Valentin Zill – Für die, die keine Lobby haben

Am 26. September 2021 wird ein neuer Bundestag gewählt. Den Kandidaten für die Wahlkreise 176 und 178 habe ich Fragen gestellt, die sie mir beantwortet haben.

Der 35-jährige Valentin Zill tritt für die Linken zur Bundestagswahl an. Er ist verheiratet und lebt in Limburg. Nach einigen Jahren in der Touristikbranche arbeitet er jetzt wieder als Journalist. Er studierte Ethnologie, Soziologie und Afrikanistik. Politisch aktiv ist er seit seiner frühen Jugend, als Friedensfreund, Antifaschist, Gewerkschafter und Linker.

Auf wichtige Themen hinweisen

Was sind ihre Ziele?

Valentin Zill: In den Bundestag werde ich kaum gewählt werden. Ich trete an, weil die drei wichtigsten Themen im Wahlkampf kaum zur Sprache kommen. Das ist zum einen die Klimakatastrophe, die der Kapitalismus verursacht hat und die wir unter kapitalistischen Bedingungen nicht lösen können. Zum zweiten die Frage, wer für die Krise zahlt – Vorschläge aus allen im Bundestag vertretenen Parteien außer der Linken lassen ahnen, dass nach längst schalem neoliberalen Rezept wieder Sozialkassen geplündert werden sollen, das Renteneintrittsaltern erhöht und damit wieder diejenigen zur Kasse gebeten werden, die ohnehin am wenigsten haben. Das Steuerkonzept der Linken hingegen sieht vor, alle Einkommen unterhalb von 6.500 Euro pro Monat steuerlich zu entlasten, alle Einkommen darüber hingegen wie zu Helmut Kohls Zeiten mit bis zu 53 Prozent zu besteuern. Besonders Vermögende dürfen sich zusätzlich mit einer Vermögenssteuer an der Finanzierung unseres Gemeinwesens beteiligen. Starke Schultern können schließlich mehr tragen!

Der dritte wichtige Punkt betrifft die Außenpolitik. Die Regierungen der letzten Legislaturperioden haben wie verrückt aufgerüstet. Manöver der deutschen Bundeswehr an den Grenzen Russlands oder im Indopazifik sind Provokationen, die die Kriegsgefahr erheblich wachsen lassen. Diese Aggression geht von den NATO-Staaten aus, die zusammen sechzehn mal soviel für Rüstung ausgeben wie Russland und China zusammen. Nur die Linke tritt dafür an, diesem Wahnsinn endlich ein Ende zu setzen.

Klimaschutz bedeutet nicht nur Verzicht

Ein großes Thema ist der Klimaschutz. Wo sehen Sie Deutschland in 2025 bei diesem Thema?

Valentin Zill: Diese Bundestagswahl ist die letzte, bei der wir politische Weichen so stellen können, dass wenigstens die schlimmsten Auswirkungen der Klimakatastrophe abgemildert werden. Ich fürchte aber, dass viele Menschen die Dringlichkeit dieser Frage noch immer nicht gänzlich verstanden haben. Wir können das Klima nur schützen, wenn wir von der irrsinnigen Ressourcenverschwendung des Kapitalismus wegkommen und eine Wirtschaft aufbauen, die statt schnöder Profite das Wohl des Menschen im Blick hat. Dabei können wir viel gewinnen: menschenwürdige, sinnvolle Arbeitsplätze in belebten, autofreien Städten und deutlich mehr Freizeit, die wir auf zwischenmenschliche Beziehungen, Bildung, Kultur und Sport verwenden können. Und eine lebenswerte Umwelt, in der auch noch unsere Enkelkinder groß werden können. Viel zu oft diskutieren wir die Klimafrage unter dem Narrativ des Verzichts. Dabei geht es in dieser Frage letztlich doch darum, wie wir in Zukunft leben wollen. Und da ist noch viel Luft nach oben!

13 Euro Mindestlohne

Die Wirtschaft hat durch Corona gelitten. Sind Sie der Meinung, dass sich die Wirtschaft bis 2025 davon erholt haben wird? Und wie sieht es mit dem Arbeitsmarkt allgemein aus?

Valentin Zill: Die Frage halte ich für falsch gestellt. Manche Bereiche der Wirtschaft sind gut durch die Krise gekommen, andere weitgehend unter den Tisch gefallen, weil sich die Politik nicht für sie interessiert hat. Fragen Sie mal Restaurantbetreiber oder gar deren Beschäftigte, oder Kulturschaffende und Soloselbstständige! Auf der anderen Seite fehlen in Deutschland über 100.000 Krankenpfleger, 100.000 Altenpfleger und 50.000 Lokführer. Wichtige Jobs, die mies bezahlt werden und von unterirdischen Arbeitsbedingungen geprägt sind. Diese systemrelevanten Jobs müssen deutlich besser bezahlt werden, und neue Stellen in diesen Sektoren geschaffen werden, damit die Arbeitszeit wieder in verträgliche Bahnen kommt. Wenn es dann noch gute Weiterbildungsmöglichkeiten gibt, sinkt die Arbeitslosigkeit schnell. Auch ein armutsfester Mindestlohn von 13 Euro pro Stunde, wie die Linke ihn fordert, kurbelt die wirtschaftliche Nachfrage an und schafft Arbeitsplätze.

Abbau eines profitorientierten Gesundheitssystems

Was sind für Sie die wichtigsten Learnings aus der Corona-Pandemie?

Valentin Zill: Das Profitzwängen unterworfene Gesundheitssystem hat versagt. Wir müssen hin zu guter Gesundheitsversorgung in öffentlicher Hand, mit gut ausgestatteten Krankenhäusern und vor allem gut bezahlten Pflegekräften, die unter menschlichen Arbeitsbedingungen Kranke gesund pflegen. Wir müssen Schulen endlich mit Luftfiltern ausstatten. Und tragfähige Konzepte für Seuchenbekämpfung ausarbeiten, denn die nächste Pandemie kommt bestimmt. Dafür sorgt die kapitalismusgemachte Klimakatastrophe, die den Lebensraum von Tieren beständig verkleinert und zerstört und so Zoonosen wahrscheinlicher macht als in der Vergangenheit.

Im Rahmen der Corona-Pandemie gab es einige Spendenskandale, um nur mal die Maskenaffäre zu nennen. Daher meine Frage – braucht es in Deutschland mehr Transparenz zu Parteispenden oder sind die bestehenden Regelungen ausreichend?

Valentin Zill: Mehr Transparenz reicht nicht. Durch Spenden an Parteien üben Unternehmen und Reiche weit überdurchschnittlichen politischen Einfluss aus. Dabei geht laut unserer Verfassung doch alle Macht vom Volke aus. Unternehmensspenden an Parteien sollten ganz verboten und Zuwendungen von Einzelpersonen deutlich gedeckelt werden.

Erklären Sie in einem Satz, worin Sie sich von den anderen Kandidaten unterscheiden! Warum sollten die Bürger Sie wählen?

Valentin Zill: Ich bin wählbar, aber nicht käuflich – die Linke ist die einzige Partei im Bundestag, die Unternehmensspenden kategorisch ablehnt. Ich setze mich für die Interessen derer ein, die keine Lobby haben.

Alle Kandidaten und Wissenswertes zur Bundestagswahl findet ihr hier.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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