Kritik an der Stadt – Wohnungsnot in Limburg

Eigentlich wollten die beiden Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/ Die Grünen sich einen Blick darüber verschaffen, ob die Gelder vom Sozialbudget des Landes Hessen vor Ort ankommen. Am Ende diskutierten sie mit einigen Bewohnern der Limburger Nordstadt über ihre Wohnsituation. 

„Es ist beschämend“, äußerte sich Kathrin Anders am Ende des Gespräches. Die grüne Landespolitikerin besuchte mit ihrem Kollegen Marcus Bocklet sowie zwei grünen Vertretern der Stadt Limburg das Nachbarschaftszentrum in Limburg. Sie wollten sich darüber informieren, welche Gemeinwesenarbeit vor Ort stattfindet. Den größten Raum des Termins nahm dann jedoch die Wohnsituation in dem Quartier ein.

Letzte Sanierung 80er Jahre

Früher war das Quartier eine Obdachlosensiedlung mit 400 bis 500 Bewohnern. Heute leben 2.500 Einwohner in der Nordstadt mit einem hohen Migrationsanteil. Über verschiedene Förderprogramm ist dort Wohnraum entstanden. Es existieren verschiedene Wohnbereiche. Es gibt Wohnblocks, welche einer Genossenschaft gehören und es gibt auch 50 Wohneinheiten verteilt auf über zehn Wohnblocks, welche der Stadt gehören. Diese sanierte in den 80er Jahren die Blocks und hat sich seitdem nicht mehr um diese gekümmert. Und so ist die Liste der Kritik sehr lang, welche die Anwohner äußern. Sie fühlen sich von der Stadt alleine gelassen.

Bereits von außen sehen die Gebäude nicht sehr gepflegt aus, Briefkästen sind kaputt, Klingeln im Dunkeln, Lampen über den Haustüren funktionieren nicht. Rollläden vermitteln einen unbewohnten Eindruck, doch laut Jürgen Eufinger, Leiter der Gemeinwesenarbeit Limburg-Nord, gebe es keinen Leerstand. Die Wohnungsnot in Limburg ist groß. „Durch die Fenster zieht es und ich weiß nicht, wie ich die Heizkosten bezahlen soll“, so die Anwohnerin Christel Butzbach. Früher war der Bewohnerrat an der Auswahl neuer Mieter mitbeteiligt, doch dies sei aktuell nicht möglich.

Sozialtour Bündnis 90/Die Grünen
Die letzte Sanierung fand in den 80er Jahren statt.

Aufgrund der großen Wohnungsnot und fehlender Notunterkünfte werden Wohnungen direkt weitervermietet, wenn sie leer werden. Dies sei eine enorme Belastung, so Gitte Büger, Mitarbeiterin im Nachbarschaftszentrum. Es finden permanente Einweisungen statt und die neuen Mieter passen sich nicht in die gesellschaftlichen Strukturen vor Ort ein. Und von manchen Bewohnern sehe man die Hinterlassenschaften noch Monate später auf der Straße. Das Ordnungsamt der Stadt Limburg habe eine Wohnung von Obdachlosen geräumt und Matratzen und Bettgestellt liegen seit Wochen auf dem Müllplatz und es tut sich nichts. Und wenn man bei der Stadt anruft, ändere sich dennoch nichts.

Stadt plant Sanierungen

Die Stadt möchte das Problem wohl angehen, zumindest klang dies bei dem Ersten Stadtrat Michael Stanke im Ausschuss für Familie, Jugend, Integration und Kultur durch. Die Stadt möchte demnächst einen Vorschlag unterbreiten, wie die Sanierung vonstattengehen soll. Eine Sanierung im Bestand ist nicht möglich. Daher soll auf einer Freifläche ein Haus errichtet werden, indem die Menschen dann einziehen, während die Wohnungen saniert werden. Wann es so weit sein wird, darüber besteht kein genauer Zeitplan. Die Anwesenden begrüßten diese Idee und hoffen auf eine schnelle Umsetzung. Immerhin geht es nicht nur darum, die Wohnungen ordentlich bewohnbar zu machen, sondern diese auch energetisch zu sanieren, um zu hohen Heizkosten entgegenzuwirken.

Andreas Pötz, grüner Stadtverordneter, sieht einen klaren Handlungsbedarf an dieser Stelle. Eine Lösung wäre eine mögliche Wohnungsbaugenossenschaft, die sich um die Gebäude kümmert. Bereits vor einem Jahr hätten die Grünen einen Antrag gestellt, eine Wohnungsbaugenossenschaft zu gründen, aber seitdem habe sich nichts getan. Jürgen Eufinger wünscht sich Unterstützung vom Land. In Limburg fehlt Wohnraum. Es werde zwar viel gebaut, doch alles im hochpreisigen Bereich. Der tatsächliche Bedarf, vor allem von sozialem Wohnraum, werde damit nicht gedeckt. Kathrin Anders sieht das Problem und kennt diese aus der eigenen kommunalpolitischen Tätigkeit. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Kommunen ihre Flächen häufig an die höchstbietenden Investoren verkauft, ohne Bedingungen für die Bebauung aufzustellen.

Sozialtour Bündnis 90/Die Grünen
Bei der Sozialtour von Bündnis 90/Die Grünen ging es in Limburg um bezahlbaren und guten Wohnraum

Und Marcus Bockelt weist darauf hin, dass es sich um ein kommunalpolitisches Problem handelt. Das Land habe Geld für sozialen Wohnungsbau bereitgestellt, daran scheitere das Thema nicht. Aber die Kommunen müssen diese Fördergelder auch abrufen. „Die Förderprogramm sind vorhanden. Sie müssen vor Ort laut werden, damit die Kommunen die Mittel abrufen“, bestärkt Anders die Anwesenden. Marcus Bocklet sieht in dem Kümmern um den Wohnraum auch eine Wertschätzung für die Bewohner für Ort. Und fühlen sich diese gewertschätzt, dann findet ebenfalls eine Identifikation mit dem Quartier statt. Dies stärkt wiederum den soziale Zusammenhalt.

Sozialarbeit wichtig vor Ort

Auch wenn die Wohnsituation den meisten Raum einnahm und zeigte, wie sehr das Thema brennt, hatte Jürgen Eufinger auch die Möglichkeit, die Arbeit im Nachbarschaftszentrum aufzuzeigen. Zwar erhalte das Nachbarschaftszentrum keine Gelder aus dem Sozialbudget, doch im Treffpunkt Blumenrod werde davon eine Stelle finanziert und auch in Weilburg fließen Gelder aus dem Sozialbudget. Die Stadt finanziert die Arbeit in der Nordstadt.

Zudem erhalte das Nachbarschaftszentrum Gelder aus dem Programm Löwenstark, womit Kinder besonders nach der Corona Pandemie besonders unterstützt werden sollen. Damit finanzieren sie vor Ort die Hausaufgabenhilfe, aber auch Aktionen für den sozialen Zusammenhalt. „Es kommt an und es ist wichtig, dass es sowas gibt“, so Eufinger. Gerade die Kinder der ersten und zweiten Klasse haben während der Pandemie gelitten und müssen jetzt einiges aufholen. Zwar habe es vom Landkreis Limburg-Weilburg Laptops für die Kinder gegeben, doch viele konnten diese aus verschiedenen Gründen wie fehlenden WLAN oder fehlende Medienkompetenz nicht nutzen, so dass sie jetzt aufholen müssen und Löwenstark helfe dabei, Defizite aufzufangen.

“Berührende” Sozialtour

Insgesamt sind fünf Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/ Die Grünen aktuell in ganz Hessen unterwegs, um vor Ort zu schauen, wie die Gelder ankommen. Marcus Bocklet, sozialpolitischer Sprecher, kam vor 15 Jahren in den Landtag und musste miterleben, wie der soziale Bereich radikal gekürzt und auf Null gesetzt wurde. Dies wollte er ändern und ist froh, dass das Sozialbudget inzwischen fest im Haushalt verankert und nicht mehr verkürzt werden kann.

Er fasst seine Erfahrungen der Tour mit einem Wort zusammen: „Berührend.“ Er findet es faszinierend zu sehen, was mit 80.000 bis 100.000 Euro vor Ort umgesetzt werde. Damit erhalten die Menschen das Gefühl, dass sich um sie gekümmert wird und dies stärke den sozialen Zusammenhalt. „Jeder Euro ist richtig angelegt“, so Bocklet. Und Kathrin Anders warf nochmal einen Blick speziell auf die Familienzentren. Diese erhalten eine Förderung von jeweils 18.000 Euro. Familienzentren sind Anlaufstelle, unterstützen Integration von Anfang an und bieten daher einen großen Mehrwert. Diese Arbeit zu unterstützen sei sehr wichtig.

Passend zum Thema Wohnungsbau kam eine Pressemitteilung der IG Bau, die zwar sieht, dass sich was tut, aber die für mehr sozialen Wohnungsbau wirbt.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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