Netzwerk Beschäftigungsförderung – Arbeitswelt anders denken

Der Arbeitsmarkt ist noch sehr durch die Demografie bestimmt. Dadurch entstehen in den nächsten zehn Jahren immense Lücken, die gefüllt werden müssen. Diese Situation sei eine Chance im Landkreis, das Potential ist da, doch dafür muss die Arbeitswelt anders gedacht werden – flexibler, freier und individueller.

Dies fasst sehr gut den Netzwerkabend Beschäftigungsförderung zusammen, an dem verschiedene Akteure aus der Lebenshilfe, der Caritas, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der Gesellschaft für Ausbildung und Beschäftigung (GAB) sowie dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband zusammenkamen.

Lobbyisten sein

Das Netzwerk Beschäftigungsförderung im Landkreis Limburg-Weilburg wurde 2010 gegründet. Von Anfang an habe sich das Netzwerk auf die Fahne geschrieben, Lobbyisten für die Menschen zu sein, deren Stimmen nicht gehört wird, so Claudia Klee, Regionalgeschäftsführerin Der Paritätische, zur Begrüßung. Dies sind Langzeitarbeitslose, Wohnungslose oder Menschen mit Suchtproblemen. Ihnen soll eine Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht werden. Vom Netzwerk wollen sie dafür sensibilisieren, dass es sich hier nicht einfach nur um Zahlen in der Statistik handelt, sondern um Menschen. Und dafür kämpfen sie auf verschiedenen Ebenen, führen Gespräche mit Wirtschaft und Politik und erfahren immer wieder „Entwicklung braucht Zeit“.

Für Dr. Christa Larsen vom Institut für Wirtschaft, Arbeit, Kultur (IWAK) der Goethe Universität Frankfurt gibt es viel Potential in der Region. Um dies aufzuzeigen, betrachtete sie den Arbeitsmarkt im Anblick der verschiedenen Krisen der letzten Monate. Die Pandemie habe vor allem den Dienstleistungssektor getroffen. Hier griffen kaum Sicherheitsmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld, denn häufig sind in diesem Bereich geringfügig Beschäftigte zu finden. Diese erhielten die Kündigung oder kündigten selbst. Diese Menschen haben zwar einen Anspruch auf Hilfe, doch da diese nicht zum Leben reicht, suchen sie sich einen anderen Job in einem anderen niederschwelligen Bereich. Häufig sind hiervon Frauen betroffen. Weiterhin zeigte Larsen auf, dass es sich hierbei nicht mal immer um unqualifizierte Arbeitnehmer handelt. Vielmehr sei durchaus eine Qualifikation vorhanden, aber Familienleben, Flexibilität und Pflege von Angehörigen würde die Menschen oftmals in diese prekären Verhältnisse drängen.

Arbeitsmarkt von Demografie bestimmt

Die Bindungen der Menschen in diesem Segment sind nicht sehr fest, es gibt häufige Wechsel, es gibt keine Sicherheit für die Menschen. Auf den gesamten Arbeitsmarkt betrachtet, ist dies jedoch nur ein kleiner Bereich. In den anderen Branchen war eine Bindung und Integration gegeben, die Jobs der Menschen sicher. In einem dritten Segment wie dem Handwerk, dem Baugewerbe und der IT gab es sogar eine Zunahme der Nachfrage, was zu einer hohen Bindung an Arbeitskräften führte. Ein ganz anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Dies sei eine Krise der Produktion aufgrund der erhöhten Energiepreise sowie Rohstoff- und Lieferengpässe. Dennoch würden hier die Sicherheitssysteme greifen wie mit dem Kurzarbeitergeld. In diesen Bereichen gibt es keine Kündigungen aufgrund der Krise.

Dennoch kann Christa Larsen nicht verstehen, warum die Krisen nicht zu einem veränderten Denken führen. Der Arbeitsmarkt sei noch zu sehr von der Demografie bestimmt. Bis 2032 werden immense Lücken entstehen. Bereits jetzt fehlen über 1.000 Arbeitskräfte. Zwischen 2028 und 2032 wird im Jahr mit bis zu 1.800 fehlenden Arbeitskräften gerechnet, zeigte sie Zahlen auf. „Die bereits jetzt zu spürenden Engpässe und Lücken sind erst der Anfang“, so die Expertin. Der Arbeitsmarkt muss sich verändern und darin sieht sie eine große Chance für die Menschen, welche das Netzwerk Beschäftigungsförderung vertritt. Hinzu kommt, dass immer weniger junge Menschen eine Ausbildung machen, obwohl die Ausbildungsstellen da sind. Daher sollten jetzt die Akteure schauen, wie sie die vorhandenen Potentiale nutzen könnten wie Nachqualifizierungen im Job oder niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten. Und die Akteure vor Ort dienen dabei als Brückenbauer, um ihrer Zielgruppe den Arbeitsmarkt zu öffnen. „Tun sie sich zusammen und gehen sie aufeinander zu“, appellierte sie an die Anwesenden.

Mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt

Das der Wille da ist, war in der anschließenden Diskussion unbestritten. Doch leider bremsen fehlende Instrumente diesen Willen an verschiedenen Stellen noch immer aus. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist die Qualifizierung noch immer sehr wichtig, eine Ausbildung Voraussetzung. Doch dies können viele der Zielgruppe nicht aufweisen, obwohl sie richtig angeleitet gute Arbeitskräfte geben. Oder es sind fehlende Finanzierungen, die hemmend wirken. Wenn die Zielgruppe sicher in einem Arbeitsverhältnis angekommen sind, ermöglicht dies auch Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben. Die Akteure am Netzwerkabend wünschen sich daher eine sichere Finanzierung und mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Einen wichtigen Appell für einen gemeinsamen Weg äußerte Panja Schweder vom Verein für Integration und Suchthilfe am Ende. Sie möchte nicht mehr reden, sondern ins tun kommen. „Wir sind eine starke Truppe, die etwas bewegen kann. Wir sollten uns gemeinsam auf den Weg machen, Potential heben und Strukturen aufbrechen, um die Menschen zur Teilhabe zu unterstützen.“

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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