PM St. Vincenz Krankenhaus – Interview zur aktuellen Diskussion um Krankenhäuser

Teilen erwünscht

In diesem Sommer sorgte die Studie „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung“ der Bertelsmann Stiftung für Aufsehen mit ihrer Empfehlung, die Anzahl der deutschen Kliniken drastisch zu reduzieren: von aktuell ca. 1400 auf unter 600.

Würde die Politik den Empfehlungen der Studie folgen, wären vor allem kleinere Krankenhäuser wie beispielsweise das St. Vincenz-Krankenhaus Diez betroffen. Zu diesem Thema befragte die Pressestelle der St. Vincenz Krankenhausgesellschaft Guido Wernert, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft St. Vincenz mbH Limburg und aktuell auch des Evangelischen Krankenhauses Dierdorf-Selters insbesondere auch mit dem Focus auf die Situation in Diez.

Gut für die Kosten, aber schlecht für die Menschen 

In diesem Sommer sorgte die Studie „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung“ der Bertelsmann Stiftung für Aufsehen mit ihrer Empfehlung, die Anzahl der deutschen Kliniken drastisch zu reduzieren von ca. 1400 auf unter 600. Durch die Bündelung von Personal und Geräten auf wenige große Krankenhäuser könne der Studie zufolge eine Verbesserung der medizinischen Versorgung erreicht werden. Kleinere Kliniken sollten nach Auffassung der Bertelsmann Stiftung u.a. auch deshalb geschlossen werden, weil dort häufig nur unzureichende Ausstattung und Erfahrung zur Verfügung stehen, um lebensbedrohliche Notfälle behandeln zu können. Zu dieser Diskussion nimmt Guido Wehnert Stellung.

Was war Ihre spontane Reaktion, als Sie von den Empfehlungen der Bertelsmann-Studie erfuhren, nach welcher nur große Häuser gut für die Patientenversorgung seien?

Guido Wehnert: Zu einseitig betrachtet und nicht richtig – das war meine spontane Reaktion. Es gibt Spezial-Operationen, die nicht alltäglich im Leben eines Menschen vorkommen und deswegen konzentriert an wenigen Krankenhausstandorten durchgeführt werden sollten (wie Herz- oder schwere Darm-Operationen). Es gibt aber ganz viele Behandlungen,  die sehr oft praktiziert und hervorragend bei guter Qualität in der Fläche vorgehalten werden können – meiner Ansicht nach sogar müssen, um auch den Menschen im ländlichen Raum qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für unsere immer älter werdende Gesellschaft sicherzustellen.

Warum sollte ein kleines Haus wie Diez Ihrer Meinung nach erhalten bleiben?

Guido Wehnert: Gerade Häuser in ländlichen Gebieten wie Diez und Umkreis können durch ihre bürgernahe gute Grundversorgung bzw. spezielle Ausrichtung genauso gut punkten wie ein 1000-Betten-Haus in der Stadt, welches in allen Schweregraden gut sein muss. Die stationäre medizinische Versorgung muss den demographischen Bedingungen der Region Rechnung tragen – dies gelingt uns gerade in Diez mit dem konsequenten Ausbau der geriatrischen Abteilung und der Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz  besonders gut – ganz im Gegensatz also zu der in der Studie vertretenen Theorie…

Wo sehen Sie das St. Vincenz-Krankenhaus Diez vier Jahre nach der Übernahme vom DRK?

Guido Wehnert: Wir haben dort durch die Verzahnung der Chirurgie und der Inneren Medizin mit dem Schwerpunktkrankenhaus in Limburg die Angebote für die Region auf gutem Niveau stabilisieren und entwickeln können. Dabei spielt gerade auch die im Oktober 2017 eröffnete neue Geriatrie eine wichtige Rolle. Diese war zuvor in der Region nicht vorhanden. Die zusätzliche Ausweisung dieser Abteilung ab 2019 im Krankenhausplan von Rheinland-Pfalz ist hier ein wichtiges Signal für die Region und für Diez.

Was ist der Vorteil an der jetzigen  Krankenhauslandschaft gegenüber einer Konzentrierung von Kompetenz in Medizin und Pflege auf deutlich weniger, aber dafür große Häuser?

Guido Wehnert: Ganz klar das abgestufte, gezielte Vorhalten von Versorgungsangeboten, die standortübergreifende Vernetzung und Verzahnung kleinerer Häuser mit den Kompetenzen größerer Kliniken, so wie wir es eben in Diez praktizieren. Anstatt kleinere Häuser zu schließen sollte man meiner Überzeugung nach durch solche Kooperationen die Versorgungsangebote noch mehr zum Wohle der Patienten sichern und ausrichten – gerade auch auf dem Land. Durch vernetzte Expertise lässt sich hochwertige Medizin auch dort abbilden. Es gilt, neue Wege für die regionale Gesundheitsversorgung zu erarbeiten und zu entwickeln. Ein Weg kann ein solches Kompetenznetzwerk sein, wie wir es in Diez für die Region erarbeitet haben  – auch in der Zusammenarbeit mit Ärztenetzwerken. Gute Medizin und abgestimmte Qualität müssen das Leitthema solcher Entwicklungen sein, die Wahrung und Entwicklung modernster Qualitätsstandards das oberste Ziel.

Nun begründet die Bertelsmann Stiftung ihren Appell  zu Schließungen ausgerechnet damit, dass dies mehr Qualität in der medizinischen Versorgung garantieren würde…. Würden Ihrer Ansicht nach Klinikschließungen in keiner Weise zu Verbesserung in der Patientenversorgung führen, gerade auch im Blick auf die optimierte Nutzung der knappen finanziellen Ressourcen, die für das Gesundheitswesen zur Verfügung stehen?

Guido Wehnert: Tatsächlich in Großstädten mit sehr vielen Kliniken auf enger Fläche ist dies für mich eine Option. Dort gibt es eine zu große Anzahl von Stadtkrankenhäusern mit identischen Angeboten. Diese bieten oftmals Eingriffe und Therapien in allen Schweregraden an und sind für die Grundversorgungshäuser im Umland bei schweren, komplexen Operationen oft die nächste  Anlaufstelle. Wenn beispielsweise in allen großen Städten Deutschlands die Zahl dieser Stadtkrankenhäusern gezielt um ein Drittel reduziert würde, machte das für die Patienten keine Anfahrtsunterschiede. Gleichzeitig würde diese Maßnahme den verbliebenen Häusern mehr Geld für Investitionsförderung und mehr Personal verschaffen. Darüber hinaus würde dies sowohl der ländlichen Versorgung, als auch der Versorgung in der Stadt die Chance für mehr Qualität sichern. Hier muss die Politik notwendige mutige Entscheidungen treffen.

Würde eine Umstrukturierung wie sie von der Bertelsmann Stiftung vorgeschlagen wird nicht auch enorme Kosten verursachen?

Guido Wehnert: Nein, im Gegenteil: Das wäre sicher günstiger für die Kostenträger, weil einfach in der Fläche der ländlichen Versorgung weniger vorgehalten wird. Aber es wäre schlecht für die Menschen.


Teilen erwünscht

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.