Persönliche Gespräch am wichtigsten – Stark im Ehrenamt

Bei der Serie „Stark im Ehrenamt“ geht es heute nicht um einen Verein oder eine Organisation. Viel mehr geht es heute um Vereine insgesamt und mit welchen Problemen sie kämpfen. Darüber sprach ich mit Florian Brechtel, selbst im Ehrenamt aktiv und zudem beruflich Unterstützer von Vereinen sowie Stiftungen.

Florian Brechtel ist nicht nur im Ehrenamt aktiv, er engagiert sich auch beruflich für das Ehrenamt. Er engagiert sich als Vorsitzender im Förderverein der Grundschule Offheim, ist aktiv bei der Bürgerinitiative Offheim sowie im Bund katholischer Unternehmer. Erfahrungen von beiden Seiten fließen jeweils in den anderen Bereich über und so hat er einen guten Blick auf das bürgerliche Engagement im Landkreis.

Herausforderung Mitgliedergewinnung

Das größte Problem, welches ihm von den Vereinen immer wieder gespiegelt wird, ist die Mitgliedergewinnung an sich und die Gewinnung von Vorstandsmitgliedern im Speziellen. Natürlich gibt es dafür heute viele Möglichkeiten. Neben der lokalen Zeitung und den Gemeindeblättchen ist heute sehr viel in den sozialen Medien möglich. Doch laut Brechtel reicht dies allein nicht aus, um Mitglieder zu gewinnen. „Das aktive Zugehen auf die Menschen ist immer das Beste“, so seine Empfehlung. Nur im persönlichen Gespräch gelingt es, die Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen. Und auch nach einer Veranstaltung kann man mit den Besuchern ins Gespräch kommen und dabei für den Verein werben.

Und dabei ist es auch wichtig, wie miteinander kommuniziert wird. Vor allem, wenn es auch darum geht, neue Mitglieder für die Vorstandsarbeit zu gewinnen. Häufig füllen Vorstandsvorsitzende über viele Jahre ihr Amt aus und bringen sich sehr stark ein. Dabei vergessen sie manchmal, Nachwuchs für den Posten aufzubauen und mit Aufgaben zu betrauen, um sie Stück für Stück einzubinden. Es wird schwierig, wenn die Vorstandsmitglieder in einer Mitgliederversammlung sagen, sie stehen nicht mehr zur Verfügung und sich wundern, dass sich nicht direkt neue Interessenten melden.

Ehrenamt macht Spaß

Und Brechtel empfiehlt auch, ganz anders für die Vorstandsarbeit zu werben. „Anstatt zu erzählen, welche Arbeit auf die Mitglieder zukommen, sollte man viel mehr damit werben, warum man sich selbst engagiert“, so Brechtel. Und so weiß er aus einer Umfrage, dass 85 Prozent der Menschen meinten, sie hätten Spaß an ihrem Engagement. „Also sollte man das auch erzählen, dass die Arbeit Spaß macht, dass Team super ist und dass man sich sehr gut vorstellen könnte, dass jemand dazu passt“, so seine Empfehlung. Zudem empfiehlt er den Vereinen, auch mal zusammenzukommen zu einem Stammtisch, um mit anderen über Herausforderungen zu sprechen. „Das Ehrenamt ist vielfältig und interessant“, so Brechtel, „aber vielen ist nicht bewusst, wie ähnlich sie sich trotz unterschiedlicher Projekte doch sind.“ Zudem empfiehlt er auch den Ehrenamtlern, Kurse wie bei der VHS zu besuchen, um sich weiterzubilden und mit der Zeit zu gehen.

Die Gesellschaft verändert sich und damit müssen sich auch Vereine verändern. Der Landkreis ist eine typische Pendlerregion. Dies bedeutet, dass die Menschen zur Arbeit fahren und nicht immer im Wohnort arbeiten. Das Familienleben und die Work-Life-Balance rücken mehr und mehr in den Fokus. Da passen die hierarchischen Vereinsstrukturen nicht mehr unbedingt so hinein. Daher empfiehlt er, dass Vereinsvorstände darüber nachdenken, ob sie weiter eine Hierarchie aus dem Vorsitzenden, Stellvertreter, Kassierer und Schriftführer haben oder ob sie sich eventuell über ihre Aufgaben definieren und alle gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn die Verantwortung auf mehreren Schulter liegt, lassen sich vielleicht auch leichter Menschen zur Mitarbeit bewegen. Ihm ist bewusst, dass dieser Bereich Zeit und Energie kostet, doch es lohne sich für die Vereine.

Verzahnung zwischen Schule und Ehrenamt

Doch nicht nur für die Vereine selbst hat er Empfehlungen. Er hat auch Wünsche. Er würde sich eine bessere Verzahnung zwischen Schule und Vereinen wünschen, damit auch die jungen Menschen einen Einblick in die Vielfalt des Ehrenamtes erhält. Dafür müssen aber auch die Vereinsmitglieder die Möglichkeit haben, sich dort zu engagieren und dies benötigt das Entgegenkommen der Arbeitgeber. In der Grundschule Offheim wird eine AG mit dem Tischtennisverein angeboten. Der Verein stellt den Übungsleiter und der Förderverein gibt Geld dazu. Ein solches Miteinander würde er sich noch viel mehr wünschen.

Auch regt er eine Kooperation von Vereinen an, wobei ihm bewusst ist, dass dies nicht sehr einfach ist. Die Vereine sehen sich häufig nur alleine, haben eine „Binnensicht“. So schlägt er vor, dass alle Vereine in einem Ort einen Tag gemeinsam für das Ehrenamt werben und alle zusammen sich nach außen darstellen. Denn auch wenn Vereine immer der Meinung sind, dass jeder sie eigentlich doch kennen müsste, weiß er aus der eigenen Erfahrung, dass die Bürger eben häufig nicht wissen, was ein Verein alles macht und welches Engagement alles in ihm steckt. Es finden Veränderungen statt, aber noch sehr langsam, so seine Beobachtungen.

Mehr Anerkennung für das Ehrenamt

Und Florian Brechtel plädiert auch dafür, dass es einen Trend in der Anerkennung des Ehrenamtes geben muss. Auch in den Vereinen hat die Bürokratie zugenommen, die Büroarbeit ist meist nicht mehr allein leisten, es fallen Verwaltungskosten an. Und dies muss anerkannt werden und je nach Aufwand auch in einem kleinen Gehalt entlohnt werden. Bei den Förderungen von Projekten sieht er inzwischen Ansätze, dass die Verwaltungsarbeit anerkannt wird. Dies muss noch weiter zunehmen.

Dies sind alles Herausforderungen im normalen Vereinsalltag, welche durch die Pandemie nochmal verschärft wurden. So sind viele Mitglieder schnell ausgetreten, weil sie für ihren Mitgliedsbeitrag keine Leistungen mehr erhielten. „Viele Mitglieder haben wenig Verständnis dafür, dass die Beiträge nicht für eine Dienstleistung sind, sondern zum Durchführen des Vereinszweck“, so Brechtel. Vor allem in den Sportvereinen gab es einen Rückgang von bis zu zehn Prozent bei den Mitgliedern, vor allem im Kinder- und Jugendbereich. Diese wieder zu reaktivieren, ist eine Herausforderung für die Vereine. Und auch in vielen Vorständen ist die Pandemie zu spüren, denn manch einer habe festgestellt, dass das Leben auch ohne dieses Engagement möglich ist.

Zusammenfassend zeigt Florian Brechtel auf, dass durch das geänderte Lebensumfeld und die gesellschaftlichen Veränderungen vor allem die langjährigen, ungebrochenen Vereinsbiografien immer seltener werden und die Menschen viel leichter von Verein zu Verein wechseln. In diesem Wandel müssen die Vereine attraktiv bleiben. Unternehmen müssen erkennen, dass sie attraktiver für Arbeitnehmer sind, wenn sie das Ehrenamt fördern. Den Kommunen empfiehlt er, nicht an den freiwilligen Förderungen des Ehrenamtes zu sparen, denn auch sie können mit dem vielfältigen Ehrenamt vor Ort werben. Es sind verschiedene Bereiche, in denen Ehrenamt für sich werben kann und viel ist gewonnen, wenn jeder, der sich engagiert, darüber spricht.

 

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.