Wie frühkindliche Reflexe uns einschränken können

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Reflexe kennt jeder. Sie sind dazu da, uns zu schützen. So gehen die Arme bei einem Sturz nach vorne, um uns abzufangen. Oder wir ziehen die Hand zurück, wenn wir auf eine heiße Herdplatte fassen. Diese Reflexe sind lebenswichtig. Doch es gibt auch Reflexe, welche nicht zeitlebens aktiv sein sollten. Dann stellt sich die Frage, ob diese für uns hinderlich sein können und wenn ja, was dagegen getan werden kann.

Mit Alexandra Kunz vom „Kids Coaching“ sprach ich darüber, wie Reflexe uns beeinflussen und auch einschränken können. Ihre Reflexintegration kann helfen bei Konzentrations- und Lernproblemen, bei ADHS oder ADS. Die Diplom-Betriebswirtin ist seit zwei Jahren selbständig mit der Reflexintegration sowie dem Kinder- und Jugendcoaching. Hinzu kam das Hörtraining, der Lerncoach und zum Schluss der Legasthenie- und Rechtschreibtrainer. Damit ist ihr eine ganzheitliche Betrachtung von Kindern möglich.

Welche Kinder können zu Ihnen kommen?

Alexandra Kunz: Zu mir kommen Kinder mit ADHS oder ADS, mit Konzentrationsproblemen, fehlender Impulskontrolle, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Augen- oder Hörproblemen – kurzgesagt Kinder, bei denen die Eltern das Gefühl haben, das etwas nicht passt. Die Basis meiner Arbeit ist die Reflexintegration, aber ich gehe bei allen Kindern mit einem ganzheitlichen Ansatz heran.

Werden diese Kinder vom Arzt zu Ihnen geschickt? Oder kommen Eltern zu Ihnen, die nicht mehr weiterwissen und Hilfe suchen?

Alexandra Kunz: Ärzte schicken die Eltern nicht. Ich arbeite nur auf Privatrechnung und da ich keinen medizinischen Hintergrund habe, bin ich bei allen ärztlichen Rezepten raus. Eltern finden mich, weil sie verzweifelt sind und mich anrufen. Sie finden durch Mundpropaganda zu mir oder es ergibt sich manches durch Gespräche. Ich muss dann abwägen, ob es Themen sind, die in meinen Bereich fallen oder nicht. Auch wegen Mobbing rufen viele an. Wenn ich merke, da steckt mehr dahinter und ich kann nicht weiterhelfen, dann verweise ich die Eltern aber auch an Ärzte weiter, damit sie sich medizinische Hilfe suchen können.

Ist es trotzdem bei den Ärzten auf dem Schirm, dass es sowas gibt? Dass sie zwar kein Rezept schreiben, aber die Eltern zu Ihnen schicken?

Alexandra Kunz: Es wäre schön, wenn es so wäre. Reflexintegration kennt eigentlich kein Arzt. Die Kinderärzte testen Reflexe bei den Untersuchungen, aber die Reflexintegration kennt so richtig keiner. Ich würde mir erhoffen, dass die Ärzte dies mit aufnehmen würden. Aber ich glaube, das dauert noch. Es müsste sich viel mehr rumsprechen, dass es das gibt.

Wenn benötigte Reflexe nicht abgerufen werden

Reflexe kennt jeder. Aber von Reflexintegration habe ich noch nie etwas gehört. Können Sie mir erklären, was Sie damit meinen?

Alexandra Kunz: Es gibt lebenswichtige Reflexe wie der Augenschließreflex, damit nichts ins Auge gelangt oder dass man sich beim Hinfallen mit den Händen abfängt. Diese Reflexe sind sehr wichtig. Aber es gibt auch Reflexe, welche wir nicht mehr benötigen und die stören. Ich schaue mir bei meiner Arbeit nur die frühkindlichen Reflexe an. Diese entwickeln sich bereits in der 12. Schwangerschaftswoche bei den Embryonen. Sie trainieren verschiedene Sachen wie Strecken und Drehen, damit sie den komplexen Geburtsprozess überleben. Bei der Geburt werden ganz viele dieser Reflexe abgerufen und verschwinden danach, weil sie nicht mehr benötigt werden. Dies geschieht meist in den ersten zwölf Monaten.

Bei einem Kaiserschnitt werden diese Reflexe jedoch nicht benötigt, daher nicht abgerufen und nicht benutzt. Dann können diese Reflexe bestehen bleiben. Oder wenn Kinder das Krabbeln überspringen, dann freuen sich zwar die Eltern, aber bestimmte Reflexe werden nicht abgerufen und bleiben weiterhin vorhanden. Beim Stillen haben die Babys einen Saug- und Zugreflex, der beim nicht stillen bestehen bleibt.
Der Moro-Reflex ist ein Schutzreflex. Wenn ein Baby erschreckt, holt es schnappartig Luft. Diesen Reflex benötigt das Baby direkt nach der Geburt, um Luft zu holen. Dieser bleibt in den ersten Monaten erhalten, sollte dann aber verschwinden. Denn es ist ein absoluter Stressreflex, bei dem der Körper mit Cortison und Adrenalin überschwemmt wird. Auslöser dieses Reflexes können verschiedene Ursachen haben wie Lärm, Gerüche, Licht.

Wenn ich dies auf einen Nenner bringe, werden Kinder durch Reflexe, welche nicht verschwunden sind, eingeschränkt?

Alexandra Kunz: Ja, genau. Sie können oftmals nicht benennen was sie stört, sie merken nur, dass sie etwas stört.

Wie können sich solche hinderlichen Reflexe äußern?

Alexandra Kunz: Die Kinder werden durch Lichtreflexe abgelenkt, Gerüche stören sie oder Geräusche lassen sie erschrecken. Die Kleidung kratzt, die Stuhllehne scheint zu hart oder das Sitzen unangenehm.

Es sind also Kinder, die sich durch irgendetwas gestört fühlen und sich bewegen. Der Lehrer sieht dann aber ein unruhiges Kind in seiner Klasse sitzen?

Alexandra Kunz: Genau, da kommt dann ADHS und ADS ins Spiel. Bei diesen Kindern konnte ich und meine Kollegen schon tolle Erfahrungen machen. Die Kinder werden durch die Integration der Reflexe ruhiger oder auch konzentrierter. Die Schulnoten werden besser und teilweise können auch die Medikamente runtergefahren werden.

Das sich die Reflexe nicht zurückbilden, kann das allen Kindern passieren? Oder gibt es Faktoren, welche dies befördern?

Alexandra Kunz: Dies kann allen Kindern passieren. Wenn im Geburtsprozess etwas nicht lief, es zum Kaiserschnitt oder zum Einsatz der Geburtsglocke kam, hat die Mutter ja keinen Einfluss drauf. Natürlich liegt es an den Eltern, sich um ihre Kinder zu kümmern. Wenn sie sich mit dem Kind nicht beschäftigen, sondern es nur auf den Rücken legen oder im Maxi Cosi, dann passiert da auch nichts. In dem Moment, wo man sich mit dem Kind beschäftigt, es auf den Bauch legt, dann passiert da ganz viel und die Reflexe werden abgerufen. Spielerisch werden diese animiert, bestimmte Sachen zu machen. Bewegung ist ein großes Thema, das mit reinspielt.

Ich habe gelesen, dass Sie sehr viel mit Bewegung arbeiten. Machen Sie dann mit den Kindern motorische Übungen, welche sie eigentlich als Kleinkind hätten machen müssen, um dem Reflex zu sagen, dass er nicht mehr benötigt wird?

Alexandra Kunz: Ja, die Reflexintegration ist ein Bewegungsprogramm.

Können sich Reflexe auch so stark manifestieren, dass sie durch dieses Programm nicht verschwinden?

Alexandra Kunz: Nein, die gehen schon weg. Es gibt Reflexe, die können wiederkommen wie der Moro-Reflex. Der ist genetisch in uns drin als Angstreflex. Wenn er weg ist, sind die Kinder erstmal anders. Die Eltern merken recht schnell, wenn er wiederkommt und wir können durch Fragen herausfinden, was sich verändert hat. Diese Situation kann dann besprochen werden.

Was passiert, wenn die Familien zu Ihnen kommen?

Alexandra Kunz: Ich beginne mit der Arbeit am liebsten im Vorschulalter. Das Erstgespräch ist immer mit den Eltern am Telefon und ich schicke ihnen einen Fragebogen zur Entwicklung des Kindes. Kommen dann die Eltern zu mir, sollen sich die Kinder hier wohlfühlen. Viele Kinder haben schon einiges hinter sich. Ich habe die Kinder hier ständig unter Beobachtung. Wie wird ein Stift gehalten? Welches Verhalten zeigen sie gegenüber ihren Eltern? Wie sitzen sie? Diese Beobachtung merken sie gar nicht.

Ich schaue mir die Reflexe alle an und arbeite diese ab, aber nicht alle auf einmal. Manche sieht man direkt oder ich teste sie mit einem Muskeltest aus. Mit den Kindern mache ich dann Umkehrübungen, gebe dem Körper neue Impulse. Den Familien gebe ich Übungen mit nach Hause und nach vier bis sechs Wochen schaue ich, ob der Reflex noch da ist oder verschwunden.

Die Eltern müssen also bereit sein, bei der Behandlung mitzumachen?

Alexandra Kunz: Genau. Sie haben fünf bis zehn Minuten am Tag, wo sie mit den Kindern arbeiten. Nach vier bis sechs Wochen sehe ich die Kinder dann.

Kids Coaching Alexandra Kunz Dornburg

Ganzheitliche Betrachtung der Kinder

Was genau machen Sie mit den Kindern?

Alexandra Kunz: Ich arbeite mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing Anm.d.Red), einem Gerät aus der Traumatherapie, mit dem die Kinder links-rechts-Impulse bekommen. Das Gerät summt, was die Kinder lustig finden. Es gibt ständig Impulse im Gehirn, abwechselnd links und rechts. Die Reflexintegration arbeitet demnach im Gehirn und es wird die neuronale Reife nachgeholt. Es werden Synapsen im Gehirn gebildet, angelegt und weiterentwickelt, damit sich diese festigen. Auch den Eltern sage ich, dass sie eine Übung unterschiedlich häufig wiederholen müssen und nach einer kurzen Pause nochmal. Dadurch geschieht etwas im Gehirn. Reflexintegration ist demnach Arbeit am Gehirn.

Kann jede Unruhe oder Lernschwäche auf solche vorhandenen Reflexe zurückgeführt werden? Oder gibt es auch Kinder, wo es andere Ursachen gibt?

Alexandra Kunz: Es gibt viele verschiedene Ursachen. Reflexintegration ist ein Bereich. Natürlich ist auch das Umfeld bestimmend, was mit betrachtet werden muss. Oder wenn etwas mit den Augen nicht stimmt, schicke ich die Familien zum Augenarzt. Da kann auch ein Besuch eines Visualtrainers helfen. Ich kann noch ein paar Sachen sehen, aber nicht selbst handeln und dann schicke ich die Kinder weiter.

Es gibt auch eine Stoffwechselstörung KPU (Kryptopyrrolurie), welche angeboren oder erworben sein kann. Mit einem einfachen Urintest kann dies überprüft werden. Diese kann ebenfalls Unruhe verursachen. Diese Familien schicke ich dann zu einem Heilpraktiker weiter. Vor allem bei ADHS-Kindern kommt dies oft vor. Auch ein Vitalstoffmangel wie Omega-3-Fettsäuren kann Ursache sein. Daher schaue ich auch immer ganzheitlich auf die Kinder. Bei manchen Ursachen wie Ängsten oder Unruhe gehe ich in den Coaching-Bereich, weil Gespräche über ein Problem bereits helfen können. Kurz gesagt – Ich schaue mir die Kinder im Ganzen an, ohne sie zu überfordern, weil es sonst zu viel für sie ist. Die Basis ist immer die Reflexintegration und dabei sehe ich ganz viel.

Also hat Ihre Arbeit auch psychologische Komponenten?

Alexandra Kunz: Ja, würde ich schon sagen.

Was bieten Sie noch in ihrer Arbeit an?

Alexandra Kunz: Ich will die Eltern nicht überfordern, wenn sie herkommen. Daher muss ich die Themen abtasten. Augen sind Thema, dann schicke ich die Familien zum Augenarzt. Aber auch Hören und damit die Wahrnehmung kann Thema sein. Ich mache hier Hörtests und biete ein Hörtraining an. Ich kann damit auditive Wahrnehmungsstörungen erkennen und ob das Kind unterschiedlich auf den Ohren hört. Am Ende erhalten sie eine CD mit verschieden Tönen, mit dem sie das Hören gezielt trainieren können. Das sind zehn Minuten am Tag, also kaum Aufwand. Dies ist wichtig, um auch in einer Klassensituation alles wahrzunehmen. Mit diesem Training bekommen die Kinder viel mehr mit. Und wenn man Probleme beim Hören hat, dann wirkt sich dies wiederum auf das Schreiben aus.

Sie erwähnten, dass Sie mit Kindern im Vorschulalter mit der Arbeit beginnen können. Kommen denn die Eltern schon so früh?

Alexandra Kunz: Meistens kommen sie zu spät. Die meisten meiner Patienten kommen in der zweiten oder dritten Klasse zu mir. Alles über 10 Jahre wird schwierig, da die Kinder keine Lust mehr haben, die Übungen mit ihren Eltern zu machen.

Naja, meist manifestieren sich die Probleme ja erst in der Schule.

Alexandra Kunz: Das stimmt. Ich finde es sehr schade, dass in der Frühförderung im Kindergarten nicht so viel läuft. Bereits an der Stifthaltung könnte zum Beispiel schon erkannt werden, dass es da Probleme geben könnte. Mein Wunsch ist es, mehr Frühförderung zu machen. Zum einen beim Rechtschreibtraining. Wenn die Eltern schon eine Schwäche hatten, kann es das Kind auch haben und da lässt sich in der Frühförderung schon viel machen.

Was sind denn so die Sachen, wo ich als Elternteil aufmerksam werden und mich an Sie wenden kann?

Alexandra Kunz: Das sind verschiedene Sachen. Gab es einen Kaiserschnitt? Wie war das Baby in seiner Motorik? Wie hält es den Stift? Daraus lässt sich viel schließen. Da hilft der Fragebogen weiter.
Insgesamt kann auf die Motorik der Kinder geachtet werden. Kann es balancieren, Purzelbaum machen? Ist die Zunge draußen beim Malen oder Schreiben? Gibt es Auffälligkeiten beim Hören? Es geht mir um alle Kinder, wo die Eltern das Gefühl haben, dass etwas nicht passt. Bereits mit kleinen Dingen kann ich helfen.

Wieviel Zeit muss ich einrechnen?

Alexandra Kunz: Im Durchschnitt muss man mit einem Jahr rechnen.

Sie sagen, der beste Zeitpunkt wäre das Vorschulalter. Wäre denn eine Zusammenarbeit mit den Kindergärten möglich?

Alexandra Kunz: Auf jeden Fall. Da gibt es schöne Übungen, wo die Kinder nicht merken, dass man mit ihnen etwas macht. Thema ist hierbei, dass es leider extra kostet und manche Eltern nicht bereit sind, dies zu bezahlen. Wenn der Träger hier einspringen würde, vor allem auch in der Vorschularbeit, das wäre prima. Für so eine Zusammenarbeit wäre ich sehr offen.

Haben Sie Wünsche im Zusammenhang mit ihrer Arbeit?

Alexandra Kunz: Mein Traum ist es, einen Verein zu gründen, der die Arbeit finanziell unterstützt, um damit die Kosten der Eltern abzufedern. Da gibt es Fördermöglichkeiten. Daher empfehle ich den Familien, einfach mal vorbeizukommen und sich das anzuschauen. Der Bedarf wird immer größer.

 

Wer sich näher über die Arbeit von Alexandra Kunz informieren möchte, kann dies auf ihrer Homepage „Kids Coaching-Alexandra Kunz“ tun oder auf ihrer Facebook-Seite.


 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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