Speed-Dating statt Diskussion

Gestern Abend fand eine Podiumsdiskussion des Bezirksverbandes der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Limburg und des KAB-Ortsvereins Lindenholzhausen unter dem Motto „Sie haben die Wahl“ statt. Geladen waren Landtags- wie auch Landratskandidaten, die sich am 28. Oktober zur Wahl stellen. 

Eine große Runde stand vor den rund 100 Zuhörern bei der Podiumsdiskussion der KAB. Als Landratskandidaten waren Michael Köberle (CDU), Jörg Sauer (SPD), Dr. Klaus Valeske (FDP) und Jörg Zimmermann (Die Linke) anwesend. Als Landtagskandidaten waren Andreas Hofmeister (CDU), Tobias Eckert und Viktoria Spiegelberg-Kamens (beide SPD), Dr. Sebastian Schaub (Bündnis 90/Die Grüne), Marion Schardt-Sauer (FDP), Engin Eroglu (Freie Wähler) und Harff-Dieter Salm (Die Linke) anwesend. Moderiert wurde die Runde von Stephan Schnelle, Pressesprecher des Bistums Limburg. Jeder Kandidat durfte sich vorstellen und danach wollte Stephan Schnelle die Lösung der Kandidaten zu den Themen Ärztemangel, Altersarmut sowie Digitalisierung erfahren. Die Kandidaten hatten jeweils zwei Minuten Zeit für ihre Antwort. Am Ende fasste jeder Kandidat in einer Minute zusammen, warum er gewählt werden soll. Leider fehlte ein wenig die Diskussion, die Unterschiede noch besser herausgearbeitet hätte.

„Weiter so“ gegen „Ein Wechsel muss her“

Die Kandidaten der CDU möchten gerne auf das aufbauen, was vorhanden ist. Köberle sieht den Landkreis nach 12 Jahren unter Manfred Michel gut da stehen und möchte darauf aufbauen. Sein Ziel ist es, die Infrastruktur in allen Bereichen wie Ärzte, Straßen sowie Versorgung zu stärken und die Digitale Verwaltung sowie Bürgernähe auszubauen. Auch Hofmeister sieht das Land Hessen gut aufgestellt und möchte daran weiterarbeiten. Er möchte weiterhin Botschafter für die Bürger, Vereine und die Region sein.
Bei allen anderen klang an, dass ein „Weiter so“ nicht die Probleme anpackt, die im Landkreis und im Land Hessen bestehen. Für die SPD sind dies bezahlbarer Wohnraum, Bildung für alle von Anfang an sowie die Verbesserung der Mobilität. Die Mobilität sei nicht nur wichtig, um den Verkehr zu reduzieren und dennoch überall hinzukommen, sondern sie sei nach Jörg Sauer auch ein Mittel, um gegen die Vereinsamung der älteren Generation vorzugehen. Viktoria Spiegelberg-Kamens möchte sich dafür einsetzen, dass Arbeitnehmer mehr von ihrem Einkommen übrig haben, indem zum Beispiel die Kinderbetreuung kostenlos wird und Wohnen bezahlbar.

Dr. Sebastian Schaub (Grüne) möchte, dass sich die Bürger einbringen und für ihre Themen kämpfen anstatt sich nur auf Berufspolitiker zu verlassen. „Wir dürfen nicht nur reden, sondern müssen machen.“ Engin Eroglu (Freie Wähler) möchte ebenfalls den Bürgerwillen durchsetzen. Auf Kommunalebene würde dies den Freien Wählern schon sehr gut gelingen, jetzt sei es an der Zeit, dass sie auch in den Landtag einziehen. Die FDP möchte zum einen im Land an die Schaltzentrale, um etwas zu bewegen, denn vieles gehe ohne das Land nicht. Aber Dr. Klaus Valeske möchte sich nicht nur vom Land vorschreiben lassen, was der Landkreis umsetzen soll, sondern er möchte sich dafür einsetzen, dass der Landkreis selbst Akzente setzt. Zimmermann (Die Linke) möchte gegen den alten Filz vorgehen, denn dieser sei überall vorhanden.

Ideen gegen Ärztemangel

Nach der Vorstellung fragte Stephan Schnelle die Landratskandidaten nach ihren Ideen gegen den Ärztemangel. Köberle möchte mehr Ärzte ausbilden, mehr medizinische Versorgungszentren entwickeln und die Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern verstärken. Er begrüßte auch das Zusammenrücken vom Weilburger Kreiskrankenhaus mit dem Lahn-Dill-Krankenhaus. Mit dieser Meinung stand er alleine da, denn alle anderen kritisierten diese Entscheidung und wünschten sich mehr eine Konzentration auf den Landkreis. Valeske und Sauer möchten sich eher dafür einsetzen, die Bedingungen für junge Ärzte zu verbessern. Das Land muss attraktiver in der gesamten Infrastruktur gestaltet werden, um junge Menschen anzuziehen. Auch Zimmermann geht in die Richtung und möchte den ländlichen Raum attraktiver gestalten. Eroglu sieht die Fehler in der Vergangenheit und kritisierte die Privatisierung der Kliniken. „Warum muss ein Klinikum Gewinne erzielen?“ Dr. Schaub plädierte ebenfalls dafür, zukunftsfähige Modelle für junge Menschen zu entwickeln.

Wie Altersarmut bekämpfen?

Ein Mittel für Eckert, Altersarmut zu bekämpfen, ist es, darauf zu schauen, dass Unternehmen Tariflöhne sowie soziale Kriterien einhalten. Solche Unternehmen könnten dann in der Wirtschaftsförderung auch stärker bedacht werden. Schardt-Sauer möchte keine Gelder in die Sozialsysteme pumpen, sondern die Ursachen bekämpfen. Und da sollte man sich auch die Frage stellen, ob das Geld in den Sozialsystemen auch bei den Richtigen ankommt. Hofmeister sieht diese Aufgabe zuerst auf Bundesebene, die die Rente gewährleisten muss. Das Land Hessen habe jedoch die Schaffung einer Deutschlandrente angeregt. Zudem müssten die Menschen unterstützt werden, die sich im veränderten Arbeitsmarkt weiter qualifizieren möchten.

Digitalisierung

Alle sind sich einig, dass die Digitalisierung die Welt der Menschen im privaten und beruflichen ändert. Es sei aber nicht nur damit getan, den Breitbandausbau voranzutreiben, wie es die CDU immer lobend hervorhebt, sind sich alle Parteien einig. Denn was nütze schnelles Internet, wenn es an Konzepten fehlt, dieses auch gewinnbringend zu nutzen. Dr. Schaub möchte viel früher Kinder an die Programmiersprache heranführen als wie derzeit geschieht. Spiegelberg-Kamens sieht in der Digitalisierung eine Chance, aber nur, wenn „wir Menschen uns nicht treiben lassen, sondern Grenzen setzen.“ Es sei vieles möglich, aber es müsste nicht alles gemacht werden. Valeske sieht die Chancen in der Digitalisierung, vor allem auch, um die Kommunikation zwischen den Bürgern und dem Landkreis zu vereinfachen. „Wir sollten nicht so viel Angst vor der Zukunft haben, sondern sie gestalten.“

Eroglu sieht in der Digitalisierung noch sehr viel Diskriminierung, denn im ländlichen Raum gibt es kein schnelles Internet und sehr viele Funklöcher. Diese Missstände müssten erstmal beseitigt werden, bevor man sich weitere Gedanken macht. Auch Zimmermann möchte über den Ausbau nicht mehr reden, denn der Laufe. Aber er appellierte auch daran, dass sich der Mensch durch die Digitalisierung nicht versklaven lässt. Hofmeister sieht Chancen wie die Schaffung von Homeoffices und damit Gewinnung von Freizeit. Auch in der Schule kann Digitalisierung eine Chance sein. Aber zuerst sollen die Schüler bitte die Grundtechniken lernen, bevor es ins Digitale geht.

Bürgerfragen

Nach diesem allgemeinen Teil durften auch die Bürger ihre Fragen stellen. Ein Zuhörer wollte wissen, wie die Kandidaten zum Sonntagsschutz stehen. Außer den Kandidaten der Linken waren sich alle einig. Es müsse Rechtssicherheit geschaffen werden, aber vier verkaufsoffene Sonntage seien völlig okay und da möchte auch keiner ran. Ein junger Mensch schilderte seine Aussichten, als bald fertiger Gymnasiallehrer wohl keine Stelle im Kreis zu bekommen. Laut Spiegelberg-Kamens wurde seit Jahren versäumt, richtig zu planen und dann sollte den Studierenden aufgezeigt werden, wo Bedarfe bestehen. Hofmeister sieht es als schwierig an, ein Überangebot oder ein Mangel vorherzusagen. Aber es gebe viele Bereiche, wo Lehrer benötigt werden und das Schulamt würde jedem neue Chancen aufzeigen. Daher sei sein Weg nicht perspektivlos. Schardt-Sauer vermisst allgemein die Chancengerechtigkeit und neben besseren Rahmenbedingungen müssen auch mehr Stellen eingerichtet werden, um allen Aufgaben gerecht zu werden. Dr. Schaub appellierte an den jungen Mann, dass ein beruflicher Weg auch davon abhängig sei, was jemand möchte und was er bereit ist zu geben. Und Eroglu kritisiert das Land, welches falsche Anreize setzt, indem die Lehrer unterschiedliche Verdienste haben. Daher sei es wichtig, dass alle Lehrer gleich verdienen.

Speed-Dating statt Diskussion

Auf der einen Seite lag der Reiz in dieser Runde, dass viele Kandidaten vor Ort waren und ihre Meinung kundtun konnten. Auf der anderen Seite verhinderte diese Anzahl an Kandidaten eine wirkliche Diskussion. Am Ende glich das ganze mehr einem Speed-Dating als einer Diskussion. In kurzer Zeit – bei Ablauf schritt Moderator Schnelle konsequent ein- mussten die Politiker ihre Ansicht darlegen. Jedoch war es den anderen Kandidaten in der kurzen Zeit nicht möglich, ihre eigene Meinung zu äußern und auf die der anderen Kandidaten zu reagieren. Aber gerade da wird es erst richtig interessant. In der Vorstellung zählten sie kurz ihre Ziele auf, die überall nachzulesen sind. Doch erst in der Diskussion selbst würden sich die Unterschiede zwischen den Kandidaten zeigen, welche sich bei einzelnen Themen auf den ersten Blick recht ähnlich äußerten. Leider war auch die Moderation sehr unglücklich, die am Anfang mit sehr vielen Fehlern gespickt war, die nicht auf Versprecher zurückzuführen waren. Zudem war das Hineingrätschen nach der abgelaufenen Zeit auch nicht immer sehr professionell. Zumindest die Sätze hätte der Moderator die Kandidaten zu Ende sprechen lassen sollen.

Die nächste Möglichkeit, sich ein Bild von den Kandidaten zu machen, ist am Samstag, 29. September von 11 bis 13 Uhr auf dem Europaplatz Limburg. Dort hat der DGB Limburg-Weilburg zu einer Podiumsdiskussion mit den Landtagskandidaten eingeladen zum Thema „Gute Gesundheitsversorgung und gute Pflege – Große Aufgaben für die neue Landesregierung.“

 

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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