Lesung „Zwischen Glück und Grauen“ – Ein Buch gegen das Vergessen

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Die Kulturenwerkstatt Limburg hat in Zusammenarbeit mit Demokratie leben im Rahmen der 1. Limburger Woche der Demokratie zu einer Lesung mit Marie-Louise Lichtenberg eingeladen. Die Autorin war fünf Jahre in Europa unterwegs, um die Geschichten der Überlebenden der nationalsozialistischen Diktatur aufzuspüren. 

„Lassen Sie unser Schicksal nicht in Vergessenheit geraten. Uns gibt es bald nicht mehr. Dann müssen Menschen wie Sie die Aufgabe des Erinnerns übernehmen.“ Dies bekam Marie-Louise Lichtenberg häufig zu hören und dieser Aufgabe hat sie sich angenommen. Fünf Jahre ist sie durch Europa gereist, um Überlebende der nationalsozialistischen Diktatur zu treffen und sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Sie sprach mit Opfern des Holocaust, mit Kriegsopfern und mit Menschen des Widerstands. „Ich wollte herausfinden, was gleichzeitig in den unterschiedlichen Bereichen passierte“, so die Autorin zu Beginn der Lesung.

Aufarbeiten, um nicht zu vergessen

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich und doch ähneln sie sich sehr. Egal, was die Menschen im Krieg erlebt haben – es hat sie ihr ganzes weiteres Leben geprägt. Lange haben sie geschwiegen, um zu vergessen. Um dann festzustellen, dass Reden gut tut und es wichtig ist, der jungen Generation davon zu erzählen. „Es ist wichtig, dass wir die Fragen der Kinder beantworten, sonst machen es andere und das könnten die falschen sein“, so Marie-Louise Lichtenberg.

In dem Raum der Kulturenwerkstatt waren etliche Besucher gekommen, um sich die Lesung im Rahmen der 1.Limburger Woche der Demokratie anzuhören. Obwohl sie mit verschiedenen Menschen sprach, die die Nazizeit erlebten, beschränkte sie sich an dem Abend auf die Portraits der Menschen, die den Holocaust überlebten. Es waren bedrückende Zeilen, die sie vorlas. Man kann nur erahnen, wie die Gespräche selbst gewesen sein müssen. Lichtenberg selbst sprach davon, dass es keine einfachen Gespräche waren und dass sie nie wusste, was sie erwartete. Aber sie habe auch sehr viel Gutes erfahren, völkerverbindendes. Hass sei ihr nie begegnet. Sie habe Offenheit erfahren und das Bedürfnis der Menschen gespürt, dass die Erlebnisse erzählt werden. Sie äußerte sich dankbar, dass sie sehr viel Hilfe erfahren habe. Ein Anliegen ihrer Interviewpartner war gewesen, dass Buch in mehreren Sprachen zu veröffentlichen, dann „in der Muttersprache lassen sich manche Dinge anders ausdrücken.“

Vergessen ist die wahre Gefahr

Es werde gefährlich, wenn die Menschen vergessen, was damals geschah. Und so erzählte Marie-Louise Lichtenberg von dem Sinti Hugo Höllenreiter, welcher Ausschwitz und Bergen-Belsen überlebte. „Ausschwitz war schlimm, Bergen-Belsen war schlimmer“, zitierte sie ihn. Er musste leider auch nach dem Krieg Ausgrenzung erfahren, denn bis in die 90er Jahre war es geschichtlich überhaupt kein Thema, dass auch Sinti und Roma Opfer des Nazi-Regimes waren. Ihnen wurde vorgeworfen, sie würden die Geschehnisse erfinden, um sich wichtig zu machen. Und so erhielten sie auch keine Entschädigungen. Sie sprach mit Ceija Stojka, die zur gleichen Zeit wie Höllenreiter in Bergen-Belsen war und bis heute ein Magenproblem hat, weil sie von Leder über Erde alles aßen, um nicht zu verhungern. Die beiden kamen in Kontakt, doch ein Erkennen gab es nicht: „Wir waren damals nur mit uns selbst und unserem eigenen Überleben beschäftigt.“

Persönliche Verbindungen

Eine Geschichte betraf sie persönlich, denn in ihrem Heimatort Waldrach gab es auch eine jüdische Familie, doch wenn sie nachfragte, erhielt Lichtenberg nie eine Antwort. „Es kann doch aber nicht sein, dass eine Familie einfach so verschwindet?“, diese Frage quälte sie lange. Dann wurden 2007 Stolpersteine für diese Familie verlegt und sie traf einen Verwandten. Und so erhielt die Autorin endlich Fragen auf ihre Antworten. Joop Levy hat ein ähnliches Schicksal wie Anne Frank hinter sich, wurde mit seiner Familie die ganze Zeit versteckt und konnte so überleben.

Trudi Simonsohn, heute mit 98 Jahren in Frankfurt lebend, merkte immer wieder in ihrer Erzählung an, dass sie nie die guten Dinge vergessen werde, welche ihr in der Zeit der Verfolgung geschehen seien. Sie war in Böhmen Mähren aufgewachsen, wurde wegen Hochverrats verhaftet und kam nach Theresienstadt, wo sie in einer Art Kinderheim arbeiten musste. „Wir haben die Kinder erzogen, als ob wir im normalen Leben wären und nicht in einem Lager.“ Sie versuchten die Kinder heimlich zu unterrichten und es wurde sogar eine Kinderoper einstudiert, erinnerte sich der Zeitzeuge Alfred Holzer. Trude Simonsohn erzählte aber auch, dass ihre Erinnerungen an Ausschwitz weg sind. Ihr letzte Erinnerung daran sei: „Jetzt möchte ich tot umfallen und zu allem spielte die Musik.“

Eine ganz andere Geschichte war die der Elke-Hannah Dutton. Um ihr Leben zu schützen, schickte ihre Mutter sie und ihren Bruder mit einem Kindertransport nach England. Sie selbst habe keine Erinnerung an ihre frühe Kindheit und kenne diese nur aus Erzählungen der Mutter. „Was meine Mutter gelitten haben muss, wurde mir erst nach und nach bewusst.“ Sie erzählte, dass auch dies Auswirkungen auf ihr Leben hatte, denn die zerbrochenen Bindungen wirkten sich auf jede Beziehung aus.

Berührende Lesung

Es war eine sehr berührende Lesung, bei der die Zuhörer mit verschiedenen Schicksalen konfrontiert wurden. Am nächsten Tag war die Autorin noch in der Adolf-Reichwein-Schule, um mit Schülern ins Gespräch zu kommen. Von ihren Zeitzeugen erzählte sie ebenfalls, dass diese in die Schulen gehen und über das Erlebte berichten. Für viele ist dies eine weitere Art, das Geschehende zu verarbeiten. Und die Schüler reagierten sehr unterschiedlich auf das Gehörte. Aussagen wie „Ich konnte nicht glaube, dass sie dies alles erlebt haben“ oder „interessant, aber auch sehr traurig“, waren nur einige Reaktionen. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und nicht zu vergessen. Denn sowas darf nie wieder geschehen.

Marie-Louise Lichtenberg „Zwischen Glück und Grauen“*
24 Euro, ISBN 978-3869061412

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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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