Radfahren im Landkreis – Schulnote vier plus

Der Verkehr ist mit 20 Prozent CO2-Ausstoss der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen. Daher ist der Verkehrssektor ein wichtiger Baustein, an dem etwas für den Klimaschutz getan werden kann und muss. Doch dies gestaltet sich nicht immer einfach, was der Bereich Radverkehr zeigt. Nachdem es gestern um den Mobilitätsgewinn mit dem Fahrrad ging, dreht sich der heutige Beitrag um die Situation der Radinfrastruktur im Landkreis.

Wenn Oliver Moschner-Schweder, Vorsitzender vom ADFC (Allgemeinen Deutschen Fahrradclub), Kreisverband Limburg-Weilburg, der Rad-Infrastruktur im Landkreis Limburg-Weilburg eine Note geben sollte, dann überlegt er kurz und verteilt eine 4 plus. Es gebe zwar bereits gute Radwege, doch auf den ganzen Landkreis betrachtet, gibt es in seinen Augen noch zu viele Baustellen.

Note 4 für den Radverkehr

Mit der Einschätzung liegt Moschner-Schweder gar nicht so falsch. Für sein Nahmobilitätskonzept befragte die Stadt Weilburg 2018 die Bevölkerung. 62,5 Prozent geben dem Alltagsradverkehr die Note 4. Etwas besser schneidet der Freizeitverkehr  mit der Note 3 ab. Im ADFC-Fahrradklimatest 2020 erhielt Limburg eine Note von 4,2. Von 415 beurteilten Orten landete die Kreisstadt auf Rang 340. Auch im Test 2018 schnitt Limburg nicht besser ab, es hatte sich aber auch in der Zeit nicht viel getan. Limburg hat in diesem Jahr ein 150-seitiges Fahrradkonzept vorgelegt. Im Frühjahr 2023 möchte der Landkreis ein Radverkehrskonzept vorlegen. Es scheint zumindest in der Politik angekommen zu sein, dass sich etwas tun muss.

So hat auch Oliver Moschner-Schweder den Eindruck, dass die Anliegen der Radfahrenden langsam Gehör finden. Ihm geht es nicht darum, auf Defizite „draufzuhauen“, sondern vielmehr um ein „moderates kritisieren“. Er habe das Gefühl, dass die Kommunen inzwischen auch verstärkt auf den ADFC zukommen und nach ihrer Einschätzung fragen. Und nicht nur bei den Kommunen wird das Engagement sichtbar. Auch die Radfahrenden merken, dass sie eine Stimme bekommen und so gewinnt der ADFC Mitstreiter und wird dadurch auch sichtbarer.

Einige gute Verbindungen gibt es bereits im Landkreis. So seien die Fernradwege R7 und R8 teilweise gut zu fahren und es gibt auch einige Wirtschaftswege im Landkreis, welche sich gut fahren lassen. Aber es gibt eben auch noch Potential für mehr. Und dass eine Verbesserung der Infrastruktur die Radfahrenden anlocke, zeige sehr gut die Ertüchtigung des R8 zwischen Niederbrechen und Niederselters, welche 2002 vorgenommen wurde. Dieser Weg werde inzwischen deutlich stärker genutzt. „Dieses Beispiel zeigt, wie sich der Radverkehr steigert, wenn die Infrastruktur stimmt“, so Moschner-Schweder. Stimmt die Infrastruktur, dann steige die Nachfrage.

Neue Perspektive vom Rad

Dabei ist es ihm auch immer wieder wichtig, mit den politischen Entscheidern aufs Rad zu steigen, um ihnen eine neue Perspektive zu geben. Er würde sich viel häufiger Verkehrsschauen wünschen, die auf dem Rad stattfinden. Nur so erhielten die Entscheider eine Sicht auf diese Mobilität und Wege würden dann eventuell gradliniger verlaufen als wie sie jetzt aktuell geplant werden.
Einige Bestrebungen begrüßt er. Ein Radweg nach Malmeneich führe zu einem Lückenschluss zum Westerwald. Hünfelden arbeite an einem Konzept, um die gut ausgebauten Wirtschaftswege miteinander zu verbinden. Der Lahntalradweg sei sehr gut ausgebaut, habe jedoch auch Schwachstellen, wie die schmale Verbindung zwischen Villmar und Fürfurth oder Fürfurth und Weilburg. Aber es gebe auch Herausforderungen wie die Verbindung zwischen Steinbach und Mengerskirchen, wo es schlechte Waldwege sowie wenige Wirtschaftswege gibt. Eine Verbindung nach Weyer ist ebenfalls eine Herausforderung, weil die Straße viel zu schmal ist für alle Verkehrsteilnehmer. Und manchmal sind es kleinere Maßnahmen, um einen Lückenschluss zu ermöglichen.

Kurzfristig wünscht er sich die Stärkung von Verbindungen zwischen Unter- und Mittelzentren sowie mehr Sicherheit vor allem bei Querungen. Mittelfristig würde er sich wünschen, dass Radfahrende als gleichberechtigte Verkehrspartner gesehen und dies auch gefördert wird. Und langfristig wünscht er sich ein kreisweites, flächendeckendes Radwegenetz für alle Räder mit einer entsprechenden Ausschilderung von A nach B.

Mehr Rücksichtsnahme

Insgesamt würde er sich mehr gegenseitige Rücksichtnahme wünschen. Die bundesweite Aktion „Rücksicht macht Wege breit“ sei sehr gut zu dem Thema, aber leider erhalte sie zu wenig Aufmerksamkeit. Bei dieser Aktion geht es darum, Aufmerksamkeit für alle Verkehrsteilnehmer auf Wirtschaftswegen zu schaffen. Diese Wege nutzen Radfahrende, Fußgänger sowie landwirtschaftliche Maschinen. „Verschiedene Verkehrsteilnehmer werden zusammen auf beengte Infrastruktur geschickt“, so Oliver Moschner-Schweder. Dies führe zu Konflikten. Denn noch immer werden nicht alle Verkehrsteilnehmer gleichwertig betrachtet und am Ende steht das Auto immer noch im Fokus. Radfahrende besitzen im Landkreis einen Exotenstatus und es werde oftmals noch keine Notwendigkeit gesehen, sie als gleichberechtigt zu betrachten. Andere Landkreise seien da bereits weiter und sind im Thema Radverkehr auch schon besser aufgestellt.

Wenn die Wege nicht verbreitert werden können, müssen andere Lösungen gefunden werden. So würde er sich wünschen, dass in allen Orten Tempo 30 herrscht, so dass der große Geschwindigkeitsunterscheid zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern verringert wird. Brechen ist im Frühjahr diesen Schritt gegangen und auch in Mengerskirchen soll zukünftig auf den Ortsstraßen Tempo 30 gelten. Zudem würde es helfen, wenn sich alle an die Straßenverkehrsordnung halten.

In der StVO §1 steht es geschrieben: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht“. Und im §2 heißt es weiter: „Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird“. Für ihn beginnt dies dabei, zu klingeln, wenn er sich von hinten jemanden nähert. Und wenn jemand dann zur Seite geht, bedankt er sich auch. Für dieses Verhalten erhält er aber auch negative Kommentar, obwohl er einfach auf sich aufmerksam machen möchte. Und wie er fordert, dass sich jeder an die Verkehrsregeln hält, so fordert er auch, dass eine stärkere Kontrolle derselbigen stattfindet.

Umfangreiche Mobilitätswende

Um eine Mobilitätswende komplett zu machen, gehört für ihn jedoch nicht nur eine verbesserte Radinfrastruktur hinzu. Insgesamt wünscht er sich einen multimodalen Blick auf das Thema Mobilität. So begrüßt er das Konzept des Lahnstar und wünscht sich mehr davon im Landkreis. Und am Ende sagt Oliver Moschner-Schweder etwas sehr wichtiges: „Wir sollten uns an unseren Taten messen und nicht an unseren Worten.“ Und leider hapert es da noch. Denn wenn der Ausbau der Infrastruktur im aktuellen Tempo weitergeht, dann gebe es erst einen guten Ausbau in 1.000 Jahren. Er sieht einen Wandel in den politischen Gremien, der Druck nimmt zu und die Entscheider können die Augen nicht mehr vor den Radfahrenden schließen. Und er regt am Ende an, dass jeder selbstkritisch seine eigene Mobilität täglich neu betrachtet.

Der erste Beitrag befasste sich mit dem Mobilitätsgewinn durch das Fahrrad.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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