Tag des Buches: „Umschreiben ist bereits Zensur“

Der 10. Mai ist der Tag des Buches, denn am 10.Mai 1933 fanden in mehreren deutschen Städten Bücherverbrennungen statt. Die Nationalsozialisten befanden, welche Bücher gelesen werden dürfen und welche nicht. Ist dies vergleichbar damit, wenn heute Bücher umgeschrieben werden, weil manche Aussagen nicht mehr politisch korrekt sind?

Am 10. Mai 1933 brannten in mehreren deutschen Städten Bücher. Insgesamt wurden ab März 1933 über mehrere Monate in über 90 Städten 102 Bücherverbrennungen erfasst. 1939 enthielt die „Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ 4.175 Einzeltitel und 565 Verbote von Gesamtwerken und betraf über 270 Menschen der schreibenden Zunft (Quelle Bundeszentrale für politische Bildung

Doch wie sieht es heute aus, wenn wir Bücher umschreiben oder gar verbieten wollen? Erheben wir uns dann nicht auch über die Autoren und ihre Werke? Darüber sprach ich mit einigen Menschen aus der Region, die beruflich mit Büchern zu tun haben.

Diskussion um Kinderbücher

Eine Diskussion um klassische Kinderbücher ist nicht neu. Bereits seit 2013 ist dies immer wieder Thema mit verschiedenen Argumenten. In Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren gibt es keinen „Negerkönig“ mehr, sondern einen „Südseekönig“. Und in „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler sollen sich die Kinder nicht mehr als „Negerlein“ verkleiden. Als die Autoren ihre Bücher schrieben, waren manche Wörter ganz normal und niemand hat sich Gedanken darüber gemacht. Doch Worte und Gesellschaft befinden sich im stetigen Wandel. Sollten daher solche Bücher umgeschrieben werden?

Die Autorin Barbara Kunrath findet das Umschreiben von Büchern als schwierig, denn dies sei bereits Zensur. Zumal die Autoren oftmals verstorben sind und man mit ihnen gar nicht das Gespräch suchen kann. Häufig gehe es dabei um das Wort „Neger“, welches heute ganz klar rassistisch ist. „Unsere Sprache hat sich verändert, aber Neger war damals kein rassistisches Wort“, so die Autorin weiter, „ich glaube nicht, dass Astrid Lindgren oder Michael Ende rassistisch waren. Sie haben sich doch eher für Benachteiligte eingesetzt.“

Sie ist mit diesen Büchern groß geworden und „der kleine Negerjunge Jim Knopf von Michael Ende war für mich nie negativ belegt. Die Figuren sind mir total ans Herz gewachsen.“ Sie sieht in den Büchern eher die Möglichkeit, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, um die Veränderung von Werten und Normen in der Gesellschaft. Aber sie merkt auch in ihrem eigenen Schaffen, wie die Überkorrektheit an Sprache zunimmt. „Ich möchte mit meinen Büchern niemanden vor den Kopf stoßen“, so Kunrath. Aber wenn sie nur noch drüber nachdenken muss, alles korrekt zu schreiben, merkt sie, wie sich das auf den eigenen Schaffensprozess auswirkt – und das nicht immer positiv.

Karl May eigentlich verboten

Silvia Kremer, Leiterin der Dombibliothek, ist auch gegen das Umschreiben von Büchern, sondern möchte sie eher in die Zeit eingeordnet wissen. Aus einer Diskussion mit einer Germanistik-Studentin weiß sie aber auch, dass es Menschen gibt, die ein Umschreiben für angebracht halten. Kremer sagt hingegen, dass nicht „alle Dokumente gleichgeschaltet“ werden sollen, denn auch dies sei eine Art der Diktatur.

Sie habe alle Karl May Bände gelesen, obwohl diese heute eher kritisch zu betrachten sind. So lassen sich in seinen Werke viele heute als rassistisch angesehene Formulierungen finden, die den Paradigmen seiner Zeit unterlagen. „Man müsste ihn eigentlich verbieten“, so Kremer, aber sie fand die Reisebeschreibungen immer so toll. Sie fand es auch nicht toll, dass „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler eine Zeit lang in katholischen Kindergärten verboten wurde, damit die Kinder keine Berührung zum Okkultismus erhielten. „Literatur muss eingeordnet, aber nicht verboten werden“, so ihre Meinung. Sie sieht darin eher die Möglichkeit, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, wenn sie danach fragen. Und sie wirft eine Frage auf, die recht passend das Problem beschreibt: „Wer entscheidet denn, was richtig ist oder nicht?“ Sie sieht eher das Problem darin, dass eine falsche Überkorrektheit in eine völlig falsche Richtung gehen kann.

Sie sieht vor allem in der Kinderliteratur die Diskussion um das Umschreiben. Wenn möglich, sollten sie Kinder gar nicht erst damit in Berührung kommen und „falsche“ Dinge aufnehmen. So die Argumentation mancher Befürworter des Umschreibens. In der Erwachsenenliteratur wird dies eher seltener diskutiert. Hier treten Diskussionen bei frauenfeindlichen oder rassistischen Inhalten auf. Doch auch hier möchte Silvia Kremer lieber in die Besprechung gehen, als ein Buch ganz zu verbieten.

Einordnen und ins Gespräch kommen

Auch die Autorin Nicole Steffens befürwortet ein umschreiben nicht. Sie sieht es als Möglichkeit an, sich für ein Thema zu sensibilisieren. „Es besteht die Möglichkeit, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und ihnen zu erklären, warum man manche Dinge heute nicht mehr so sagt, wie früher“, so Steffens. Daher ist es für sie Unsinn, Geschichten umzuschreiben.

Mit einem ganz anderen Feld befasst sich der Stadtarchivar Christoph Waldecker. Mit ihm sprach ich vor einiger Zeit vor allem über die Gedenkkultur in Limburg. Im Rahmen dessen ging es darum, dass Denkmäler aber auch Bücher in Kontext ihrer Zeit entstehen. So wurde die Wehrmacht in vielen Büchern nach dem Krieg schön gefärbt, als etwas heroisches dargestellt. Die kritische Auseinandersetzung erfolgte erst später. Auf die Frage, ob diese Bücher mit dem falschen Bild verboten werden sollten, lehnte er strikt ab. Er findet es wichtiger, sie bestehen zu lassen und sie in ihre Zeit einzuordnen.

Die Sprache ist im Wandel und dies wird sich nie legen. Ein großes Thema der aktuellen Zeit ist das richtige Gendern oder die Frage, wieviel und ob überhaupt gegendert werden muss. Daher bin auch ich der Meinung, dass Bücher, die entstehen, nicht nachträglich von uns korrigiert werden sollten. Wer weiß, ob die Werke, welche aktuell entstehen, in 100 Jahren in die Zeit passen?!

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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