Ukraine-Krieg und Landwirtschaft – Warnung vor blinden Aktionismus

Seit Ende Februar ist Krieg in der Ukraine. Die Auswirkungen spüren wir überall – an der Tankstelle oder beim Einkauf. Auch in der Landwirtschaft sind die Folgen zu spüren. Mit dem Kreisbauernverband sprach ich über verschiedene Bereiche, auf die sich der Krieg bereits auswirkt und eventuell noch auswirken kann.

Wenige Tage nach Beginn des Krieges wurden die Stimmen laut, dass Deutschland energieunabhängig von Russland werden müsse. Gerade in Zeiten, wo darüber diskutiert wird, ob erneuerbare Energien auf Ackerflächen entstehen dürfen, kommt hier ein zusätzlicher Faktor als Argument hinzu. Gleichzeitig ist die Ukraine aber auch die Weizenkammer Europas und so gab es auch Rufe nach Versorgungssicherheit innerhalb der Lebensmittel. Und als dritter Punkt sind die Landwirte ebenfalls mit den gestiegenen Preisen bei Strom, Gas und Düngemittel konfrontiert. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Kreisbauernverband Limburg-Weilburg.

Warnung vor blinden Aktionismus

Innerhalb weniger Wochen habe sich eine völlig neue Situation in verschiedenen Bereichen ergeben, die sich niemand vorstellen konnte, so Marco Hepp, Schweinehalter und Vorsitzender vom Kreisbauernverband. Zuallererst sind die Gedanken des Kreisbauernverbandes bei den Menschen in der Ukraine, die Nachrichten könnten nur mit Fassungslosigkeit verfolgt werden. Damit hätte niemand gerechnet und niemand hätte mit den Folgen gerechnet, die dieser Krieg in Deutschland hat. Es kommen Dinge in den Blick, die niemand bisher auf dem Schirm hatte. Doch er warnt auch davor, in blinden Aktionismus zu verfallen. Und auch Jens Bermbach, Ackerbauer aus Bad Camberg und Beisitzer im Vorstand, warnt davor, es mit dem gutgemeinten Idealismus zu übertreiben. Vielmehr müssen alle etwas geben und nur im Miteinander können sich alle auf die neuen Bedingungen einstellen und an Lösungen arbeiten. Dies ist auch etwas, was im Gespräch immer wieder durchklingt. Die Landwirte wünschen sich, dass man mit ihnen spricht, sie mit einbezieht, sich ihre Meinung anhört, denn nur zusammen können Themen vorangebracht werden. Dies geht beim Flächenverbrauch los und endet bei der Gesetzgebung, welche oftmals von oben herab durchgesetzt wird.

Gute Böden schützen

Im Landkreis gibt es gute Böden und es wäre schade, dies nicht für die Nahrungsmittelproduktion zu verwenden. Vor allem entlang der A3 gibt es mit den Plänen zum Solarpark Limburg großes Konfliktpotential. Rund 50,8 Prozent der Flächen in Deutschland sind landwirtschaftliche Flächen. Noch immer gehen davon im Jahr rund 56 Hektar für den Siedlungsbau und Verkehrszwecke verloren, obwohl sich die Bundesregierung vor einigen Jahren vorgenommen hatte, diese auf 30 Hektar zu beschränken. Dies ist bisher nicht gelungen. Anfang 2018 hat die Bundesregierung dieses Ziel auf 2030 verschoben. „Wir sollten den Acker nicht zubauen, bloß weil es einfach ist“, so Bermbach.

Die Landwirte unterstützen die erneuerbaren Energien, haben Photovoltaikanlagen auf ihren Dächern und betreiben Biogasanlagen. Diese Anlagen fügen sich gut in einen landwirtschaftlichen Betrieb ein, der eine Kreislaufwirtschaft betreiben kann. Seit Jahren stünde die Landwirtschaft in Konkurrenz mit Baugebieten und Straßenbau. Doch eine größere Solarfläche auf Ackerland sehen die Landwirte noch nicht zu Ende gedacht. Eine PV-Anlage sei sehr gut bei intensiver Sonneneinstrahlung, so Hepp. Doch er fragt sich, wo der Strom herkommt, wenn die Monate grau sind mit wenig Sonne? Es bedarf einer besseren Energiespeicherung.

Auch die viel beschworenen Agri-Photovoltaikanlagen sieht er skeptisch. Er fragt sich, ob eine solche Methode am Ende für beide Seiten wirtschaftlich ist, denn Landwirtschaft wie auch Energieerzeuger müssen Abstriche in der Produktivität machen, wenn sie sich die Flächen teilen. Eine Biogasanlage könne Tag und Nacht laufen. Zudem sei es nicht wahr, dass die Ackerflächen an der A3 nur dazu dienen, um Mais für die Biogasanlage anzubauen. Vielmehr landen auch die Reststoffe aus der Tierhaltung darin. Die Landwirte betrieben einen jährlichen Wechsel ihrer Kulturen, damit der Boden fruchtbar wird.

Fesseln rechtliche Rahmenbedingungen

Doch bei allen Themen die Energieerzeugung betreffend gibt es immer wieder rechtliche Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass etwas nicht wirtschaftlich ist oder nicht so realisiert werden kann, wie gedacht. „Viele Fesseln im Erneuerbaren-Energie-Gesetz müssen gelöst und die Weichen richtig gestellt werden“, so Hepp. Aber er betont nochmal, dass die Landwirte gerne ihren Anteil beitragen. Aber der massive Flächenverbrauch muss endlich eingeschränkt werden.

Wenn die Flächen für die Landwirtschaft immer weniger werden, sinkt die Produktion und dann stünden die Verbraucher am Ende häufiger vor leeren Supermarktregalen. Wobei die beiden Landwirte die aktuellen Hamsterkäufe nicht nachvollziehen können. Dies seien teilweise übertriebene Handlungen, welche dann wiederum eine Gefühl von Knappheit erzeugen, welches noch gar nicht vorhanden ist. Auch wenn die Ukraine als „Weizenkammer von Europa“ angesehen wird, sieht da Bermbach erstmal kein Problem für die Region. In Deutschland sei die Weizenmenge ausreichend für die Selbstversorgung. Bei Roggen und Hafer sei man in Deutschland auf Importe angewiesen. Das Problem mit der „Weizenkammer“ birgt dennoch Zündstoff, weil die Versorgungslage ärmerer Länder damit in Bedrängnis gerät. Und wenn die ärmeren Länder Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung haben, könnte dies zu neuen geopolitischen Verschiebungen führen, welche dann auch hier vor Ort spürbar sein werden. Daher ist die Versorgungssicherheit ein wichtiges Gut, laut Bermbach, dürfte aber nicht nur regional und national betrachtet werden, sondern ganzheitlich.

Gestiegene Kosten

Doch es sind nicht nur die erneuerbaren Energien und die unabhängige Energieversorgung, die dadurch neue Dringlichkeit erhält. Noch stärker merken die Landwirte bereits die Kostensteigerungen bei sich. Der Dünger kostet aktuell das fünffache von dem, was er im letzten Jahr gekostet hat. Zudem ist Russland der Hauptexporteur von Dünger. „Wir brauchen den Dünger für einen guten Ertrag“, so Bermbach. Dieser Bereich habe sehr geringes Einsparpotential. Wenn der Dünger aus einem anderen Land importiert werden muss, kommen eventuell höhere Transportkosten auf die Landwirte zu, so dass sich der Vorteil eines günstigeren Düngers nicht nutzen lässt.

Zum Teil nehmen sie schon die Gülle der Tierhalter als Düngemittel. Auch Kompost kommt mit auf die Böden. Doch Kompost verbessert einen Boden über Jahre hinweg, doch die Landwirte sind jedes Jahr auf gute Erträge angewiesen. Zudem schreibt die Düngemittelverordnung vor, dass die Landwirte 50/50 mit organischem und mineralischem Dünger düngen müssen. „Der Kompost dürfte in der jetzigen Situation ausverkauft sein“, so Bermbach zusammenfassend, „und für eine gute Kreislaufwirtschaft brauchen wir auch die Tiere.“ Nur im Gesamten kann Landwirtschaft nachhaltig betrieben werden.

Und ja, auch bei den Maschinen merken sie die gestiegenen Spritpreise. Da gibt es auch keine Alternativen zu. Kleinere Maschinen wie Kehrmaschinen oder Handgeräte sind bereits auf Elektro umgestellt. Doch bei den großen, schweren Maschinen lohnt sich dies nicht. Da ist eine Umstellung nicht möglich. Ende Februar, als Russland in die Ukraine einmarschierte, übte der Kreisbauernverband noch ein wenig Zurückhaltung in Anbetracht der steigenden Spritpreise. „Es gibt aktuell schlimmeres“, war die damalige Meinung. Doch wenn die Preise weiterhin so hoch gehen oder sich auf einem hohen Niveau festigen, dann würden sie sich den Forderungen anderer Verbände nach einem Gewerbediesel anschließen, so Hepp.

Völlig neue Situation

Am Ende weißt Hepp darauf hin, dass sie sich in einer Situation befinden, in der sie noch nie waren. Zum ersten Mal haben die Schlachthöfe ihre Verträge mit dem Handel gekündigt, weil die Preise nicht stimmen und die Erzeuger nicht mehr alleine die Lasten tragen können. Das sei endlich ein wichtiges Signal an den Einzelhandel, die Preise zu erhöhen, damit die Betriebe an den ganzen gestiegenen Kosten nicht zugrunde gehen. Dies sei für ihn ein positives Signal. Lange standen die Erzeuger mit ihren Kosten alleine da. Nun geraten die Schlachthöfe durch gestiegene Kosten ebenfalls in Bedrängnis und aktuell stehen die ukrainischen Mitarbeiter nicht zur Verfügung. Damit ist eine Produktion dauerhaft aktuell nicht möglich und Hepp geht davon aus, dass die Fleischregale demnächst auch mal leer sein werden. „Irgendwann kommt die Situation an der Ladentheke an“, ist er überzeugt.

Dennoch haben sich die Preise noch nicht richtig eingependelt. Noch müsse er bei der Ferkelerzeugung drauflegen, da auch die Futterkosten massiv gestiegen sind. Er geht davon aus, dass die Preise noch weiter steigen, hofft aber, dass sich der Markt reguliert. Sonst werden wohl weitere Betriebe aufgeben müssen. Im Ackerbau sieht es derzeit so aus, dass die Erzeugnisse vom letzten Herbst bereits größtenteils verkauft worden sind, so dass sie nicht von den hohen Getreidepreisen gerade profitieren. Dennoch müssen die gestiegenen Produktionskosten getragen werden. Da bleibt dann nur die Hoffnung, dass im Herbst die Preise noch so hoch sind, dass sie mit dem Verkauf des Getreides die gestiegenen Kosten kompensieren können, so Bermbach.

Umdenken in der Politik

Und am Ende bleibt ein Wunsch bei den beiden Landwirten. Das die ganze Situation die Politik zum Umdenken bewegt. Die EU hatte das Ziel herausgegeben, 10 Prozent der Flächen aus der Bewirtschaftung herauszunehmen und 30 Prozent der Flächen auf Öko-Landbau umzustellen. Ein Ökolandbau sei nur mit Tierhaltung möglich. Derzeit gebe es 1,8 Prozent bio im Tier und Fleischbereich. Wie soll man da auf die 30 Prozent kommen? Und wenn Flächen aus der Bewirtschaftung herausgenommen werden, dann wird in Europa auch weniger produziert. Die EU sollte daher nochmal darüber nachdenken, ob dies der richtige Weg für die Zukunft ist, gerade auch mit Blick auf den Krieg.
Das Gespräch mit Marco Hepp und Jens Bermbach zeigte, dass es viele Stellschrauben in der Landwirtschaft gibt, über die nachgedacht werden sollte. Gerne sind die Landwirte bereit, mitzuwirken und mitzugestalten, aber dies geht nur gemeinsam und nicht zu Lasten der Landwirtschaft.

Am Ende zitiere ich noch von der Homepage des Kreisbauernverbandes: „Wir Landwirtinnen und Landwirte sind zuallererst solidarisch mit der Ukraine und deren Bevölkerung und hoffen auf eine Ende der Gewalt. Wir tragen die dadurch in unserer Produktion entstandenen Mehrkosten mit und stehen nach wie vor zu unserem in der Zukunftskommission Landwirtschaft gegebenen Wort, ökonomische sowie ökologische Interessen an unseren Berufsstand mit einer modernen, nachhaltigen Produktionsweise zu erfüllen.
Und dennoch sollte sich die Politik und die Gesellschaft ihrer Verantwortung gegenüber der Welt bewusst sein, aus was unsere heimische Nahrungsmittelproduktion angeht.“

Das ganze Statement findet ihr auf der Homepage des Kreisbauernverbandes.

 

Empfehlung für weitere Artikel:

Ohne Öl und Gas aus Russland – Wie Deutschland Energie sparen kann (Correctiv)

Wenn im Märzen der Bauer nicht mehr anspannt…. (Marion Schardt-Sauer, FDP Limburg-Weilburg)

 

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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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