Kritik an Impfpraxis – Kreis möchte keinen Impfstoff verschwenden

In den sozialen Netzwerken kam Kritik auf, dass Menschen geimpft werden, welche nicht in der Priorität bis oben stehen und andere, die warten, leer ausgehen. Auf Nachfrage beim Kreis erklärte dieser, es soll kein Impfstoff verschwendet werden.

Die Diskussionen um den Impfstoff reißen nicht ab. Die Impfdosen im Landkreis und deutschlandweit sind Mangelware. Dennoch wollen viele Menschen, dass es endlich losgeht. Stand heute (23. Januar) haben 2190 Menschen im Landkreis die erste Impfung erhalten. Aufgrund der Knappheit des Impfstoffs sei es derzeit jedoch nicht möglich, alle Menschen in den Senioreneinrichtungen bis Ende Januar zu impfen (Quelle Pressemitteilung Landkreis). Im Landkreis gibt es 31 stationäre Altenpflegeeinrichtungen (APE), die ambulanten Alten-Tagespflegeeinrichtungen nicht mitgezählt. In 19 Einrichtungen gab es bereits Impfungen, in 12 Einrichtungen noch nicht. „Sollte die Impfdosenzuteilung, wie vom Ministerium angekündigt, erfolgen, so benötigen wir noch bis Mitte Februar, um in allen stationären Altenpflegeeinrichtungen zu impfen“, so Pressesprecher Jan Kieserg auf Nachfrage.

Wer darf eine Impfung erhalten?

Eine Prioritätenliste gibt die Reihenfolge der zu Impfenden vor. Diese besagt, dass im ersten Schritt Bewohner und Mitarbeiter von Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie Mitarbeiter in den Krankenhäusern. Wenn der Impfstoff knapp ist und noch etliche Personen aus der Prioritätenstufe eins auf eine Impfung warten, dann kann Ärger aufkommen, wenn herauskommt, dass scheinbar unberechtigte Personen bereits von der Impfung profitierten. Diesen Ärger machten sich einige in den sozialen Netzwerken Luft. Es sei eine Frechheit, dass Ehrenamtliche mit auf die Liste eines Seniorenwohnheimes gesetzt werden, um sich impfen zu lassen, war zu lesen. Oder Leitungen von Altenwohnheimen würden ihre Position missbrauchen, um Freunde und Bekannte impfen zu lassen. Dies sei nicht nur eine bodenlose Unverschämtheit, sondern eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.

Impflinge durch fünf teilbar sein

Bei der Kreisverwaltung nachgefragt, hat diese eine Erklärung für diesen Zustand. Es geht bei der ganzen Impfkampagne darum, keinen Impfstoff zu verschwenden. Daher kann es dazu kommen, dass neben den Einrichtungen und dem Personal weitere Personen die Impfung erhalten, wenn noch Impfstoff über ist. Dies wird nötig, weil die Handhabung des BioNTech-Impfstoffes schwierig ist. Dauerhaft (sechs Monate) ist er nur bei -80 Grad Celsius lagerfähig. Wenn der Auftauprozess begonnen hat, ist eine Lagerung des Impfstoffs für 120 Stunden im Kühlschrank möglich. Nach der Zubereitung ist kein Transport oder Erschüttern mehr erlaubt. Im aufgezogenen Zustand vor Ort muss die Impfung innerhalb einer Stunde passieren. Ein zusätzliches Problem entsteht durch das Mehrfachdosenbehältnis (Vial) der Firma BioNTech. In diesem sind mindestens fünf Impfdosen enthalten. Das heißt, die Zahl der Impflinge muss in der Regel durch fünf teilbar sein, erläutert der Pressesprecher die Handhabung.

Die Altenpflegeeinrichtungen sind im November 2020 vom Ministerium angeschrieben worden mit der Aufforderung, die für die Impfung erforderlichen Unterlagen vorzubereiten und letztendlich nur die Anzahl, ohne weitergehende Informationen, der im jeweiligen Heim zu impfenden Bewohner:innen sowie des Personals an die Impfzentren zu übermitteln. Die ersten Impfungen wurden für den 27. Dezember 2020 terminiert, jedoch nur einzelne Einrichtungen meldeten das vollständige Vorliegen der erforderlichen Impfunterlagen zurück. Die Impfspritzen wurden mithilfe eines ambulant tätigen Apotheker-Teams vor Ort zubereitet.

Stand-by-Impfliste

Das Ministerium wies zudem die Mobilen Impfteams an, eine Stand-by-Mailingsliste zu führen. Diese kommt kurzfristig zum Einsatz, wenn nach dem Impfen von Bewohner:innen und Personal noch Impfdosen übrig sind, wenn z.B. die Zahl der Impflinge nicht durch fünf teilbar ist. Dies soll dazu führen, dass nichts von dem wertvoll Impfstoff verfällt. „Nur aus diesem Grund kam es in Einzelfällen dazu, dass nicht in Einrichtungen wohnende / arbeitende Personen kurzfristig in die Einrichtungen einbestellt wurden, um innerhalb einer halben Stunde die Impfdosen zu verimpfen und sie so vor dem Verfall zu bewahren“, erläutert der Pressesprecher auf Nachfrage.

Aus den in der ersten Impfwoche gemachten Erfahrungen hat der Landkreis die Prozesse im Rahmen der aufsuchenden Impfungen durch die Mobilen Teams angepasst. Entgegen der Anweisung des Ministeriums, verlangen wir seitdem von den Einrichtungen vorab eine vollständige Namensliste der zu impfenden Personen, und insbesondere bei dem Personal unter Nennung der Tätigkeit, um die Priorisierungsstufe zu überprüfen, soweit uns dies möglich ist.

Zudem hat die Kreisverwaltung eine Stand-by Impflingliste. Die Mobilen Teams sowie der Apotheker haben die Anweisung, nur nach Rücksprache mit dem Impfzentrum von der Standby-Impflingliste einzubestellen. Zu guter Letzt habe der Landkreis die Herstellung des Impfstoffes angepasst. Fast aus jedem Mehrfachdosenbehältnis der Firma BioNTech könne er dadurch sechs anstatt fünf Impfdosen gewinnen. „Dadurch generieren wir ein Plus an absoluten Impfdosen“, so Kieserg abschließend.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

One thought on “Kritik an Impfpraxis – Kreis möchte keinen Impfstoff verschwenden

  • 23. Januar 2021 um 11:31
    Permalink

    Danke für diese umfassende, nachvollziehbare Erläuterung.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.