„Wir retten Lebensmittel vor dem Müll“

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Wer sich an dem Mülleimer eines Supermarktes bedient, begeht Diebstahl. Doch es gibt andere Möglichkeiten, Lebensmittel vor dem Müll zu bewahren. Zwei Foodsharer gaben einen Einblick in ihre Arbeit und ihre Motivation.

Erst vor kurzem bestätigte das Bundesverfassungsgericht erneut, dass es sich um Diebstahl handelt, wenn jemand Lebensmittel aus dem Müll eines Supermarktes fischt. Gleichzeitig mahnte das Gericht aber auch an, dass es einer politischen Entscheidung für das Containern bedarf. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 13 Millionen Tonnen im Müll landen, wäre es sinnvoll, etwas dagegen zu machen. Wer Interesse hat, Lebensmittel vor dem Müll zu retten, kann sich jedoch einer Foodsharing-Gruppe anschließen. Diese gehen Kooperationen mit den Lebensmittelgeschäften ein und dürfen übrig gebliebene Produkte mitnehmen, bevor sie im Müll landen.

200 aktive Foodsaver

Anne Olschewski ist Foodsharing-Botschafterin im Landkreis und war die Initiatorin für die Gruppe hier vor Ort. Vor drei Jahren hatte sie eigentlich in Frankfurt und Wiesbaden angefangen, um ihre Tochter zu unterstützen. Einmal die Woche hat sie Brot und Brötchen geholt und diese dann nach Diez ins Kalkwerk gebracht. „Die erste Zeit verlief es sehr schleppend“, erinnert sie sich, „die Leute hatten einfach die falsche Vorstellung gehabt.“ Vor eineinhalb Jahren begann es so richtig hier im Landkreis und mit dem „Gefrorenen Glück“ in Diez gab es dann auch die erste Kooperation. Was für sie als Einzelkämpferin begann, ist inzwischen eine Initiative mit 200 aktiven Foodsavern und vier Botschaftern. Kooperationen bestehen mit 48 Geschäften, wo teilweise täglich übrig gebliebene Lebensmittel abgeholt werden.

„In drei Jahren haben wir rund 146 Tonnen Lebensmittel gerettet“, kann Olschewski stolz berichten. Zum einen werden die Lebensmittel über sogenannte „Fairteiler“ verteilt, welche es in Staffel, in Katzenelnbogen, beim Willkommenskreis Diez (samstags von 11 bis 13 Uhr), im Mütterzentrum Limburg (zu den Öffnungszeiten) sowie im Ikufaz Hadamar (Dienstag und Freitag ab 18 Uhr) gibt. Und zum anderen hat jeder Foodsaver ein kleines Netzwerk, wo er Lebensmittel hinbringt. Auch soziale Projekte wie das Frauenhaus in Limburg oder das Obdachlosenasyl profitieren davon. Jetzt zu Corona-Zeiten versorgen sie auch Menschen in Quarantäne und haben einige Wochen das Lädchen in Limburg geführt. Auch die Demonstrationen von Fridays For Future haben sie schon unterstützt.

Mehr Wertschätzung für Lebensmittel

Olschewski freut sich, dass ein Umdenken stattfinden. Darin sieht sie auch ihre Aufgabe. Sie stellt fest, dass Betriebe inzwischen wertschätzender mit den Lebensmitteln umgehen und genauer schauen, was in den Müll gehört und was noch nicht. Auch die Qualität der Lebensmittel, welche sie abholen, ändert sich. „Ein Umdenken findet statt“, so Olschewski. Auch wenn es genügend Menschen gibt, die sich über die Lebensmittel freuen, ist das große Ziel von Foodsharing, dass keine Lebensmittel mehr weggeworfen werden. „Doch dieses Ziel ist utopisch“, so die Botschafterin. Aber wenn es weniger werden, ist dies der richtige Weg.

So lange der Verbraucher erwartet, abends im Supermarkt noch das volle Angebot vorzufinden, wird sich daran in ihren Augen auch nichts ändern. „Ein ganzes Stück wäre gewonnen, wenn fertige Salate oder geschnittenes Obst in Plastikverpackungen abgeschafft werden würden“, so ihre Meinung. Das Zeug wird sehr schnell schlecht und stellt einen großen Anteil am Müll dar.

„Foodsharing hat nichts mit Bedürftigkeit zu tun“

Eine der Foodsaver ist Maria Beinlich aus Elz. „Ich kann es nicht haben, wenn jemand etwas wegschmeißt“, so ihre Beweggründe. Los ging es mit einem Aufruf auf Facebook, wo jemand Mirabellen verschenkte. Durch diese Aktion kam sie vor zwei Jahren zum Foodsharing. Und eines ist ihr ganz wichtig, klar zu stellen: „Foodsharing hat nichts mit Bedürftigkeit zu tun, sondern wir retten Lebensmittel vor der Mülltonne“, so Beinlich. Die Foodsaver selbst dürfen Produkte behalten, welche sie verwenden können und an den „Fairteilern“ kann sich jeder bedienen.

Neben dem Retten der Lebensmittel gibt sie in den Haushalten, wo sie Lebensmittel hinbringt auch gerne Tipps für eine bessere Lagerung für eine längere Haltbarkeit. Und sie findet es auch gut, dass sie dadurch Einblicke in verschiedene Betriebe erhält. „Ich kann meine Wertschätzung den Lebensmitteln gegenüber zeigen und auch zeigen, dass krummes Gemüse essbar ist“, so Beinlich.

Wer sich als Foodsaver anmeldet, begleitet erst einen Foodsaver, der darauf hinweist, wie die Abholungen ablaufen. Dann müssen drei Probeabholungen getätigt werden. Über eine gut laufende WhatsApp-Gruppe gibt es dann immer die Aufträge und wer Zeit hat, kann sich melden. „Ich hoffe, dass auch die Menschen mehr über Lebensmittel nachdenken und nicht einfach unbedarft Sachen wegschmeißen“, so der Wunsch von Beinlich. Ein gewisses Maß an Verantwortung mitbringen, denn es kommt einiges in der Woche zusammen. An einem „Fairteiler“ darf sich jeder so viel nehmen wie er möchte. Wobei darauf hingewiesen wird, nur so viel zu nehmen, wie man auch wirklich braucht. In den zwei Jahren, in denen Maria Beinlich sich engagiert, hat sie in 490 Abholungen sechs Tonnen Lebensmittel gerettet.

Über foodsharing

foodsharing ist eine 2012 entstandene Initiative gegen Lebensmittelverschwendung. Überproduzierte und nicht gewollte Lebensmittel „retten“ die Initiatoren vor der Tonne und verteilen sie unentgeltlich an Interessierte, Bedürftige und Organisationen wie z.B. Obdachlosenheime. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind bisher 200.000 Nutzer:innen registriert. Über 30.000 Foodsaver sind unterwegs. Sie alle trugen dazu bei, dass bisher mehr als 11 Millionen Kilogramm Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt wurden.

Neben dem Retten von Lebensmitteln wollen die Aktiven auch Bildungspolitik betreiben und ihr Umfeld zum Umdenken anregen.

Die Foodsharing-Gruppe Limburg-Diez hat eine Facebook-Gruppe, wo ihr mehr Informationen findet.

 

 


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Heike Lachnit

Ich bin freie Lokaljournalistin in der Region um Limburg. Auf HL-Journal schreibe ich über die Themen, die nicht immer in der Zeitung Platz haben oder die mir am Herzen liegen.

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