Verkehrswende in Limburg: „Auch mal an die eigene Nase fassen“

Die gestrige Ortsbeiratssitzung war ein Lehrstück in der Frage, was Menschen bereit sind, in Kauf zu nehmen für die Verkehrswende und damit einhergehend für eine gesteigerte Lebensqualität.

Zwei Verkehrsthemen kamen gestern in der Ortsbeiratssitzung zur Sprache. Zum einen war dies die Parksituation im Wohngebiet „Am Meilenstein“. Zum anderen ging es um einen weiteren Baustein im Green City Plan, um weniger Verkehr in der Innenstadt zu haben. Bei beiden Themen ging es am Ende darum, welche Wegstrecken jemanden zuzumuten sind, weil er nicht direkt vor seinem Ziel parken kann. „Jeder muss sich auch mal an die eigene Nase fassen“, so Michael Wolf, Amtsleiter Ordnungsamt Limburg. Die Stadt möchte Parkplätze im öffentlichen Raum verringern für eine gesteigerte Lebensqualität, dann müssten die Menschen auch mal zurückstecken. „Es gibt keine Verbesserungen, ohne eine Kröte zu schlucken“, so Wolf. Diese Aussagen von ihm fassen ein wenig das Dilemma zusammen, mit dem die Stadt in Sachen Verkehrswende zu kämpfen hat.

Anwohner vermissen Parkplätze

Das Thema Parken im Wohngebiet „Am Meilenstein“ ist Dauerthema im Ortsbeirat. Als das Wohngebiet gebaut wurde, hatte noch nicht jeder Haushalt ein Auto. Heute haben manche Haushalte teilweise zwei Autos. Dies sorgt schon viele Jahre zu Parkproblemen. Durch den Zuzug junger Familien mit Kindern änderte sich die Situation vor Ort nochmal. Im Frühjahr kam es fast zu einem Unfall mit einem Kind. Darauf hin trat die Stadt mit den Anwohnern in einen Bürgerdialog, um eine gemeinsame Lösung zu finden (Quelle Nassauische Neue Presse, 07. April)

Da die Sicherheit der Bürger am wichtigsten ist, ist das Wohngebiet zu einem verkehrsberuhigten Bereich umgewandelt worden. „Diese Maßnahme geht zu Lasten der Parker, jedoch haben wir dies klar mit den Anwohnern kommuniziert und ab September umgesetzt“, so Wolf. Für verkehrsberuhigte Bereiche gibt es klare gesetzliche Vorgaben, an denen auch die Stadt nicht rütteln könne. Daher ist ein Anwohnerparken nicht mehr erlaubt und alle Parkplätze sind explizit ausgezeichnet. Außerhalb der markierten Flächen darf nicht geparkt werden und dies ahndet das Ordnungsamt auch.

Parken in der ganzen Stadt Problem

In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass durch diese Maßnahme 17 Parkplätze weniger in dem Wohngebiet zur Verfügung stehen. Die Anwohner hätten die Möglichkeit, auf dem Pendlerparkplatz vom Tal Josaphat zu parken oder einen Parkplatz beim Rewe zu mieten. Dagegen sprachen sich die Anwohner aus. Der Pendlerparkplatz sei zu gefährlich und ein angemieteter Parkplatz auf Dauer zu teuer. Sehr emotional trugen die Anwohner ihre Bedenken vor und wiesen darauf hin, dass sie gerne gehört werden wollen.

Oliver Schrangs (SPD) wies darauf hin, dass das Wohngebiet „Am Meilenstein“ nicht das einzige Wohngebiet in Limburg sei, wo es Probleme mit Parkplätzen gibt. Zu gebe es kein Wohngebiet in der Stadt, mit dem sich der Ortsbeirat so intensiv auseinandergesetzt habe. „Ihr seid nicht alleine, dass ist ein Thema in der ganzen Stadt“, so Schrangs, „was wir als Ortsbeirat machen konnten, haben wir gemacht.“ Er empfahl den Anwohnern, mit dem Vermieter zu sprechen, damit der eine Lösung findet. Auch Michael Wolf erklärte nochmal, dass Parkplätze im öffentlichen Raum eine freiwillige Leistung der Verwaltung seien und dass der Stadt auch daran gelegen ist, das Parken im öffentlichen Raum zu verringern. Der Ortsbeirat verständigte sich darauf, sich den Pendlerparkplatz nochmal anzuschauen und zu prüfen, ob dieser mit mehr Licht, Kontrollen und Videoüberwachung sicherer gestaltet werden kann.

Lieferzonen für die Innenstadt

Auch beim Thema Lieferzonen, ein Baustein des Green City Plans, sorgte für Diskussionen. Auswertungen ergaben, dass im Jahr rund 1,9 Millionen Pakete in Limburg zugestellt werden. Auf den Citybereich entfallen dabei 300.000 Sendungen, wobei die Planer davon ausgehen, dass diese in den nächsten Jahren noch zunehmen werden. Derzeit parken die Lieferdienste in der zweiten Reihe, blockieren damit den Verkehrsfluss. Mit dem Citylogistik-Konzept möchte die Stadt diesem Problem begegnen. Dafür sollen rund um den Innenstadtbereich zehn Lieferzonen entstehen, in denen die Lieferdienste parken können. Von dort können sie die Sendungen zu Fuß ausliefern oder auf ein Lastenrad umsteigen. In die Planungen waren die verschiedenen Lieferanten mit involviert.

Folgende Lieferzonen sind vorgesehen und sollen nun umgesetzt werden: zwei Standorte in der Grabenstraße an der nördlichen Begrenzung des Neumarktes, ein Standort in der Dr.-Wolff-Straße zwischen der Einmündung Grabenstraße und Frankenstraße, zwei Standorte entlang der Schiede auf dem Teilstück zwischen den Einmündungen Diezer Straße und Josef-Ludwig-Straße sowie im Norden der Hospitalstraße. Neben den Lieferzonen sollen Orte mit Mikrodepots entstehen, wo die Pakete zur weiteren Versendung an den Endverbraucher umgeladen werden.

Offene Fragen

Die CDU steht dem Konzept laut Stefan Schäfer positiv gegenüber. Dennoch würde er gerne wissen, wie viele Parkplätze am Straßenrand für die Lieferzone wegfallen werden. Immerhin würden vor allem ältere Menschen und Frauen lieber am Straßenrand parken als in den Parkhäusern der Stadt. Dies lässt sich aktuell noch nicht beziffern. Aber Michael Wolf wies darauf hin, dass viel in die Parkhäuser investiert wurde, um diese heller und freundlicher zu gestalten. Zudem sieht der Masterplan Mobilität vor, die Parkplätze am Straßenrand zu reduzieren.

Christina Baldus-Hummer (Grüne) wollte wissen, wie viele Fahrzeuge pro Lieferzone parken können. Derzeit kann ein Fahrzeug parken. Für sie entstehe dadurch ein neuer Parksuchverkehr, der ja eigentlich verhindert werden soll. Die Mitarbeiter der Stadt wiesen darauf hin, dass zum einen die Lieferdienste in die Planungen involviert waren. Zum anderen würde das Ordnungsamt mit Einführung der Lieferzonen auch verstärkte Kontrollen im Innenbereich der Stadt durchführen, um den Druck auf die Lieferanten aufzubauen, die Lieferzonen zu nutzen. Für Frank F. König (FDP) waren noch zu viele Fragen offen, so dass er am Ende als Einziger dem Konzept nicht zustimmte.

Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

2 thoughts on “Verkehrswende in Limburg: „Auch mal an die eigene Nase fassen“

  • 28. Oktober 2021 um 17:43
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    Eine interessante Diskussion, die da in Limburg läuft. Doch Limburg steht hier nur beispielhaft für viele Klein- und Mittelstädte. Die Verkehrswende ist im Kopf der Menschen noch nicht angekommen. Der Vorrang für das Auto, freie Fahrt für freie Bürger, alles Redewendungen die uns gut bekannt sind. Deutschland ist eben das Land der großen Automobilkonzerne und welcher Stadtplaner oder Politiker traut sich da, das Auto aus den Städten oder Wohngebieten zu verdammen. Beispiel Niederlande oder Dänemark. Hier gibt es keine Autolobby und hier wurde schon in den 50er Jahren, Verkehrsraum Stück für Stück für Fußgänger, Radfahrer und mehr abgezweigt. Langsam aber stetig. Das Ergebnis kann gut beobachtet werden, denn die Wohn- und Lebensqualität dort in den Städten, auch in den Zentren steigt. Deutschland hat da noch einen weiten Weg vor sich und Diskussionen, wie in Limburg wird es in vielen Städten geben. Hartmut Bock, Weilburg

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  • 31. Oktober 2021 um 21:49
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    Wünschenswert wäre eigentlich eine Zustellung möglichst vieler Paketzustellfirmen durch einen Zustelldienst. Paketfirmen liefern an den Zustelldienst und der übernimmt die Zustellung für die „letzte Meile“, sprich innerhalb der Kernstadt. 1. verringert sich der Ausstoß von Abgasen. Beispiel derzeit: Straße mit 50 Wohnungen, 5 Paketdienste liefern jeweils 2 Pakete in die Straße. Ergebnis: 5 Lkw befahren die Straße. Modell Zustelldienst: 5 Paketzusteller liefern an einen Sammelpunkt. Mehrere Endzusteller verteilen dann in einem Zug alle 10 Pakete. Wenn möglich, dann mit einem Lastenfahrrad o.ä. – 2. Dadurch haben die Zusteller dann auch eine bessere Ortskenntnis und es kommt weniger zu falschen Lieferverweigerungen. Bei mir haben GLS und UPS jeweils 1 x die Zustellung verweigert mit dem Vermerk „Adresse nicht zu finden“ o.ä. obwohl Straßenschild, Haus-Nr. und Klingel gut lesbar sind!

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