funktionierte. Es hat ein Umdenkungsprozess stattgefunden. Im Juni mussten erstmal alle wiederkommen. Mittlerweile greift die Dienstverarbeitung „mobiles arbeiten“, welche im Januar verabschiedet wurde. Über 100 Mitarbeiter:innen arbeiten nun in unterschiedlichen Arbeits-Modellen im sogenannten Homeoffice. Ich denke, diese Beschleunigung hat Corona gebracht. Und ich glaube, dieses Umdenken wird in vielen Berufen stattfinden.

Zum Abschluss meint Ute Jungmann-Hauff: „Für mich ist es ein Erfolg, wenn die Frauen wissen, dass es uns gibt und dass sie hierherkommen können.“

Kontaktdaten Frauenbüro Kreis und Stadt

Kreisfrauenbüro Ute Jungmann-Hauff
Telefon 06431 296-131
E-Mail: frauenbuero(at)limburg-weilburg.de

Frauenbüro Limburg Carmen von Fischke
Telefon 06431 203-342

Steady


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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