Lokalgespräch mit Lisa Böcher und Kay Kramm: Wir sind mehr als nur Nachhilfe

In Elz gibt es seit drei Jahren das LernForum in der Limburger Straße. Wo ehemals ein Architekturbüro untergebracht war, können Kinder heute Nachhilfe bekommen. Doch Schüler finden dort nicht nur die reine Nachhilfe, sondern auch einen Wohlfühlort, wo sie ein Stück weit auf ihrem Weg begleitet werden.

Dies ist recht ungewöhnlich für einen solchen Ort. Zudem stehen mit Lisa Böcher und Kay Kramm zwei Personen hinter dem Lernforum, die ursprünglich nicht aus dem Lehrermetier kommen. Daher habe ich nachfragen, was sich hinter dem LernForum verbirgt.

Lisa, du bist ausgebildete Erzieherin. Gab es einen Schlüsselmoment, wo du gesagt hast, dass du etwas anderes machen möchtest?

Lisa Böcher: Auch wenn ich in der Kindertagesstätte gearbeitet habe, lag mein Schwerpunkt in der Erzieherausbildung bei älteren Kindern. Es hat mir im Kindergarten sehr viel Spaß gemacht, doch ich habe mich im Nachhinein entschieden, das Studium zur sozialen Arbeit weiterzumachen. Dieses Studium legte nochmal einen ganz anderen Kontext, einen anderen Schwerpunkt fest. Über diese Schiene bin ich in Wiesbaden-Biebrich in die Schulsozialarbeit eingestiegen. Dort hatte ich die Arbeit in der Schule kennengelernt und erfahren, wie wichtig es ist, Pädagogik auch in den Schulkontext zu integrieren. Ich lernte, die Schüler in ihrer Lebenswelt abzuholen. Ich glaube, das war mein Schlüsselmoment. Der Kindergarten hat mir Spaß gemacht, aber in der Schule habe ich nochmal ein anderes Arbeitsfeld kennengelernt.

Eigene Bildungsweg als Knackpunkt

Kay, du schreibst, dass du schon während deiner eigenen Ausbildung zum Koch gerne Dinge weitergegeben hast. Nun ist es aber ein Unterschied, ob du jemanden beibringst, wie er die perfekte Soße kreiert oder mit welchen Methoden er am besten lernt. Wo war bei dir der Knackpunkt?

Kay Kramm: Ich würde sagen, auch ein Blick auf unsere Schullaufbahn ist bei dieser Frage sehr spannend. Ich habe selbst alles mitgenommen. Ich war auf dem Gymnasium, bin von dort auf die Realschule und auf die Hauptschule runter. Danach bin ich den ganzen Weg wieder hochgekrabbelt. Dies war der erste Knackpunkt. Ich kann mich sehr gut in die Lage versetzen, wenn man mit dem Schulalltag mal nicht zurechtkommt. Ich hatte das Gefühl, wenn man nur ein wenig abweicht, dass man Probleme bekommen kann. Die Ausbildung war wichtig für mich, weil ich ganz bodenständige Dinge gelernt habe. Der wichtigste Knackpunkt war somit mein eigener Bildungsweg. Meine eigenen Erfahrungen mit Scheitern sowie Erfolgen bringt mich jeden Tag dazu, Schüler auf ihrem schulischen Weg zu unterstützen.

Neben diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was die Initialzündung war, das Lernforum aufzubauen.

Kay Kramm: 2014 kam bei uns das Gefühl auf, dass etwas fehlt. Wir beide hatten selbst immer Nachhilfe. Wir waren uns einig, dass es nicht nur darum geht, den Kindern das Wissen einfach rein zu pauken. Es muss das Ganzheitliche gesehen werden.

Lisa Böcher: In Wiesbaden habe ich mitbekommen, was möglich ist. Durch die Schulsozialarbeit konnten Schüler aufgefangen werden. In der Schule ist es schwierig, mit dem Kind unbefangen über das fachliche hinaus umzugehen. Daher ist die Schulsozialarbeit ein wenig die Mitte zwischen Schule und Kind. Und hier können wir einsteigen, ein offenes Ohr haben und die Kinder in ihrer Lebenswelt abholen. Wir erleben oft, dass viele hier reinkommen und verwundert sind, wie es hier aussieht.

Kay Kramm: Viele fragen uns, ob wir hier wohnen (lachen)

Suchen auch die Eltern mal Rat bei euch?

Lisa Böcher: Das haben wir häufig und die Nachfrage ist riesig. Das ist eigentlich ein Alarmsignal und bringt uns zum Grübeln. Leider können wir das System nicht ändern. Wir merken die Hilflosigkeit auf allen Seiten.

Mit 25 Euro seid ihr auf dem ersten Blick nicht günstig. Aber bei euch gibt es mehr als nur die reine Nachhilfe?

Lisa Böcher: Für uns ist es manchmal schwierig, nach außen zu transportieren, dass wir mehr sind, als einfach nur Nachhilfe. Wir integrieren die Sozialpädagogik in unser tägliches Denken und Handeln. Des Weiteren wird jedes Kind individuell betrachtet.

Kay Kramm: Unser Ziel ist es, Schüler weit über das Fachliche hinaus zu unterstützen. Unsere Arbeit ist nicht beendet, wenn er oder sie eine Aufgabe rechnen kann. Wir dienen als Ansprechpartner für die Fragen, die neben dem schulischen Alltag eine wichtige Rolle für die ganze Familie spielen. Wo geht es für mein Kind hin, welche Tipps oder Einschätzungen können wir geben. Das ist neben der reinen Nachhilfe, ein wichtiger Eckpfeiler unserer Arbeit. Des Weiteren wollen wir die Eltern und Kinder nicht mit Verträgen binden, sondern mit Qualität.

Nach eurer ersten Ausbildung habt ihr beide ein Studium angeschlossen. Seid ihr damit fertig?

Lisa Böcher: Ich ja, ich bin Sozialpädagogin. Ich sitze gerade an meinem Master „Soziale Arbeit und Bildung“.

Kay Kramm: Ich habe noch 3 Semester und bin dann Berufsschullehrer.

Ihr habt das Lernforum neben Eurem Studium aufgebaut?

Lisa Böcher: Ja. (lacht)

Kay Kramm: Morgens ist Uni angesagt und nachmittags LernForum.

Wie sieht es dann nach dem Studium aus?

Kay Kramm: Ich werde nach meinem Studium in einer Schule einsteigen. Aber der Wunsch wäre, vormittags an der Schule zu unterrichten und nachmittags weiterhin im LernForum tätig zu sein.

Lisa Böcher: Das werden wir häufig gefragt. Das Studium dient in erster Linie unserer weiteren Ausbildung, um so facettenreich wie möglich aufgestellt zu sein. Wir lernen nie aus und daher sehen wir es als Chance, sich nebenbei neue Methoden anzueignen, die nachfolgend auf unseren Betrieb transferiert werden können.

Kay Kramm: Das LernForum ist eine absolute Herzensangelegenheit. Auch, dass wir die Räume von meinem Vater weiter genutzt haben. Wir bleiben auf alle Fälle hier. Wir besitzen das große Glück, einen positiven Einfluss auf die Karrieren von jungen Menschen zu haben. Sie dabei begleiten zu dürfen, lassen wir uns nicht mehr nehmen.

Kommt ihr von den Kapazitäten her an eure räumlichen Grenzen?

Kay Kramm: Es ist schwankend. Wir haben Tage, die sind sehr voll, wo wir noch Räume gebrauchen könnten. Aber wir haben auch Tage, wo weniger los ist. Es pendelt sich ein. Wir müssen schauen, wie es weitergeht.

Größte Herausforderung

Was war die größte Herausforderung für Euch?

Lisa Böcher: Manchmal auch Ablehnung zu erfahren. Das war unser „Baby“, was wir geboren haben und dann kamen am Anfang auch mal kritische Stimmen. Das war schon stressig und darauf waren wir nicht vorbereitet. Es ist auch manchmal für uns als Paar stressig und schwierig, abends zu Hause abzuschalten.

Kay Kramm: Das System lässt oft nicht viel Freiraum, daher macht es manchmal mürbe, wenn wir strikt an Lernanforderungen arbeiten müssen. Es gibt Zeiten innerhalb des Schuljahrs, was nichts anderes zulässt.

In vielen Bereichen werden die Vorwürfe lauter, dass Eltern die Verantwortung abgeben. Habt ihr dieses Gefühl auch?

Kay Kramm: In einem gewissen Maße schon. Aber nicht negativ. Sie bringen uns das Vertrauen entgegen, dass wir uns dem Kind annehmen sollen. Das versuchen wir auch herüber zu bringen. Die einen sind sehr eng am Kind und manchmal auch zu viel. Und es gibt die Eltern, die sich zurücknehmen. Die Eltern übergeben uns ihr Kind, weil sie selbst nicht weiterkommen oder sich einfach Unterstützung wünschen. Und da wollen wir sie unterstützen.

Lisa Böcher: Man merkt auch, welcher Druck auf Elternseite lastet. Sie werden selbst nicht so richtig in der Schule gehört. Es findet leider wenig Kooperation zwischen Eltern und Schule statt, so erleben wir es. Dies ist natürlich eine subjektive Wahrnehmung aufgrund von Rückmeldungen. Manche Eltern sagen, sie sind emotional zu nah dran und würden das gerne abgeben. Manche wünschen sich schnellen Erfolg und müssen lernen, dass es manchmal auch ein wenig dauert.

Habt ihr zu allen Kindern einen guten Zugang?

Lisa Böcher: Das ist eine interessante Frage. Es ist spannend zu beobachten, wo sich die Kinder platzieren, wenn sie kommen. Manche kommen am liebsten hinter die Theke zu uns und andere setzen sich mit dem Rücken zur Theke und warten nur auf ihre Stunde. Wir geben den Kindern Zeit und Raum. Irgendwann öffnen sich die Schüler von ganz alleine. Wir würden uns den Kindern nie aufdrängen.

Kein Kind kommt freiwillig zur Nachhilfe, sondern erstmal mit Zwang. Wie löst ihr dies?

Kay Kramm: Wir haben immer ein Vorgespräch, um das Kind kennen zulernen. Da lernen wir das Kind und das Kind uns kennen. Dabei schauen wir bereits mit einem Blick, welcher Nachhilfelehrer passen würde. Wir haben einen gewissen Pool an Nachhilfelehrern und können daher auf alle schulischen und persönlichen Aspekte eingehen. Des Weiteren interessieren wir uns für die Lebenswelt der SchülerInnen und erkennen oft parallelen zu unseren Interessen. Dieser Aspekt baut Vertrauen auf und lässt diesen „Nachhilfe-Charakter“ in den Hintergrund rücken.

Bei den Nachhilfelehrern schaut ihr auch, ob die eure Idee mittragen?

Lisa Böcher: Am Anfang hatten wir auch ausgebildete Lehrer im Team, weil wir dachten, dass dies die Eltern gerne sehen würden. Aber das fanden die Kinder abschreckend und das hat uns aufhorchen lassen. Inzwischen sind wir ein sehr junges Team, mit viele Studenten. Das ist ein Schlüssel, um eine Beziehung aufzubauen. Wir geben unsere Leitidee vor, möchten aber das sich jedes Teammitglied frei entfalten kann. Und wenn dann die Kinder nach der Stunde noch bleiben, zeigt dies, dass sie gerne kommen. Diese Basis schaffen unsere Lehrer und wir.
Die Schüler können bei uns auch mal ihren Frust ablassen und es bleibt in unseren Räumen.

Gibt es Ziele oder Wünsche, wo ihr noch hinwollt? Was ihr realisieren würdet?

Lisa Böcher: Mein absoluter Wunsch wäre eine Kooperation mit den Schulen, um auch von den Schulen zu erfahren, wie das Kind ist. Solche Kooperationen kamen schon vor, aber sowas können wir an einer Hand abzählen. Dies ist schleppend. Wenn wir Kontakt haben, ist dies gewinnbringend. Wir wollen die Schüler nicht abstempeln, sondern finden es interessant, wie unterschiedlich sich die Kinder in Schule und bei uns zeigen. Eventuell können wir ja den Lehrern auch etwas abnehmen.
Außerdem würde ich sehr gerne noch mehr soziale Arbeit hier integrieren. Ich würde auch gerne mal die Eltern zusammenbringen, damit die sich auch austauschen können. Und ich möchte auch gerne geschlechterspezifisch arbeiten. Auch beim Übergang von der Schule zum Beruf geht noch was. Die Bandbreite ist riesengroß. Aber unsere Arbeit ist noch unbekannt hier in der Gegend, so meine subjektive Meinung. Daher bleiben wir auch nicht stehen, sondern entwickeln uns weiter.

Du sprichst von der geschlechterspezifischen Arbeit. Ihr habt ja eine Mädelsgruppe gehabt? Woran ist es gescheitert?

Lisa Böcher: Es ist schwierig, den Erfolg an etwas festzumachen. Sozialpädagogik wird immer abgestempelt als Gerede. Aber wir können das soziale Gefüge in die Arbeit mit einzubeziehen und den Kindern bei der Entwicklung helfen. Dies kam bei den Eltern nicht so rüber und wurde daher noch nicht so akzeptiert. Da möchte ich gerne wieder hin.
In der Schule selbst können wir die Schüler anders erreichen. Bei uns ist es aber eine freiwillige Geschichte, die auch noch was kostet. Da ist die Hürde höher. Sicher spielt mangelnde Zeit auch eine Rolle.

Kennt ihr solche Konzepte wie ihr es realisiert auch von anderen Einrichtungen?

Kay Kramm: Nein, wir haben bisher von ähnlichen Umsetzungen nicht gehört.

Also könnt ihr euch auch nicht mit anderen austauschen?

Lisa Böcher: Wir lernen aus unseren Erfahrungen und dem Feedback an uns.

Kay Kramm: das Feedback der Eltern sowie SchülerInnen lernen wir immer wieder neu. Alles was wir machen, besprechen wir im Team. Ich glaube, dass diese enge Zusammenarbeit und das regelmäßige Reflektieren auch ein großes Geheimnis unseres Erfolges ist.

Sind das nur Lehramtsstudenten in eurem Team?

Lisa Böcher: Nein, unsere Nachhilfelehrer sind bunt gemischt: BWLer, Mediziner und auch Lehramtsstudenten.

Wie bekommt ihr den Einblick, ob es passt?

Kay Kramm: Wir schauen uns zunächst die Laufbahn an. Dabei muss es für uns nicht immer der direkte Weg sein. Noten allein sagen nichts über das Vermitteln von Inhalten aus. Wir suchen junge und aufgeschlossene Menschen und schauen in den Gesprächen, ob Sie menschlich und fachlich in unser Team passen. Dazu kommt noch unsere Personalabteilung „Schüler“. Kinder sind absolut ehrlich und daher bekommen wir direkt das Feedback, ob der Nachhilfelehrer zu ihnen passt oder nicht.

Lisa Böcher: Wir sind wahnsinnig viel in der Kommunikation und fragen nach jeder Stunde nach. Damit bleiben wir dran und erfahren, wie der aktuelle Stand ist. Wir wollen uns nicht über die Dinge stellen, aber wir lernen auch viel über unser Team.

Lisa hat schon eine ganze Liste an Wünschen verraten. Was sind deine Wünsche Kay?

Kay Kramm: Wie Lisa bereits gesagt hat, strebe auch ich eine Erweiterung unserer außerschulischen Arbeit an. Wenn die Kinder vor Ort sind, dann möchten wir, ausgeklammert von der Schule, mit ihnen arbeiten. Ein großes Interesse ist das Anbieten einer Kochgruppe oder Kursen. Kinder an Ernährungsbildung teilhaben zu lassen, birgt eine große Chance und kann sich sehr positiv auf ihre Leistungsfähigkeit auswirken. Des Weiteren würde ich gerne als angehender Berufsschullehrer noch mehr auf die Berufsschule eingehen und Fächer anbieten, die nicht in der klassischen Nachhilfe zu finden sind, wie z.B. Ernährungslehre. Ich wünsche mir ein breiteres Spektrum, um auch Einblicke in Berufe zu zeigen. SchülerInnen wissen oft nicht, was nach der Schule kommt. Die Kooperation mit Betrieben wäre hier ein Ansatzpunkt, um SchülerInnen eine Perspektive zu geben. Für diese Perspektiven reichen die vorgeschriebenen Praktika oft nicht aus.
Es ist schön, Kinder auf ihrem Lebensweg zu begleiten und zu sehen, wo es für die Kids hingeht. Das ist der schönste Aspekt unserer Arbeit. Uns besuchen noch immer gerne auch ehemalige Schüler und sagen Hallo. Das ist berührt uns sehr und ich hoffe, dass wir dies nie verlieren.

Mehr zum Lernforum erfahrt ihr auf der Homepage sowie auf der Facebook-Seite der beiden.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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