Michael von Kunhardt: Alltagsroutine für mentale Stärke

Der Lockdown zieht sich weiter hin, der nächste Termin für mögliche Lockerungen ist der 18.April. Aber auch dann wird es noch keinen Rückgang in die Normalität geben. Für manchen bedeutet diese Situation eine enorme psychische Belastung.

Fast ein Jahr befinden wir uns in diesem Zustand und Gefühle wie Hilflosigkeit und Isolation führen zu einer bedrückenden Hoffnungslosigkeit. Im Gespräch gibt Michael von Kunhardt, der bundesweit tätige Mentalcoach für Profisportler, Business-Menschen und Privatpersonen, Tipps, wie man sich mental stärken kann.

Wenn Sie Sportler coachen, geht es um Erfolge. In der jetzigen Situation geht es nicht um Erfolge und Leistungen. Wie passt es zusammen, dass Sie für die jetzigen Personen Tipps geben möchten?

Michael von Kunhardt: Die Frage ist, was ist Erfolg. Den Erfolg im Sport mit Ergebnissen, Zahlen und Medaillen ist das eine. Dabei unterstütze ich die Sportler. Aber dem stelle ich ein Erfolgsziel oben drüber. Und dies gebe ich sehr gerne in allen Bereichen weiter. Für mich persönlich ist der größte Erfolg, im Leben glücklich zu sein. Dies hängt damit zusammen, Potentiale und Chancen zu leben. Die Sportler, mit denen ich zusammenarbeite, bringe ich in ihre Kraft und mögliche Barrieren, Hindernisse oder unmögliche Interpretationen, die wir mit unserem Gehirn anstellen, beseitige ich. Langenscheidt hat mal gesagt, dass 92 Prozent aller Sorgen, die wir uns machen, unbegründet sind. Und so interpretieren wir auch im Sport Dinge ungünstig für uns und ich arbeite dann daran, dass sich das bessert. Und dies lässt sich sehr gut auf die jetzige Situation übertragen.

Obendrüber steht: Was ist das beste, was ich jetzt tun kann? Mich betrifft es genauso. Als im März der erste Lockdown war, hatte ich ein volles Auftragsbuch, für welches ich jahrelang hart gearbeitet habe. Und dann durfte ich nicht. Im ersten Moment war das nicht lustig. Aber dann habe ich mir recht schnell die Frage gestellt, was der Gewinn bei dem ist, was passiert. Das finde ich eine super Frage. Wenn irgendwas nicht so läuft, wie man es sich wünscht, stellt man sich die Frage nach dem Gewinn. Und dann beginnt man, chancen- und lösungsorientiert zu denken. Im März, als der Lockdown kam, habe ich bereits gespürt, dass am Ende was ganz Tolles, Neues entsteht. Zugleich hatte ich erstmal den erheblichen Ausfall zu verkraften. Wir haben begonnen, auf online zu switchen. Dies wird sehr gut angenommen. Und wenn Corona rum ist, kann ich beides anbieten.

Würden Sie für sich persönlich sagen, dass Sie durch Ihre Arbeit gar nicht in so ein Loch hineingeraten? Nehmen Sie eine solche Situation dadurch besser an als jemand, der sich nicht damit beschäftigt?

von Kunhardt: Mit Sicherheit, dies ist ein wichtiger Aspekt. Früher war dies gar nicht so meine Stärke, dies hat sich alles entwickelt. Es wird mir oft zurück gespiegelt, dass ich nie schlecht gelaunt sei. Ein Freund hat mich mal mit einem Korken auf einem See verglichen. „Immer wenn Du eins drüber bekommst, schwupp, kommst Du wieder hoch.“ Das ist Resilienz. (psychische Widerstandskraft Anm.d.Red.)

Fünf Punkte für die jetzige Situation

Es gibt viele Bereiche, wie Gastronomie oder Sportstudios, die für sich einen Weg gefunden haben, mit der Krise zurecht zu kommen. Jetzt gibt es aber auch Bereiche, die können nicht unbedingt switchen. Was können Sie denen an die Hand geben in der jetzigen Situation?

von Kunhardt: Ich kann nicht sagen, dass ich ein Allheilmittel für alle haben. Das Beste, was ich sagen kann, ist, egal in welcher Situation sich die Menschen befinden, sie sollen kreativ nach Chancen und Lösungen suchen. Das heißt, mein Hirn disziplinieren, weg von Sorge und Angst. Allein bei dem Begriff Angst geht es los. Angst wird häufig überhöht. Das höre ich auch oft von meinen Sportlern: „Ich habe Angst vor dem nächsten Spiel.“ Angst ist oft das falsche Wort, es ist viel zu stark. Wir streichen dies aus dem Sprachschatz.

Ist es wirklich Angst oder ist es nur eine Sorge? Wenn ich sage, ich bin besorgt oder hoffe, Lösungen zu finden, dann tickt das Gehirn ganz anders. Wenn wir in der Angst sind, sind wir in der Ohnmacht. Daher sollten wir darauf achten, welche Worte wir denken und sprechen. Zweitens sollte man sich fragen, was ist der Gewinn dabei. Der dritte Punkt ist die Frage danach, wer mir helfen kann. Der vierte Punkt ist, was übersehe ich und fünftens, was wäre eine kreative Lösung. Und dann tut sich häufig etwas. Am Ende kann dies dazu führen, dass völlig neue, kreative Möglichkeiten entstehen.

Ich finde, es tut der Welt gut, so schlimm es in den Einzelfällen ist. Und das ist der höhere Blick, dass wir von unserem Einzelthema weggehen. Ich finde Corona tut der Welt unwahrscheinlich gut. Der Gewinn bei Sache ist, es tut unserem Klima gut, der Mobilitätswahnsinn geht runter, wir bekommen mehr Achtsamkeit, auch in Bezug auf Tierhaltung. Denn wo ist das ganze Thema ausgebrochen? Auf so einem vermaledeiten Tiermarkt in China. Da gibt es eine andere Sensibilität. In der Familie wächst der Zusammenhalt. Das sind Gewinne.

Glauben Sie, diese Gewinne sind nachhaltig?

von Kunhardt: Ja, ich glaube schon.  Bill Gates hat gesagt, dass 50 Prozent aller Geschäftsreisen wegfallen werden, weil es auch per Videokonferenzen geht. Dies ist ein Zeitgewinn und gut für die Umwelt.

Dann liest Michael von Kunhardt aus einem Impuls vor, welchen er an Heilig Abend im Radio RPR1 als „Montivator“ gegeben hat.

von Kunhardt: Die Rückmeldungen zur inneren Einkehr fallen unterschiedlich aus. In einem so anspruchsvollen Jahr wie 2020 zudem sicher auch bei vielen Menschen etwas beschwerter. Es ist zugleich völlig normal, dass es spätestens alle paar Jahrzehnte eine nationale oder globale Herausforderung oder sogar Katastrophe gibt. Dies ist sowieso unvermeidbar, solange wir Menschen Negativität, Unfreundlichkeit, Intoleranz, Aggression oder Respektlosigkeit leben wie z.B. auf unwürdigen Tiermärkten wo vor knapp einem Jahr ein Virus ausgebrochen ist.

Ich habe oft den Eindruck, dass wir Menschen für die einfachsten Dinge des globalen Zusammenlebens noch eine Menge zu lernen haben. 2020 ist ein intensives Lernfeld gewesen und dieser Lernkurs wird in 2021 zunächst fortgesetzt. Mentale Stärke hat sehr viel mit Reflektion und Akzeptanz zu tun. Reflektion, dass wir uns bewusst machen, wie wir denken und agieren. Akzeptanz, dass wir einiges besser zu machen haben. Mentale Stärke hat auch mit konstruktivem Handeln zu tun. Nämlich selbstwirksam und verantwortlich Werte in die Welt zu tragen wie z.B. Positivität, Freundlichkeit, Toleranz, Friedfertigkeit und Respekt. Eine besonders starke Säule dafür ist Dankbarkeit.

Dankbar sein

Können Sie das mit der Dankbarkeit in der jetzigen Situation näher definieren?

Von Kunhardt: Allein die Tatsache, dass wir seit über 75 Jahren keinen Krieg in Europa haben, macht mich dankbar. Mehr brauche ich gar nicht. Jetzt haben wir Corona, das werden wir auch schaffen. Aber wir haben keinen Krieg. Was haben wir ein Glück?!

Wir haben so viele Aspekte, für die wir dankbar sein können. Das wir in Deutschland leben, wo es staatliche Hilfen gibt, auch wenn diese etwas schneller und besser laufen könnten. Am Ende müssen die aller wenigsten Menschen unter der Brücke schlafen, wenn sie die angebotenen Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Wo es eine demokratische Regierung gibt. Wo wir eine besonnene Kanzlerin haben, wie ich persönlich finde. Was wir als Gesellschaft gewinnen können, dass wir uns wieder selbst mehr spüren und mehr haben. Wir waren nur am Reagieren, links, rechts, völlig überdreht.

Im sprichwörtlichen Hamsterrad. Sind Sie davor gewahrt, selbst in einem Hamsterrad zu landen?

von Kunhardt: Ich komme auch mal in ein Hamsterrad, aber ich komme das auch wieder raus. Ich gehe da bewusst, aber zeitlich begrenzt rein. Wir haben im Februar fünf Tage Urlaub gemacht und den Rest des Jahres habe ich jeden Tag gearbeitet, das ganze Jahr. Aber ich war auch bei dem schönen Wetter oft am Baggersee. Dann sind die Veränderungen sehr gut eingeschlagen und wir hatten wieder Zuversicht. Und dann habe ich gesagt, ich gebe bis Heilig Abend Gas und ziehe es durch. Und das habe ich gemacht. Dies war eine bewusste Entscheidung.

Hatten Sie während der Krise nie das Gefühl, eingeschränkt zu sein?

von Kunhardt: Erstaunlicherweise nicht. Was mir auf die Nerven gehen würde und wo ich nicht weiß, wie ich das händeln würde, wenn wir nicht mehr in den Wald spazieren gehen dürften. Es wäre so gesundheitsschädigend, wenn wir nur im Haus bleiben müssten. Ich kann mich sportlich betätigen, mit dem Hund rausgehen, laufen gehen. Aber ich bin auch selbst von mir überrascht, wie wenig mir fehlt. Obwohl wir gerne weggehen und uns auch vom Sportteam treffen.

Viele Eltern sind aktuell überlastet. Was würden Sie denen raten?

von Kunhardt: Dies ist abhängig vom Arbeitsalltag und dem Alter der Kinder. Die anspruchsvollste Zeit ist, wenn die Kinder drei Jahre sind. Aber davor und danach geht es. Wenn Eltern abends arbeiten können, dann würde ich einen Großteil des Tages den Kindern geben und wenn die Kinder schlafen, arbeiten. Wohlwissend, dass dieser Zustand endlich ist. Das schlimmste haben wir geschafft.

Einbau täglicher Rituale

Was sind Ihre praktischen Tipps für die mentale Fitness, die im Alltag eingebaut werden können, damit es einem besser geht?

von Kunhardt: Man kann eine Morgenroutine einbauen. Ich mache jeden Morgen den Sonnengruß aus dem Yoga. Bis zum ersten Schluck Kaffee fasse ich mein Handy nicht an. Digital Detox. Es geht darum, selbstwirksam zu sein. Es ist morgens eine schöne Gelegenheit sich zu überlegen, was sind die drei Dinge, auf die ich mich heute freue. Und ich sage mir, darauf freue ich mich. Es gibt Dankbarkeitsrituale. Bei der Zubereitung seines Getränks am Morgen kann man sich überlegen, wofür man dankbar ist. Diese kleinen Routinen werden dann irgendwann einfach übernommen.

Können solche Rituale auch in der jetzigen Zeit helfen, wenn ich Existenzängste habe?

von Kunhardt: Es kann helfen. Die Existenzangst wird von jetzt auf gleich nicht weg sein, aber es hilft. Die mentale Stärke hat viel mit Selbstwirksamkeit zu tun. Selbstwirksam sind wir dann, wenn wir den Dämonen, die ums uns sind, nicht zu viel Raum geben. Wenn ich handle, sind wir in der Kraft und dann kann es uns dabei helfen, Chancen zu identifizieren. Aus einer niedergeschlagenen, melancholischen Stimmung eine Chance zu sehen, fällt schwer.

Wie lange hat das bei Ihnen gedauert, bis es Routine war?

von Kunhardt: Lebensschulung spielt dazu mit rein. Ich habe auch von meiner Mutter viel mitbekommen, die unglaublich positiv ist. Es ist gut, dass ich es vorgelebt bekommen habe. Und ich beschäftige mich ja seit Jahrzehnten damit. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich glücklich bin. Ich hatte auch schwere Phasen gehabt. Aber wenn man daraus lernt, dann ritualisiert sich das irgendwann.

Wann registriert mein Gehirn, dass ich ihm mit solchen Ritualen etwas Gutes tue?

von Kunhardt: Jeder kann direkt loslegen. Jetzt, gleich. Aber wann das Gehirn beginnt, kann ich nicht beantworten. Dies ist von Person zu Person unterschiedlich. Irgendwann gehört es dazu. Es ist eine Entscheidung, ein Entschluss. Sie entscheiden sich, ab jetzt bis zum Rest Ihres Lebens glücklich zu leben. Und dann schauen Sie, wie dies gelingt. Was kann ich ändern? Wo liegt für mich der Gewinn? Ich baue mir mein Leben ab jetzt schöner. Wir brauchen Impulse. Wo kann ich verrückter leben, mehr leben.
Ich sehe mich als Entwickler von Menschen, Identifizierung von Chancen und Leben von Potentialen. Und dabei immer ein Stück humorig sind und alles nicht so ernst nehmen. Wie Joy Fleming (deutsche Jazz-, Blues- und Schlagersängerin) sagte: „Lasst uns das alles hier nicht so ernst und schwer nehmen.“

Mehr zur Arbeit von Michael von Kunhardt erfahrt ihr auf seiner Internetseite.

Mentalgiganten – Was wahre Stärke wirklich ausmacht

Michael von Kunhardt hat ein inspirierendes Buch zum Thema mentale Stärke geschrieben. In „Mentalgiganten – Was Stärke wirklich ausmacht“ geht er den Fragen auf den Grund, was uns antreibt oder auch ausbremst. Mit Einblicken, warum wir so ticken, wie wir ticken, aber auch Übungen, wie wir unsere eigene mentale Stärke finden, ist dieses Buch ein guter Wegweiser zum eigenen Erfolg sowie zum glücklichen Leben. Und auch hier am Ende seine Erkenntnis: „Glücklichsein ist unsere wichtigste Aufgabe“.

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Campus Verlag
ISBN 978-3-593-51264-8

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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