Tag der Organspende – Die Würde desMenschen ist jederzeit im Focus

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Der 1. Juni ist der Tag der Organspende. Sein Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig“ soll die Bedeutung der persönlichen Entscheidung in den Blickpunkt rücken.

2018 gab es bundesweit 955 Organspender*innen (incl. Lebensspenden). Das entspricht 11,5 Organspenden je eine Million Einwohner. 2018 wurden etwa 5.000 Personen neu auf die Warteliste aufgenommen. 901 Personen auf der Warteliste sind 2018 verstorben. Im Vergleich zu anderen Mitgliedsstaaten des Eurotransplant-Verbunds ist Deutschland das Land mit den meisten Patienten auf der Warteliste (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Nachfolgend ein Interview zur aktuellen politischen Diskussion zur Widerspruchslösung mit dem Chefarzt der Anästhesie im St. Vincenz Krankenhaus, PD Dr. Michael Fries, der auch Mitglied im Ethikkomitee der Klinik und  stellvertretender Ärztlicher Direktor ist.

9.400 Menschen warten auf Organ

In Deutschland hoffen rund 9.400 schwer kranke Menschen auf die Transplantation eines Organs. Rund 84 Prozent der Bevölkerung stehen der Organspende positiv gegenüber, aber nur 36 Prozent haben tatsächlich einen Organspende-Ausweis. Um die Zahlen potentieller Organspender zu erhöhen, sollen die gesetzlichen Voraussetzungen reformiert werden: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn forciert die sogenannte Widerspruchslösung (wer nicht ausdrücklich widerspricht, dem werden im Falle seines Hirntods Organe entnommen), daneben gibt es interfraktionelle Gesetzentwürfe, die mehr Differenzierungen vorsehen wie beispielsweise verbindliche, regelmäßige Befragungen. Es handelt sich um ein hochaktuelles wie hochsensibles Thema. Das Interview stammt von der Presseabteilung des St. Vincenz-Krankenhaus.

Wie stehen Sie persönlich zum Vorschlag der Widerspruchslösung?

Dr. Michael Fries: Ich habe während meiner langjährigen Tätigkeit am Universitätsklinikum Aachen häufig Gespräche mit den nächsten Angehörigen potentieller Organspender geführt. Diese Menschen sind in einer extremen Situation. Zum einen müssen Sie gerade bewältigen, dass ihr geliebter Partner, Kind, Bruder oder Schwester verstirbt und darüber hinaus seine körperliche Unversehrtheit zerstört wird. Auf der anderen Seite haben auch viele den Wunsch, dass der Tod wenigstens für etwas gut gewesen sein soll, indem mit den Organen anderen Menschen geholfen wird. Eine pauschale Lösung wird es nicht geben. Die Kultur in Richtung der Widerspruchslösung lässt sich gehen. Es wird allerdings viel Arbeit notwendig sein, um die Bevölkerung zu informieren. Wer widersprechen will, muss sich dann zwangsläufig intensiver mit dem Thema befassen. Ich persönlich könnte damit leben.

Wird diese Lösung unsere Gesellschaft tatsächlich dazu bringen, sich ernsthaft inhaltlich mit dem Pro und Contra der Organspende auseinanderzusetzen? Oder wird sie viele Befürworter eher verschrecken?

Dr. Michael Fries: Letzteres glaube ich nicht. Wer inhaltlich überzeugt ist, spendet sowieso. Die Auseinandersetzung würde auf jeden Fall intensiver. Das Thema sollte meiner Meinung nach dann auch im Schulunterricht behandelt werden.

Wenn der Hirntod diagnostiziert wird, werden die Angehörigen automatisch auf eine mögliche Organspende angesprochen. Gibt es nicht kaum einen ungünstigeren Moment, dieses Thema anzusprechen, schließlich müssen sich die Angehörigen gerade mit dem Verlust eines geliebten Menschen auseinandersetzen? 

Dr. Michael Fries: Das ist auf jeden Fall richtig, aber unumgänglich. Eine im Vorfeld geführte, breitere Information der Bevölkerung und jedes Einzelnen wird hier helfen. Allerdings ist es meiner Erfahrung nach oft zweierlei, über etwas theoretisch zu philosophieren und etwas leibhaftig zu erleben. Ich habe auch schon Fälle erlebt, in denen der Hirntote einen Spenderausweis hatte, der Partner aber nicht einverstanden war. In diesen Fällen wird aktuell eher sehr zurückhaltend verfahren, auch wenn es rechtlich möglich wäre, in dieser Konstellation Organe zu entnehmen. In jedem Fall sind mehrere, intensive Gespräche nötig.

Haben Sie im klinischen Alltag überhaupt genug Zeit, um dieses Thema empathisch anzusprechen und ausreichend aufzuklären?

Dr. Michael Fries: Ja. Diese Zeit nehmen wir uns für alle Angehörigen auf der Intensivstation. Die Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation sind darüber hinaus im Falle einer Organentnahme ebenfalls sehr aktiv und reduzieren den administrativen Aufwand für uns Ärzte deutlich.

Sind die Ängste vieler Bürger vor einer Fehldiagnose des Hirntods – der Bedingung für jegliche Organspende – auszuschließen? Ist Hirntod tatsächlich sicher zu diagnostizieren?

Dr. Michael Fries: Die aktuelle Novellierung der Voraussetzungen zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (so heißt der Hirntod im Fachjargon) hat klare Definitionen und muss an aufeinanderfolgenden Zeitpunkten und durch zwei in diesem Feld erfahrene Fachärzte festgestellt werden. Darüber hinaus kommen aufwändige und zuverlässige apparative Untersuchungen hinzu. Der ganze Prozess kann sich über zwei bis drei Tage ziehen, was der Tragweite der Diagnose auch gerecht wird.

 Empfindet ein hirntoter Mensch Schmerz?

Dr. Michael Fries: Nach allem was wir wissen nicht.

„Die Würde des Menschen ist jederzeit im Focus“

Wie wird in einem Verfahren, das schnelle Entscheidungen erfordert, um ein lebensfähiges Organ transplantieren zu können, die Verantwortung vor der Würde des Menschen gewährleistest?

Dr. Michael Fries: Die Würde des Menschen ist jederzeit im Fokus unserer Bemühungen auf der Intensivstation. Also auch bei einem Hirntoten. Die Zeit nach Feststellung des Hirntodes bis zur Organentnahme wird durch intensivmedizinische Maßnahmen überbrückt. Alle anderen Organe funktionieren ja in aller Regel ohne Einschränkung.

Auch verschiedene Skandale haben das Vertrauen der Menschen in gute Kontrollmechanismen bei der Organspende erschüttert – können Sie etwaige Manipulationsverfahren ausschließen?

Dr. Michael Fries: Die Mechanismen, wohin ein Spenderorgan geht, sind in meinen Augen gut kontrolliert und in den letzten Jahren, auch als Folge der Unregelmäßigkeiten, weiter angepasst worden. Patienten, die potentielle Empfänger sind, werden regelhaft in interdisziplinären Konferenzen besprochen und so von vielen Fachärzten eingeschätzt, die am Ende alle einstehen müssen, wenn die Entscheidung zur Listung getroffen wird.

Viele Menschen haben Angst, es werde im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht mehr alles medizinisch Mögliche für sie getan, wenn sie bereits einen Organspendeausweis haben….

Dr. Michael Fries: Diese Sorge ist meiner Meinung nach unbegründet. Die oberste Maxime aller Ärzte ist der Erhalt des Lebens. Erst wenn wir merken, dass unsere Bemühungen vor dem Hintergrund der schweren Schädigung des Gehirns sinnlos sind, schwenken wir in Richtung einer sog. organerhaltenden Therapie um und beginnen mit den Angehörigen über eine potentielle Organspende zu sprechen.

 Wie viele Explantationen werden vom St. Vincenz-Krankenhaus jährlich vermittelt?

Dr. Michael Fries: In den letzten vier Jahren hatten wir nur eine Organentnahme im St. Vincenz. Das liegt aber nicht an unserer Bereitschaft, sich des Themas anzunehmen. Zum einen nimmt die Zahl schwerer Schädel-Hirn-Verletzungen stetig ab, zum anderen behandeln wir solche extremen Verletzungen nicht. Diese Patienten werden häufig direkt vom Unfallort oder nach Erstbehandlung bei uns weiterverlegt. Es sind Gründe, die übrigens auch in anderen Häusern zu finden sind.

Haben Sie persönlich einen Organspendeausweis?

Dr. Michael Fries: Nein, aber meine Frau wüsste was ich möchte.

+++++++++ Hintergrund+++++++++++++++

.Politisch gilt in Sachen Organspende aktuell die sog. Entscheidungslösung. Sie schreibt vor, dass jeder Bürger regelmäßig in die Lage versetzt werden soll, sich mit der Frage der eigenen Entscheidung zur Organspende ernsthaft zu befassen und in einer Erklärung, dem Organspende-Ausweis, zu dokumentieren. Seit Inkrafttreten des deutschen Transplantationsgesetzes 1997 gilt in Deutschland außerdem: Der Wille des Verstorbenen zu Lebzeiten hat Vorrang. Liegt keine Entscheidung vor, z.B. in Form eines Organspende-Ausweises, werden die Angehörigen gebeten, eine Entscheidung nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu treffen. Hat der mögliche Organspender die Entscheidung auf eine bestimmte Person übertragen, tritt diese an die Stelle der nächsten Angehörigen.     *Quelle: Deutsche Stiftung Organspende (DSO)

www.organspende-info.de

Gerne empfehle ich euch noch ein Lokalgespräch mit Sven Schmidt, der ohne Nieren lebt und mit dem ich über sein Leben sowie über Organspenden sprach.

 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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