Sven Schmidt: „Mein Körper ist immer unter Gift“

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Sven Schmidt (39) hat derzeit keine Niere und muss dreimal die Woche zur Dialyse. Er wirbt für Organspenden, denn die Zahlen sind rückläufig. Ich sprach mit ihm über seine Erkrankung und die damit verbundenen Herausforderungen sowie über das Thema Organspenden.

Als Baby hatte Sven Schmidt einen Knick im Harnleiter. Bis dies erkannt wurde, waren die Nieren bereits vergiftet durch den Rückstau des Harns. Seit seinem 2. Lebensjahr geht er zur Dialyse und hatte bisher auch drei Spendernieren. In der Zeit, wo er leistungsfähige Nieren hatte, musste er nicht zur Dialyse. Leider haben die Nieren nicht immer gepasst und es kam zu Abstoßungsreaktionen. Seine letzte Niere hatte er 20 Jahre, doch er musste die ganze Zeit Medikamente für das Immunsystem nehmen. Vor zwei Jahren verschlechterte sich diese Niere und seitdem geht er wieder dreimal die Woche zur Dialyse.

„Was man nicht darf, will man“

Da Sven Schmidt derzeit keine Niere besitzt, findet keine Harnbildung statt und er hat keine Ausscheidungen. Dies sorgt dafür, dass sich die Giftstoffe im Körper ansammeln. „Mein Körper ist immer unter Gift“, erzählt er. Daher muss er aufpassen, was er zu sich nimmt, um sich nicht zu stark zu vergiften. Dazu gehört, dass er nur einen halben Liter Wasser am Tag trinken darf. „Würde ich zu viel trinken, sammelt sich das Wasser im Körper an.“ Auch beim Essen muss er aufpassen. Er muss eine strenge Diät einhalten, da die Regulierung der Salze im Körper ohne Niere nicht mehr gewährleistet ist. Kaliumhaltige Lebensmittel sind gestrichen, da zu viel Kalium das Herz schädigt. Und phosphathaltige Lebensmittel sind nicht gut, weil sie zu Verkalkungen der Blutgefäße führen. So ist die Liste lang, was er darf und was nicht wie keine Bananen, keine Schokolade, keinen Saft, keine Milch und keine Cola, um nur einige Beispiele zu nennen. „Was man nicht darf, will man dann“, lacht er, „ich gönne mir dies dann in der ersten Stunde der Dialyse, weil es wieder mit rauskommt.“

250 bis 300 Milliliter Blut pro Minute

Während der Dialyse werden 250 bis 300 Milliliter Blut pro Minute aus dem Körper gepumpt und gereinigt. „Das hält ein normales Gefäß nicht aus“, so Schmidt. Daher sind Arterie und Vene in der Armbeuge zusammengenäht, um diesem Druck standzuhalten. In fünf Stunden werden 80 Liter Blut gereinigt. „Das schafft die Niere sonst in einer Stunde.“ Der ganze Prozess der Dialyse dauert bei Sven Schmidt 5 Stunden und das dreimal die Woche. Nach der Dialyse fühlt er sich schlapp, hat auch mal Knochenschmerzen. „Die Dialyse ist für den Körper wie 10 Stunden arbeiten“, so Schmidt.
Dies hindert ihn jedoch nicht daran, in den Urlaub zu fahren. Innerhalb von Europa ist das kein Problem. Er geht dann vor Ort in ein Dialysezentrum. Jedoch muss er dafür ein halbes Jahr vorher die Termine ausmachen.

Genaues Körpergefühl entwickeln

Sven Schmidt erzählt mir, dass er seinen Körper inzwischen sehr gut kennt. Aber er macht auch klar, dass man auf die kleinsten Anzeichen achten sollte, ohne sich jedoch davon verrückt machen zu lassen. Wenn er beim Essen zum Beispiel nicht aufgepasst hat, zeigt ihm ein Ammoniakgeschmack im Mund an, dass sich zu viel Harnstoff im Organismus befindet, was gefährlich werden kann. Wenn sich zu viel Eiweiße im Körper befinden, setzen sich diese in den Gelenken ab und die Hände lassen sich schwerer bewegen. Aber er macht auch klar: „Ich bin froh, dass ich nur auf die Niere angewiesen bin. Bei anderen Organen gibt es keine Ersatztherapie.“

Zu wenige Organspender

Sven Schmidt macht auf seine Erkrankung aufmerksam, zeigt auf, mit welchen Einschränkungen er leben muss und wirbt für Organspenden. „Pro Jahr werden 150 Kinder in Deutschland nierenkrank und an die 100 erhalten direkt im ersten Jahr eine Niere transplantiert“, so Schmidt. Doch leider ist die Spenderzahl seit einigen Jahren rückläufig. Derzeit müssen Menschen, die eine neue Niere benötigen, acht bis zehn Jahre auf eine Spenderniere warten. „80 Prozent der Bürger in Deutschland sind keine Spender“, zählt er auf. Er wäre für die Widerspruchsregelung, wo jemand nicht aktiv sagen muss, dass er spenden möchte, sondern wo er einer Spende aktiv widersprechen muss. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern wie Spanien zeigen, dass die Anzahl an Spendern dadurch ansteigt. Zudem würde ein vorhandener Organspendeausweis die Entscheidung von den Angehörigen nehmen.

Wunschlos zufrieden

Daher wirbt er für Organspenden und geht direkt in die Schulen. Denn bereits mit 16 Jahren darf jemand einen Organspendeausweis haben. „Die jungen Menschen können sich nicht vorstellen, wie es ist, mit solchen Einschränkungen zu leben“, so Schmidt. Die positive Resonanz auf seine Vorträge trägt ihn weiter. Zudem hat er den Verein „Von und für nierenkranke Kinder und Jugendliche“ gegründet, um die Kinder-Dialyse in Frankfurt zu unterstützen, wo er selbst behandelt wurde. Bereits für 12 Euro im Jahr kann der Verein unterstützt werden.

Obwohl ohne Nieren ist Sven Schmidt derzeit wunschlos. „Ich genieße das Leben, soweit ich kann.“ Da er sich momentan sehr wohl fühlt, hat er auch keine Wünsche – auch nicht nach einer neuen Niere. „Bei einer neuen Niere habe ich keine Garantie, wie mein Körper sie annimmt und wie lange sie hält.“

Mehr zum Verein „Von und für nierenkranke Kinder und Jugendliche“ findet ihr auf Facebook sowie auf der Internetseite.


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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